«Natürlich habe auch ich die Cover verziert»

Die Universal-Bibliothek von Reclam wird dieses Jahr 150. Karl-Heinz Fallbacher vom Verlag sagt, weshalb die gelben Büchlein Kult sind. Und welches sein erster Band war.

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Herr Fallbacher, weshalb sind Reclam-Büchlein gelb? Man würde ja gerne Goethe zitieren, wonach Gelb die nächste Farbe am Licht ist. Vermutlich kam der Wechsel aber aus profanen Gründen: Bis 1970 waren die Büchlein elfenbeinfarben. Man versuchte wohl, ein Äusseres zu finden, das nicht völlig aus diesem Farbbereich herausfällt, gleichzeitig aber auffälliger ist.

Tatsächlich gelten die Büchlein heute als Kult. Vermutlich nicht zuletzt, weil sie als Reihe im Regal so schön leuchten.
Die Wahl dieses etwas grellen Gelbs war offenbar nicht falsch.

Die Universal-Bibliothek wird in diesem Jahr 150. Wo sehen Sie die Bedeutung dieser Institution?
Es gibt kaum jemanden, der in Deutschland, Österreich und der Schweiz eine weiterführende Schule besuchte, der nicht irgendwann mal ein Reclam-Heftchen auf dem Tisch hatte. Ich glaube, auch heute sind der Deutsch- und Fremdsprachenunterricht oder ein Germanistikstudium ohne die Textausgaben kaum denkbar. Für viele wäre es wohl ein Kulturschock, wenn es die Universal-Bibliothek nicht mehr geben würde.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Reclam-Büchlein?
Ich glaube, das war «Die Geschichte vom kleinen Muck» von Wilhelm Hauff.

Haben Sie in Ihre Bändchen gekritzelt?
In die Bände nicht. Aber natürlich habe auch ich die Cover verziert. Das macht doch jeder.

Bildung, Lesegewohnheiten und Technologien verändern sich. Wo steht die Universalbibliothek heute?
Sie steht immer noch auf sehr sicheren Füssen. Aber sie wäre nicht 150 Jahre alt geworden, wenn sie sich nicht immer wieder verändert und verjüngt hätte. Wir erneuern die Bibliothek auch heute noch in einem kontinuierlichen Prozess. Die Menschen lesen nicht mehr nur im Print, sondern auch über elektronische Medien. Deshalb geben wir mittlerweile viele Bände als E-Papers oder PDFs heraus. Diese Veränderungen gab es aber schon immer. In den 70ern wurde die blaue Schulreihe gegründet – als Reaktion auf die Bildungsrevolution der 68er. In den 80ern kam die rote Reihe mit Fremdsprachentexten hinzu – das trug der wachsenden Bedeutung von Fremdsprachen Rechnung. Diese Reihe verkauft sich übrigens gerade in der Schweiz sehr gut.

Welche Rolle spielen neue Titel?
Wir verlegen laufend neue Autoren, deren Werke gemeinfrei werden. In diesem Jahr ist das zum Beispiel Gerhart Hauptmann. Bei der roten Reihe wiederum stehen wir in Kontakt zu Lehrern, um herauszufinden, welche Werke an den Schulen erwünscht sind. Sehr oft geht es aber auch um die Erneuerung bestehender Titel. Wir werden dieses Jahr «Die europäische Einigung» von Gerhard Brunn neu auflegen. Der Titel ist sehr erfolgreich, muss aber nach dem Brexit logischerweise angepasst werden.

Ist das Äussere der Büchlein mittlerweile unantastbar?
Bei einem Markenprodukt wie der Universal-Bibliothek muss man Änderungen natürlich behutsam vornehmen. Aber wir haben die Bücher 2012 nach 25 Jahren neu gestaltet. Seither gibt es auf dem Umschlag das weisse Feld, eventuell mit Bild. Mit der Documenta haben wir für einen Teil der Ausgaben auch versucht, eine neue Schrift zu finden, die besser lesbar ist.

Das Jubiläumsjahr steht unter dem Motto «Gehasst. Geliebt. Gelesen!». Hören Sie auch die Reclam-Geschichten von jenen, die mit den Büchlein eher Lesezwang verbinden?
Das Kuriose ist, dass wir fast immer die positiven Geschichten zu hören kriegen. Die Leute sprechen oft nostalgisch von den Bändchen. Selbst die, die während der Schulzeit vielleicht beim Lesen gelitten haben. Sie verbinden die Büchlein mit der eigenen Geschichte und haben noch das eine oder andere bekritzelte Heftchen in einer Schublade.

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