Ob die Leser die vielen Anspielungen verstehen?

In Salman Rushdies neuem Roman «Golden House» tritt Donald Trump als despotischer Herrscher auf.

Schlägt die Leier an und singt, während Rom brennt: Peter Ustinov als Nero in «Quo vadis?». Foto: Everett Collection, Keystone

Schlägt die Leier an und singt, während Rom brennt: Peter Ustinov als Nero in «Quo vadis?». Foto: Everett Collection, Keystone

Manchmal schafft es ein erster Satz, ­sogleich und mit voller Wucht das gesamte Panorama eines vielhundertseitigen Buchs zu entwerfen. Mit einem solchen Satz startet Salman Rushdies neuer Roman:

«Am Tag der Amtseinführung des neuen Präsidenten, als wir Sorge hatten, er könnte, während er Hand in Hand mit seiner aussergewöhnlichen Frau durch die jubelnde Menschenmasse ging, ermordet werden, als so viele von uns wegen der geplatzten Hypothekenblase kurz vor dem wirtschaftlichen Ruin standen und als Isis noch eine ägyptische Göttin war, traf ein ungekrönter etwa siebzigjähriger König mit seinen drei mutterlosen Söhnen aus einem fernen Land in New York City ein, um seinen Palast im Exil zu beziehen, dabei verhielt er sich, als gäbe es an dem Land oder an der Welt oder an seiner eigenen Geschichte nichts auszusetzen, und begann wie ein gütiger Herrscher, seine Nachbarschaft zu regieren – doch trotz seines charmanten Lächelns und der Fähigkeit, seine Guadagnini-Geige von 1745 zu spielen, trug er ein schweres, billiges Parfüm, den unverkennbaren Geruch von krasser, despotischer Gefahr, diese Art Duft, der uns warnt, hüte dich vor diesem Kerl, er könnte jeden Augenblick deine Hinrichtung anordnen, wenn du zum Beispiel ein T-Shirt anhast, das ihm nicht gefällt, oder wenn er mit deiner Frau schlafen will.»

Nero Goldens Geige

Der Präsident ist natürlich Obama; beim ungekrönten König – man denkt unwillkürlich an Donald Trump – handelt es sich um Nero Golden, ein Name, der in seiner pompösen Unwahrscheinlichkeit die Anmassung seines Trägers spiegelt. Er geruht, sich nach dem letzten Kaiser der julisch-claudischen Dynastie zu nennen, der die Leier geschlagen und dazu gesungen haben soll, als Rom brannte. Die Leier hat sich in die Geige verwandelt, und auch ein Brand wird noch seinen Auftritt haben.

Nach Neros Domus aurea tauft Golden sein eigenes Domizil, das titelgebende Golden House. Auch die drei Söhne haben Namen aus derselben Epoche erhalten. Der älteste, Petronius, genannt Petya, heisst nach dem Verfasser des «Satyricon», der zweite Apuleius, abgekürzt Apu, nach dem Autor des «Goldenen Esels», der dritte Dionysus oder einfach D, nach dem Gott des Rauschs, dem er in seiner androgynen Schönheit zu gleichen scheint.

Sie alle führen, obwohl teils schon über vierzig, kein selbstständiges Leben und treten aus dem Schatten des Patriarchen erst spät und dann zu ihrem Schaden hervor. Petya ist ein Autist mit herausragender Inselbegabung für Fakten aller Art; Apu ein Künstler und Playboy; der schüchterne D ringt um die geschlechtliche Orientierung. Mit allen dreien und schliesslich auch mit dem Vater freundet sich der Erzähler René an, der, einer liberalen Professorenfamilie entstammend, im selben Block wohnt.

René fühlt sich als Schriftsteller und Regisseur grosser Filme im Wartestand und sucht nach dem Stoff, der ihn packt. Als er den Clan der Goldens erblickt, weiss er sofort: Das ist er. Denn es ist offensichtlich, dass dieser Clan ein Geheimnis hat.

Autor und Erzähler sparen nicht mit vorausdeutenden Sätzen, die klingen wie die unheimlichen Akkorde im Fernsehkrimi, wenn gleich etwas passiert: «Hätten wir das gewusst, hätten wir begriffen, dass etwas sehr Grosses verheimlicht wurde. Aber wir wussten es nicht.» Und weiter: «Ein Streit unter den Brüdern, eine unerwartete Metamorphose, das Auftauchen einer schönen, entschlossenen jungen Frau im Leben des alten Mannes, ein Mord. (Mehr als ein Mord.) Und schliesslich die gründliche Arbeit des Geheimdienstes in der Ferne, in dem Land, das keinen Namen hatte.»

Rushdie weiss, wie man den Leser anfüttert. Er verspricht ihm eine Lektüre, prall mit Charakteren und einem Plot, der ihm den Atem raubt und ihm dazu eine Kunst beschert, die all das in eine funkelnde Sprache und muskulöse Syntax giesst. Hätte er bloss nicht gar so viel verheissen! Denn der Roman bleibt nicht auf der Höhe dieses Anfangs.

