Melissa kanns nicht lassen

Die Stunden fliegen beim Lesen um die Ohren: Der neue Kriminalroman der Bernerin Esther Pauchard beschert Spannung pur.

Ihre Frauen handeln kühn: Autorin Esther Pauchard.

Ihre Frauen handeln kühn: Autorin Esther Pauchard.

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Oberstes Gebot für Kriminal-romane: Keinesfalls dürfen sie einschläfernd wirken. Daran hält sich die 1973 in Bern geborene Esther Pauchard. Ihr neues Buch treibt die Lektüre von einer haarsträubenden Szene zur nächsten und teilt die Beteiligten in Jäger und Gejagte auf, ohne dass dieses Verhaltensmuster bis zum Ende beibehalten wird. Nur zu leicht könnte sich sonst der Eindruck von Gleichförmigkeit einschleichen.

Diese Gefahr aber bannt die Autorin, indem sie irgendwann die Rollen umkehrt – mausert sich doch ihre Hauptfigur Melissa von der ängstlichen jungen Frau zu einer Heldin, die auf einen Schlag drei Verbrecher ausser Gefecht setzt. Der Kampfsportler und Karatemeister Paul Kempf aber, der sie mit seiner Kritik nervt, verliert seinen Panzer und zeigt die Gefühle eines Verwundbaren.

Als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie weiss die in Thun lebende Esther Pauchard, welch unerwarteten Entwicklungen Menschen unterliegen können. Daher entsprechen Schwarzweisszeichnungen solchen Erkenntnissen keineswegs. Nur der Bösewicht, genannt «der Kantige», gefällt sich im schwärzesten Schwarz, auch wenn sich schliesslich herausstellt, dass er nicht der oberste Boss ist, sondern der Vollstrecker eines biederen vermögenden Herrn, der als Familienvater und Lokalpolitiker in einer Villa am Zürichberg residiert.

Doch worum geht es? Esther Pauchard nimmt sich in ihrem vierten Kriminalroman ein heikles Thema vor: den Menschenhandel mit sehr jungen Frauen aus Rumänien, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in die Schweiz geschleust und von sogenannten Personality Trainers mit Zwang und Gewalt auf ihren Einsatz als Sexarbeiterinnen getrimmt werden. Die Hintermänner agieren so gerissen, dass sie der Polizei stets entgehen, und die Frauen selbst hegen kein Vertrauen zu dieser Institution. So bleiben die Aktionen weitgehend im Dunkeln.

Dialoge wie Feuerwerke

Melissa, die stellvertretende Leiterin der Medizinischen Praxisassistentinnen im Ärztezentrum Berncare, gerät in diesen bösen Strudel, weil ihr das plötzliche Verschwinden ihrer Freundin Véro keine Ruhe lässt und sie schlimme Ahnungen ängstigen. Kritisch fragt sie sich zwar, ob sie nach dem Mord an ihrem Chef vor einigen Monaten paranoid reagiere. Doch sie will die Zügel in die Hand nehmen, auch wenn ihr knorriger Bekannter, der bereits erwähnte Paul, davon dringend abrät, weil er an ihren Verstandesmächten zweifelt und glaubt, ihre Intelligenz reiche über die Liebe zu Glitzerkram und Firlefanz nicht hinaus. Er täuscht sich gründlich, denn Melissas beherztes Eingreifen rettet ihn und weitere Helfershelfer mehrmals in höchst brenzligen Situationen.

Es sind die Frauen in Esther Pauchards Geschichte, die kühn handeln, zum Beispiel neben Véro und Melissa die beiden Ärztinnen Ka und Kerstin sowie die unverwüstliche Marilyn aus dem Zürcher Milieu, die einem Moët Chandon niemals widerstehen kann. In ihren Dialogen liefern sie einen wahren Schlagabtausch, ja ein rhetorisches Feuerwerk, und sie könnten die Männer das Fürchten lehren. Aber vorerst geht die Jagd weiter; die Schauplätze verschieben sich von Bern ins Unterengadin, nach Zürich und in dessen ländliche Umgebung.

Mittlerweile erfährt man, warum die Floristin Véro abgetaucht ist, denn sie wurde in ihrem Blumengeschäft Zeugin eines Mords an der jungen Rumänin Elena, die bei ihr als Opfer der Zwangsprostitution Schutz gesucht hatte. Véro, nun selbst als Mitwisserin hochgradig gefährdet, wird von der Polizei ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen und erhält eine neue Identität. Trotz all ihrer verzweifelten Bemühungen gerät sie jedoch immer wieder ins Visier des «Kantigen».

Geminderte Sogwirkung

Esther Pauchard hat angesichts ihres explosiven Stoffes ausgiebig recherchiert und das Wissen der Experten, die sie konsultierte, in der Geschichte umgesetzt. Ihr Engagement für das gewählte Thema springt unmittelbar auf den Leser über. Allerdings sind einige Erörterungen zu lang geraten; in einem Sachbuch wäre dagegen nichts einzuwenden, in einem Krimi schon, denn solche Passagen mindern die Sogwirkung, die der Roman sonst entwickelt.

Schliesslich aber kehrt auch in dieser Höllenstory wieder Ruhe ein. Auf der Insel Mauritius feiern ein Jahr später zwei ihre Hochzeit, an deren Verbindung man nicht geglaubt hätte: Paul und Melissa. Der Karatemeister Paul preist das friedliche Leben, das nun einsetze, aber wie schwer hat er sich wiederum getäuscht. Denn am Nebentisch hört Melissa ein Gespräch über finstere Machenschaften im Kunstgeschäft mit. Ihre Nerven vibrieren, das Adrenalin schiesst in ihre Adern – den Rest kann man sich denken: Die Katze lässt das Mausen nicht und Melissa noch viel weniger das Fahnden.

Esther Pauchard:Tödliche Macht. Kriminalroman. Buchverlag Lokwort, Bern 2018. 336 Seiten, etwa 25 Franken. (Der Bund)

Erstellt: 14.09.2018, 11:06 Uhr

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