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Mit der Zahnbürste gegen den Riesenberg

Rassismus sei ein Massiv, das jeder auf seine Art abtragen könne, sagt die britische Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo. Derzeit arbeitet sie an einem Roman mit einer weissen unglücklichen Heldin.

Alexandra Kedves
Gegen alle Formen von Normen: Die Autorin Sharon Dodua Otoo. Foto: Bogenberger (autorenfotos)
Gegen alle Formen von Normen: Die Autorin Sharon Dodua Otoo. Foto: Bogenberger (autorenfotos)

Nicht. Nicht weiss, nicht britisch, nicht ghanaisch: So fühlte sich das sehr schwarze kleine Mädchen im sehr weissen Londoner Vorort Ilford. «Du gehörst nicht hierher» war der Vers, der im Kopf festhing wie ein Tinnitus. Das Eigene war für Sharon Dodua Otoo das, was die anderen nicht waren. Weder die streng christlichen Eltern, die in den 60er-Jahren als junge Erwachsene aus Ghanas Hauptstadt Accra nach England ausgewandert waren. Noch die Kameraden aus Ilford, einem Ort, der bis heute den Aufstieg auf der sozialen Leiter signalisiert.

«Meist war ich die einzige Schwarze in der Klasse, ja in der Schule», erinnert sich die Wahl-Berliner Autorin Otoo bei unserem Treffen am Literaturfestival in Leukerbad. Also in jenem Walliser Kurort, in dem die Dorfkinder dem schwarzen US-Schriftsteller James Baldwin 1951 das N-Wort hinterhergerufen hatten; und in dem der nigerianisch-amerikanische Autor Teju Cole 2013 verstohlen-faszinierte Blicke auf seiner schwarzen Haut gespürt hatte. «Im Bus in Berlin hat mir zwar auch schon einmal eine Frau von hinten in die Haare gegriffen, um zu ­sehen, wie sich das anfühlt. Aber normalerweise ist der Rassismus, den ich ­erlebe, subtiler», sagt die 44-Jährige, angesprochen auf den exotischen Voyeurismus. «Auch rechtsradikale Pöbeleien sind nicht mein Thema.» Sondern eher der Eiertanz rund um die Hautfarbe.

Sie selbst sei ja «hyper-sichtbar», aber jeder tue so, als sehe er nichts. Dafür flössen dann häufig durchaus freundlich gemeinte Bemerkungen ins Gespräch ein, etwa über Afrika, über Ghettos – Themen, die so eine Schwarze doch interessieren müssten. «Ich empfinde Rassismus als einen Riesenberg, der hoffnungslos stimmen könnte», sagt Otoo. Sicher werde er nach ihrem Tod weiter bestehen. Aber sie glaube, dass man ihn nach und nach abtragen könne. «Jeder Mensch versucht es mit der eigenen kleinen Zahnbürste.»

Sie erhielt den Bachmann-Preis

Otoos «kleine Zahnbürste» sind die politischen Aktionen und die Literatur. Literarische Fiktionen waren von Kindheit an ihre Fluchtwelten gewesen; sie hatte beispielsweise «Harry Potter» geliebt. Doch richtige Identifikationsfiguren hatten dort gefehlt. Die schwarze Hexe Angelina Johnson etwa habe ihr gefallen, sei aber nicht gerade eine Hauptfigur, sondern «nur eine Randnotiz». Da wars wieder, dieses Mangelgefühl.

Die Eltern hatten ihr dieses Gefühl zugemutet um der Ilforder Schulen willen: «Für sie war gute Bildung das A und O.» Sharon sollte als Erste in der Familie einen Uniabschluss erreichen. Und das tat sie – 1997, in den Fächern Germanistik und Betriebswirtschaft. Dass sie 2016 an den Tagen der deutschsprachigen ­Literatur den Hauptpreis holen würde, den Ingeborg-Bachmann-Preis: Das ­hätten die Eltern sich allerdings nicht träumen lassen. Zwei trotzige, auf Englisch verfasste Novellen über schwarze Frauen hatten Otoo, die sich als «schwarze Britin, Mutter, Aktivistin und Autorin» bezeichnet, den Weg nach Klagenfurt geebnet: Eine Jurorin war auf sie aufmerksam geworden.

Dabei war keine literarische Karriere im Fokus gestanden, als die Multitaskerin zu schreiben begann. Sondern die vier Söhne, welche die heute «allein, aber gemeinsam» Erziehende mit drei deutschen Vätern hat. «Ich wollte meinen Kindern das ‹Nicht› ersparen. Sie sollten eine klare Vorstellung von sich haben.» Sie wollte ihnen schwarze Hauptfiguren schenken, eine Lese­heimat auch, wenn sie mal wieder weg war, bei Demos, Sit-ins, Podiumsdiskussionen. Sie wollte auch schwarzen Müttern einen literarischen Ort geben: «Wir sind wer.» Und sie versuchte den weissen Freundinnen ihre Welt zu veranschaulichen – eine Perspektive, die sie sonst nur aus dem Uni-Seminar kannten.

Der deutsche Rassismus habe teils eine Art unschuldige Grobheit; im anglofonen Raum sei das Bewusstsein, vor allem das sprachpolitische Bewusstsein, geschärfter. Und die Frau, die beim Kamillentee von ihrer just durchtanzten Nacht schwärmt und sowieso wie U-30 wirkt, erzählt von ihrer Zeit als Aupair 1992 in Hannover. Damals witzelte ein im Übrigen äusserst liebenswürdiger Mensch an der Fasnacht, sie müsse sich ja nicht verkleiden. «Erst verstand ich gar nicht, was er meint.» Denn der Scherz funktioniert nur, wenn die weisse Haut als Norm angesehen wird und alles andere als karnevaleske Abweichung.

Mehr Günthers als Frauen

Es sind solche Normen, gegen die Sharon Dodua Otoo anschreibt – so auch in ihrem ersten Text auf Deutsch, der Geschichte für Klagenfurt, «Herr Gröttrup setzt sich hin». Da wagt ein Frühstücksei den Aufstand gegen einen Nazi-Raketenforscher. Derzeit schreibt sie an einem Roman über eine unglückliche Weisse in der Lebensmitte: Nein, Belletristik sei kein moralischer Ballermann, sondern ein Empathieinstrument. Für Polemik gebe es andere Formate. Überhaupt solle man sich nicht an Gegennormen festkrallen. «Ich würde gern die Normsetzung als solche infrage stellen und einen Prozess der Öffnung in Gang setzen.» Als Heterosexuelle sei auch sie in einem Mainstream-Lager. Man müsse lernen, über den Tellerrand hinaus zu sehen.

Ansonsten könnten allzu leicht Ängste bespielt werden wie beim Brexit. «Das Votum erschüttert mich.» Ihre Mutter hat sie lieber nicht nach ihrer Brexit-Entscheidung gefragt: «Hierzulande würde sie als Musterbeispiel gelungener Integration gelten – und sprach im Vorfeld des Referendums über all die ‹Migranten›, die nach England kämen.»

Die Migrantin Sharon Dodua Otoo jedenfalls will ihre privilegierte Position nutzen, auf Missstände hinweisen – wie etwa darauf, dass Frauen noch immer unterrepräsentiert sind im Literaturbetrieb. «Neulich war ich im Literarischen Colloquium Berlin. Dort hingen 30 Einzelporträts, und darauf waren mehr Männer zu sehen, die Günter oder Günther heissen, als Frauen! Ernsthaft.» Zeit, lacht sie, für die kleine Zahnbürste.

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