Musiker ohne Instrument

Der Bündner Schriftsteller Arno Camenisch trifft das aktuelle Lebensgefühl zwischen Komik und Tragik perfekt. Keiner trauert über den Lauf der Zeit so rhythmisch und beschwingt wie er.

«Ich will den Leuten ans Herz, sie berühren»: Arno Camenisch. Foto: Urs Jaudas

«Ich will den Leuten ans Herz, sie berühren»: Arno Camenisch. Foto: Urs Jaudas

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Das Publikum im Zürcher Kulturhaus Kosmos an der Europaallee tobt. Der Schriftsteller Arno Camenisch hat den Rhythmus des Gitarristen Roman Nowka aufgenommen und swingt seine kurzen Geschichten auf Deutsch, Bündnerdialekt und Romanisch. Es sind Klanggeschichten, die auch ans Herz gehen, wenn man kein Romanisch versteht. Und Bündnerdialekt versteht hier jeder, etwa dieses «Cofferteckel», das die Widrigkeiten des Alltags mehr mit Lakonie denn als Fluch begleitet.

Es geht um die ausharrenden Menschen in den Bergen, die angesichts von Klimaerwärmung, Globalisierung und Abwanderung nicht so recht wissen, wie ihnen geschieht. Sie müssen befürchten, abgehängt oder zur Staffage der Fantasien ihrer Tourismusdirektoren zu werden. Und doch hyperventilieren sie nicht und laufen nicht der neuen Generation hysterisch aufgeladener Politiker nach wie im Rostgürtel der USA, sondern sind im Herzen und Kopf Stoiker geblieben, Philosophen im Schnee. Und Camenisch ist ihr Fürsprecher.

Überhaupt der Fussball: Camenisch bezieht daraus wie einst Albert Camus viele Bilder und Vergleiche. Paul Friberg war einst sein Idol, der Tavanaser brachte es zu einer formidablen Karriere als Nati-A-Fussballer, Star und Underdog zugleich. Friberg hätte es bei den Wölfen unter Coach Paul Wolfisberg beinahe zu einem Einsatz in der Nationalmannschaft geschafft, wenn sich ein Stammspieler verletzt hätte oder ausgepumpt gewesen wäre. Aber das passierte nicht, und so war bloss Arno selber ausgepumpt, wenn er als Knabe Fribergs Wagen im Strassendorf einen Kilometer lang nachrannte, um sein Idol aussteigen zu sehen.

An der Europaallee liegt längst kein Schnee mehr. Es ist für die Jahreszeit zu warm, und der Schriftsteller zweifelt, ob die Nachkommen noch richtige Winter erleben werden wie er einst als Kind im Vorderrheintal. Seine Landschaft geht den Bach runter. Das Schattenloch Tavanasa hat noch gut 50 Einwohner, zusammen mit dem Gemeindeteil Danis sind es 500. Die Post ist weg, der Dorfladen zu, die Beiz auch, die seine Tante betrieben hat. Und die Weltlage ist nicht einfacher geworden. «Von Pjönjanc bis La Merica behauptet jeder irgendeinen Gugus, sodass man nicht mehr weiss, was öppe wahr ist», schreibt der Camenisch in seinem neuen Buch «Der letzte Schnee».

Arno Camenisch liest aus «Der letzte Schnee» (1/2).

«Ist das noch Literatur?», fragte der konservative deutsche Philosoph Rüdiger Safranski einst im Literaturclub des Schweizer Fernsehens. Ja, es ist, und Camenischs Geschichten und Sätze werden immer karger und radikaler: Zwei Figuren kommen noch vor in seinem neuen Buch. Knorrige und knorzige Bündner, die jeder kennt, der sich in dieser Region schon einen Skiliftbügel hat reichen lassen. Der eine ist ein liebenswürdiger Schnorri und Geschichtenerzähler, der andere kein Mann vieler Worte und auch nicht sonderlich zu beeindrucken davon, dass die Gäste ausbleiben und die Jungen im Dorf ausgezogen sind. «Man wüsste gerne, wo sie hin sind», grübelt dieser Schweigsame. Und der Leser weiss nicht, meint er die Jugend oder die Streichhölzer, die er in der Schublade sucht.

Immer für den Underdog

Bei Arno Camenisch weiss man, wo er hinzog: in die Welt hinaus, erst zwei Jahre auf Reisen nach Asien, Australien und Lateinamerika. Dann fand er eine Stelle als Lehrer an der Schweizer Schule in Madrid, unterstützte dort mit Atlético den anderen Fussballklub («Immer für den Underdog»). Auch Diego Velazquez’ Bild vom Königspaar mit den Meninas scheint er im Prado-Museum gesehen zu haben. Denn so beiläufig wie der spanische Hofmaler aus dem 17. Jahrhundert via Spiegel in diesem Bild auftaucht, so taucht auch Camenisch in seinen Büchern auf. Von Madrid ging es dann nach Biel («anfänglich schon ein Clash»), aber inzwischen wohnt er ganz gerne dort.

