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Nur als Frau kann der Mann ein guter Mensch bleiben

Murathan Mungans Novelle «Tschador» ist eine bestürzende Parabel auf eine Welt nach dem Krieg.

Die Oberflächenwahrnehmung des Murathan Mungan ist ungeheuer glamourös: Seine Bücher werden in der Türkei auf der Frontseite von «Hürryet» besprochen, seine Zeilen geistern schon als SMS durchs Land, bevor der entsprechende Gedichtband überhaupt in den Läden liegt, er verkauft von seinen Romanen 100'000 Exemplare im Buchhandel und viermal so viele als Raubkopien, und die grössten türkischen Popstars lassen sich Songtexte von ihm schreiben. Murathan Mungan, Jahrgang 1955, ist zudem ein schöner Mann. Das weiss er auch, die türkischen Frauenzeitschriften lieben sein Gesicht, und er sagt von sich: «Mein gutes Aussehen ist ein Vorteil jenseits der Literatur.»

Vor fünf Jahren, bei einem Treffen in seiner Wohnung im Istanbuler Stadtteil Cihangir, wo die Transvestiten wohnen, sagte er: «Lange dachte ich, die komplizierteste Sache der Welt sei es, einen Liebhaber zu finden, dabei ist es viel schwieriger, einen Übersetzer zu finden.» Inzwischen ist bereits der zweite Band von Murathan Mungan auf Deutsch erschienen, der erste war die Erzählsammlung «Palast des Ostens» (2006 im Zürcher Unionsverlag), jetzt ist es die Novelle «Tschador».

Man erwartet von einem Autor, der in seiner Heimat den Ruf eines Popstars geniesst, etwas Zugängliches, Zeitgemässes. Murathan Mungan dagegen liefert rätselhaft verschlüsselte, märchenhaft entrückte Literatur mit einem für westliche Ohren ungewohnt weihevollen Ton. Im «Palast des Ostens» waren das ganz aus der Gegenwart gefallene Geschichten, die nach «1001 Nacht» klangen. Jetzt, in «Tschador», ist es eine bestürzende Parabel auf eine Welt nach dem Krieg.

Die Geschichte ist schlicht: Ein junger Mann kehrt nach Jahren in der Fremde in seine zerstörte Heimat zurück. Sein Land – einen Namen besitzt es nicht – steht jetzt unter einem islamischen Regime. Mauern von Verboten teilen die Gesellschaft, seine Familie ist verschwunden, und vor allem fehlen die Frauen, sie müssen sich jetzt in Burkas mit Sichtgittern verstecken. Stumm huschen sie durch die Strassen und sind der Anfang einer unheimlichen totalitären Rückwärtsbewegung: «Wird Verhüllung erst zur Moral gemacht, dann geht es immer weiter so, nur finsterer und finsterer. Dann kennt die Verhüllung kein Ende mehr, bis hin zum Leichentuch.»

Die Burka verbirgt alles

Der junge Mann sucht und sucht, nach Menschen, Gefühlen, Gerüchen von einst, doch die Burka verbirgt nicht nur die Frauen, nein, sie trübt allmählich das ganze sinnliche Wahrnehmungsvermögen des Mannes. Er erkennt Mutter und Schwester nicht mehr, in der staubigen Stadt ohne Frauengesichter verliert er allmählich das Gefühl für das Gesicht seiner früheren Freundin, dafür wird es ersetzt durch die einschüchternden Szenarien öffentlicher Hinrichtungen. Und dann, als er alles verloren glaubt, entschliesst er sich dazu, überzutreten in die verborgene Welt der Frauen, entschliesst sich zur Flucht nach Innen, schlüpft selbst in eine Burka und verweigert fortan der feindlichen Welt sein Gesicht. Inmitten der grossen Tragödie wird die Travestie zur Subversion: Im Versteck, das den Frauen aufgezwungen wurde, ist es dem Mann möglich, ein anständiger Mensch zu bleiben. Das ist schlau, und selten hat man auf so wenig Seiten die Situation der Frau im Islam und die männliche Mechanik des Krieges so intelligent reflektiert gesehen.

«Mein grösster Erfolg besteht darin», sagte Murathan Mungan einmal, «dass ich in so einem Land wie der Türkei, das mit Schlachthäusern gefüllt ist, ein guter Mensch geblieben bin.» Wir möchten noch hinzufügen: Und dass er dabei ein so eindringliches kleines Buch wie «Tschador» geschrieben hat.

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