Pechkekse und lyrische Tattoos

Im Kulturzentrum Progr ist – pünktlich zum Weihnachtsgeschäft – ein Laden eröffnet worden. «Erlesen» soll laut Gründungsmitglied Matthias Vatter hauseigenem Kulturschaffen eine Plattform bieten.

Er setzt auf vereinte Kräfte. Matthias Vatter (rechts) und ein paar der Genossenschafter.

Er setzt auf vereinte Kräfte. Matthias Vatter (rechts) und ein paar der Genossenschafter. Bild: Adrian Moser

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Es bedarf nicht vieler Worte, um zu merken: Matthias Vatter, das ist einer, der hat sich das gut überlegt. Der sympathische Machertyp mit dem festen Händedruck und der klaren Stimme spricht von «Synergien, die es zu nutzen gelte» und vom «hohen Anspruch an Inhalt und Form». Der Berner hat gemeinsam mit seiner Schwester Anja Vatter (mit der er bereits den Verlag Vatter?&?Vatter führt), seiner Frau Beatrice Kaufmann, dem Fotografen Martin Bichsel und dem Marketingplaner Florian Knapp eine Genossenschaft gegründet und den Laden Erlesen – Raum für gedruckte Feinkost eröffnet.

Im Angebot: Magazine, Memory-Spiele und allerhand kleiner Schätze, die der originellen Wortwahl huldigen. «Jedenfalls kein Wegwerf-Gugus», sagt Matthias Vatter. Zu erwerben gibt es nebst Pechkeksen, lyrischen Tattoos («Ach, du lieber Schwan») und gediegenem Schwulenmagazin («hello mr.») auch Produkte von Künstlern, die im Progr ihr Atelier haben. «Wir sehen uns als weiteres Fenster zum hauseigenen Kulturschaffen», sagt Vatter. «Für die Musikerinnen und Schauspieler gibt es Bühnen, für die Malerinnen Galerien. Aber was ist mit Grafikern, und all den Kunstschaffenden aus verschiedensten Sparten, die auch Produkte in gedruckter Form kreieren, wo können sie sie zeigen? Diese Lücke wollen wir füllen.» Im Erlesen sind auch DVDs und CDs zu finden – jedenfalls solche, die grafisch und worttechnisch einen Mehrwert bieten. So wie etwa «Der Antiquar am Hirschengraben», einem Film von Andrea Leila Kuehni. Die DVD gibt es mitsamt Booklet und Texten von Gerhard Meister.

In guter Gesellschaft

Im Westflügel des Kulturzentrums Progr haben sie sich eingenistet mit ihrem «Lädeli», wie es Matthias Vatter nennt, im Erdgeschoss nämlich. Dort sind sie in guter Gesellschaft mit anderen kommerziellen Betrieben: dem Konzertlokal Turnhalle etwa und der Café-Bar Lehrerzimmer. In letzterer wird übrigens auch Lesestoff verkauft. «Aber primär Kunstbücher», sagt Matthias Vatter. «Bei uns im Erlesen wollen wir unterschiedliche Formate pflegen.»

Der Geruch von frischem Leim

Ist es Zufall, dass Erlesen gerade jetzt, um die Weihnachtszeit herum, Eröffnung feiert? «Natürlich nicht», sagt Vatter. «Der Geschenkaspekt ist sicher zentral, da machen wir kein Geheimnis draus.» Zur Geschäftsidee inspirieren liessen sich die Geschwister von Do You Read Me, einem Laden in Berlin, der Wahlheimat von Anja Vatter. «Deren Konzept ist extrem breit gefächert, geboten wird viel Internationales», begründet Matthias Vatter. So denken sie auch für Erlesen mehrdimensional: Der Raum wird parallel zur Ladenfläche als Büro genutzt, und bald wollen sie ihn für Veranstaltungen öffnen. In diesem Mini-Laden riecht es herrlich nach frisch gedruckten Seiten und dem Leim, der sie zusammenhält. Matthias Vatter schwebt an seiner feilgebotenen Ware vorbei und schwärmt – berechtigterweise – von der Schönheit der Dinge.

Auf die Frage, ob es auch Hässliches zu erstehen gebe, lacht Vatter. «Nicht wirklich.» Dieser Mann scheint vorbereitet auf die Kritik, die ihm entgegengehalten werden könnte. Er sagt: «In zehn Jahre wollen wir europaweit hundert Filialen besitzen», und meint das natürlich als Witz. «Wir haben ja erst gerade eröffnet und machen uns jetzt daran, dem Ganzen eine Form zu geben.» Er setzt auf vereinte Kräfte. «Wir haben bewusst die Genossenschaftsform gewählt und sind offen für alle Kunstformen. Denn letztlich funktioniert der Laden nur, wenn wir unser Schaffen mit den anderen Parteien hier im Haus verknüpfen.»

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag, ab 13 Uhr. Samstags ab 12 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 29.11.2015, 09:25 Uhr

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