Familie Golden bietet sich, trotz aller Dämonen im Hintergrund, lang als ein blosses Tableau dar; die Charaktere verharren in Untätigkeit, statt sich, wie es die Form des Romans erfordert, in ihren Handlungen zu entfalten und kundzugeben (was natürlich an der väterlichen Übermacht liegt, die sie nicht zu sich selbst kommen lässt). Was man über sie erfährt, glaubt man ihnen nicht recht. Petya ist ein begnadeter Erfinder von Computerspielen und hat damit Hunderte Millionen Dollar verdient. Keiner in seiner Umgebung hat etwas davon mitbekommen. Kann das sein? Apu ähnelt in seiner Kunst Salvador Dalí, nur ist er selbstverständlich besser. Aber das wird nicht gestaltet, sondern als Behauptung in den Raum gestellt.

Das Buch ist ein Making-of

Dazu wird am Fall von D die aktuelle Genderdebatte etwas zäh traktiert. D zaudert zwischen männlich und weiblich; der Erzähler, der anerkennt, dass das überkommene System der Pronomina solches Zaudern nicht angemessen abbildet, findet die Lösung, die maskulinen Formen einzuklammern. Auf längere Textstrecken wirkt das öde und doktrinär.

René, darin besteht die Ausgangssituation des Romans, will gleichzeitig ein Buch und ein Drehbuch erstellen. Das Buch, das der Leser in Händen hält, ist folglich noch gar kein solches, sondern eine Art Making-of, ein anekdotenreicher Appendix für die Fans. Es ermächtigt Autor und Erzähler, hunderttausend Querbezüge auf andere, ältere Filme unterzubringen, wobei sie einen exquisiten Geschmack beweisen. Für den Leser hat das den Nachteil, dass er mit diesen Anspielungen oft nichts anfangen kann. Es beschädigt zudem Spannung und Eigenständigkeit des Buchs, das teilweise wirkt, als wollte es lediglich berühmte Filmszenen nachstellen.

Grosses Regisseure-Raten

Rushdie ist ein gebildeter Mann; doch hat er seine Bildung nicht im Griff. Sobald er einen Gegenstand anschneidet, tendiert er zum Herunterrattern seiner diesbezüglichen Bestände. Wenn der Jungregisseur über einen passenden Namen für seinen Sohn nachdenkt, muss es unbedingt der eines erfolgreichen Kollegen sein. Aber welcher? «Er verdiente zumindest den Namen eines grossen Meisters des Kinos, Luis oder Kenji oder Akira oder Sergej, Ingmar oder Andrzej oder Luchino oder Michelangelo, François oder Jean-Luc oder Jean oder Jacques. Oder Orson oder Stanley oder Billy oder sogar, nüchtern, Clint.» Na, lieber Leser, heisst das, hast du auch alle identifiziert?

Es versteht sich von selbst, dass die feingeistigen Cineasten Rushdie und René beim grossen amerikanischen Schisma auf der Seite Clintons und nicht Trumps stehen. Trump erscheint immer wieder am Rande, schrill verfremdet zu The Joker aus «Batman», nur dass seine Frisur grün statt orange leuchtet. René und seine Freundin drehen kurze Filme, in denen er von Batwoman fertiggemacht wird, so richtig wie im Comic, mit Zack!, Bumm! und Bäng!, und für die sie viele Millionen Mal gelikt werden. Sehr erleuchtet ist das alles nicht, vielmehr bewegt es sich ungefähr auf dem Niveau, das sie dem Feind unterstellen.

Mit ihrer Karriere geht es steil bergauf. Der Patriarch hingegen wird am Schluss seine drei Söhne verloren haben. Dafür gewinnt er unerwartet einen vierten. Die angekündigte Aufklärung des Geheimnisses hinter der Flucht allerdings verläuft enttäuschend. Bei der Stadt, deren Name nicht genannt werden darf, handelt es sich um Mumbai, wo Neros Stellung als Bauunternehmer, die immer zwischen legaler und illegaler Aktivität geschwankt hat, zum Schluss unhaltbar wurde. Die kapitalen Ereignisse, die hier vorfallen, kommen nicht recht zur Geltung, weil eher ein Milieu als eine Handlung dargestellt wird, auch wenn die Gangster einander zu Dutzenden abschlachten. Nero Golden, von Alter und Schicksal gebeutelt, entscheidet sich zum grossen Geständnis. Aber kann man ein Milieu gestehen?

Doch seien auch die Vorzüge dieses Buchs nicht verschwiegen: In der Mitte erhält es einen plötzlichen Plotschub, durch Vasilisa, die junge Russin, die beschliesst, sich den alten Patriarchen zu angeln, und die das auch schafft. Gerade bei dieser Goldgräberin, wie man solche Frauen in Amerika nennt, entfaltet das Buch eine Differenzierungskunst, die ihm sonst abgeht. In ihrer Brust ringen zwei Seelen, nämlich die der liebes­bereiten jungen Frau, die es nur für fair hält, wenn sie im Austausch für Schönheit, Sex und Loyalität ein Leben im Wohlstand führt – und die der russischen Märchenhexe Baba Jaga. Sie macht René ein ebenso verblüffendes wie unmoralisches Angebot.

Der Erzähler, Verräter von Anbeginn, weil ihm seine Freunde insgeheim nichts als seinen Stoff bedeuten, begeht nunmehr echten Hochverrat. Und der Leser weiss sofort: Das wird womöglich klappen, aber gut gehen kann es nicht. Um dieses Handlungsstrangs willen hat man Rushdies Roman am Ende dann doch gern gelesen.

Salman Rushdie: Golden House. Roman. Aus dem Englischen von Sabine Herting. C. Bertelsmann, München 2017. 512 S., ca. 37 Fr.

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