Zuvor hatte er während dreier Jahre Primarschüler unterrichtet. Er muss es gut gekonnt haben mit der Klasse mit seinem Charme und Witz, so gut wie mit dem Publikum im Kosmos. Wenn die Viertklässler über zu viele Aufgaben stöhnten, schnappte er sich einen Ball und ging mit der Klasse aufs Turnfeld, wo die Tore standen. Sie durfte einen Torhüter bestimmen, er legte sich den Ball zurecht für drei Penaltys ? wenn er zwei versenkte, war am Pensum der Hausaufgaben nicht mehr zu rütteln. «Das ergab eine gute Dynamik», sagt er, «wenn einer, der sonst eher am Rand stand, zwei Bälle hielt, war er der King.» Es hätte auch schiefgehen können, wenn der, der am Rand steht, zwei haltbare Tore kassiert hätte, dann wäre er der Depp gewesen, aber nein: «Dafür habe ich schon geschaut, dass das nicht passiert.»

Auch die Lehrer in seinem Tal müssen hemdsärmlig gewesen sein. Im neuen Buch erzählt er von einem, der Vögel sammelt und ein seltenes Exemplar mitten in der Schulstunde mit der Schrotflinte vom Baum holt, während die Schüler einen Aufsatz schreiben. Der Vogel fällt wie ein Omelett vom Baum. Vor Schreck zerfliesst den Schülern die Tinte auf dem Blatt ? blaues Blut. Das ist nur deshalb nicht kitschig, weil so lapidar und heiter erzählt. Und vom Gitarristen mit einem Sound unterlegt, der Ewigkeit auch für den Vogel erahnen lässt. «Ich habe gelernt, dass es mit dem Ende nicht fertig ist», sagt Camenisch in der Zugabe.

Arno Camenisch liest aus «Der letzte Schnee» (2/2).

Tod und Vergänglichkeit sind in Camenischs Geschichten so dauerpräsent wie im richtigen Leben. Der Auswanderer, der begraben wird, nachdem er länger wegbleibt als erwartet. Der Verlassene, der auf seinen einsamen Wanderungen vom Gletscher verschluckt und erst mit der Klimaerwärmung zurückgegeben wird ? sie alle sind Wiedergänger. So wird der eine oder andere im Dorf zweimal begraben, das zweite Mal immerhin mit einem Marmorgrabstein aus Carrara, wie er es sich gewünscht hat. «Das isch öppe denn wahr», sagt er an seinen Lesungen über solche unglaublichen Geschichten. Das sagt er so verschmitzt, dass er auch gegen das Publikum erst zwei Penaltys versenken müsste, bevor man es ihm glaubt. Wenn er nur einen versenkt, wird man vermuten, er habe die Geschichten bei den Alten im Dorf gesammelt und vielleicht die eine oder andere mit etwas Fantasie ergänzt.

Schreiner, Maurer, Camionneur?

Im neuen Buch nimmt ein Vater seinen Sohn an die Seitenlinie, natürlich wieder am Fussballfeld, und fragt ihn, was er werden wolle: Schreiner, Maurer oder lieber Camionneur? Der Sohn sagt Dichter, und dem Vater fällt das Kinn runter «wie eine Schublade auf den Küchenboden». Als Leser wird man versucht sein, das autobiografisch zu lesen, und das ist in diesem Fall öppe denn wahr: Auch sein Vater soll ähnlich gestaunt haben, als ihm der Sohn sagte, dass er Dichter werden wolle. Jetzt steht der ehemalige Maler etwas verloren an der Seitenlinie der Zürcher Kosmos-Bar und sagt nur: «Es wird schon so gewesen sein.»

Arno ist Dichter geworden und ein gefeierter dazu, wie der Auftritt im Zürcher Kosmos zeigt. Die gut dreihundert Zuschauer besetzen alle Plätze bis hoch in die Empore, vom Sound in Wort und Ton erfasst, beschwingt und nachdenklich zugleich ?was will Literatur mehr? «Der erste Reflex bei meinen Texten ist immer Lachen», sagt Camenisch, «der zweite Gedanke ist danach oft dunkel grundiert.» So dunkel auch wieder nicht, dass man am Ende seine Bücher nicht gut gelaunt weglegt.

Beim Grundieren spätestens kommt der Verdacht auf, Camenisch sei nicht nur Musiker ohne Instrument, sondern auch Maler ohne Pinsel. «Ich stelle mir alle Szenen erst räumlich vor, danach schreibe ich sie möglichst präzise auf.» In der Tat sieht der Leser seine beiden Figuren im neuen Roman im Kassenhäuschen hocken, probehalber um die Hausecke funken und den Schnee vom Dach schieben. Der Leser hofft mit, die Batterien mögen die Testphase der Funkgeräte überstehen und die Riemen am Rettungsschlitten gut festgezurrt sein. Er sieht den Nebel im Tal aufziehen und die Bergspitzen glühen. Das ist bei diesem Maler kein gemütliches Glühen wie in den alten Sennenliedern, sondern das Glühen eines Heizstrahlers, der die Gletscher zum Schmelzen bringt.

Und der Maler Camenisch malt die Billettrollen im Kassenhäuschen aus, drei Farben für die drei Kategorien Schüler, Berufstätige und Rentner. Für die Rentner sind die Billette übrigens rosarot. Deuten mag er dieses Rosa nicht: «Ich weiss nicht, wie ich auf rosarot für die Rentner kam», sagt Camenisch, «vielleicht, weil es auch mit R beginnt.» Womöglich drückt er sich da vor einer politischen Stellungnahme wie auch bei den anderen grossen Fragen wie Klimaerwärmung und Migration? Man sieht es ihm nach, denn er drückt sich besorgt und zugleich charmant. Klimaerwärmung? «Sie macht mir Sorgen.» Migration? «Mich haben andere Sprachen, Kulturen, Mentalitäten und andere Lebensweisen stets fasziniert.» Also Grenzen auf? «Das kann ich nicht sagen, ich bin nur Beobachter, stelle Fragen», sagt er, «und weiss auch zu wenig.»

Das ist natürlich auch bescheiden und sympathisch, denn schon Salman Rushdie beklagt sich darüber, dass Schriftsteller immer zu politischen Themen befragt werden. Warum soll ein Dichter mehr zu grossen Fragen zu sagen haben als ein Schreiner oder Camionneur? Er könnte ja auch holzschnittartig antworten: eben Grenzen auf zum Beispiel ? hohe Moral, die ihm beim Publikum weitere Sympathien brächte und nichts kostete, denn vermutlich wird es zu seinen Lebzeiten nicht so sein.

Nachsichtig mit Kurdirektoren

Etwas gar nachsichtig ist Camenisch vielleicht mit den Kurdirektoren und Alpenverbauern, die seine heimatlichen Berge gnadenlos zum Eventpark umfunktionieren: Die Weisse Arena Flims/Laax? «Sie versuchen Junge anzusprechen, das ist eine sehr dynamische Szene.» Heidiland? Bündnerland? «Jedes Skigebiet muss selber wissen, wie es sich verkaufen will.» Am ehesten noch freundliche Kritik entlocken lässt er sich zur neuartigen Idee, in Skigebieten VIP-Tickets zu verkaufen, mit denen zahlungskräftige Touristen an den Liften nicht anstehen müssen: «Das ist nicht mein Ding.»

Sein Ding ist, mit der kleinen Tochter an Orten Ski fahren zu gehen, wo es persönlicher ist, wo er mit den Leuten plaudern kann: in Brigels oder auf der Lenzerheide etwa. «Mit Gigantismus kann ich nichts anfangen.» Mit dieser Bescheidenheit wird er selber zu einer Camenisch-Figur, die mehr draufhat, als man auf den ersten Blick meint. Denn sein neuer Roman wird inzwischen auch von gestandenen Literaturkritikern in den höchsten Tönen gelobt.

Die beiden Figuren erinnern in ihrer existenziellen Verlorenheit und kargen Weisheit an Becketts Trostsucher aus dem Theaterstück «Warten auf Godot». Und auch einzelne seiner Sätze könnten Beckett-Zeilen sein, etwa dieser: «Auf dem Sonnenschirm steht Sinalco.» Seine Bilder sind aus der Existenzphilosophie entlaufen und mittlerweile in zwanzig Sprachen übersetzt. Aber ob das funktioniert, Cofferteckel auf chinesisch? In Harvard fragte er einst die Studierenden, was sie werden wollen. Sie hatten keine Vision, warteten auf Headhunter, die sie holten. Das wäre ihm nie passiert. Ballonfahrer, Fussballer, Lehrer, Dichter wollte er werden, in dieser Reihenfolge.

Inzwischen ist er bald vierzig, alles zugleich geworden, und sein Ballon steigt und steigt. Das Publikum klatscht begeistert auf der Kosmos-Empore und sieht seine Figuren in den Ballons Richtung Stratosphäre entschwinden, wenn ihnen nicht zu viele Orden die Brust beschweren. «Ich will den Leuten ans Herz, sie berühren», hat Camenisch vor seinem Auftritt gesagt, «dafür muss ich mich total reingeben und ganz im Moment sein.» Der Musiker Roman Nowka entlockt seiner Gitarre jetzt grelle Töne, und Camenisch feuert die Hitliste aus früheren Lesungen ab. Er mischt die Zettel durcheinander, liest, malt Laute, zetert von der Liebe, führt Statistiken aus Wikipedia und Google Maps ad absurdum, steigert sich zum Furioso: Glion-Tinizong, quitordisch uras! Cofferteckel!!!

Als ob es das letzte Mal wäre.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2018, 19:02 Uhr

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