«Mein Schweigen ist sehr mutig»

Fast alle wollen mal ein Buch schreiben. Nur Irene Gerbeldinger und Hans-Joachim Parzmann nicht. Ihre Berufung ist das Nicht-Schreiben.

«Manchmal schweige ich auch im öffentlichen Raum», sagt der Nicht-Schreiber Hans-Joachim Parzmann. Hier sehen wir Hollywood-Autoren während dem Streik von 2008.

«Manchmal schweige ich auch im öffentlichen Raum», sagt der Nicht-Schreiber Hans-Joachim Parzmann. Hier sehen wir Hollywood-Autoren während dem Streik von 2008. Bild: Nick Ut (AP)/Keystone

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Alljährlich werden zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse Autorinnen und Autoren befragt, wie es sich so lebt als Schriftsteller: Schreibblockaden? Einsamkeit beim Schreiben? Kann man davon leben? Wo haben Sie nur immer Ihre Ideen her? Meist erzählen dann alle immer dasselbe, schwierig, schön, grosse Verantwortung. Viel interessanter ist es, normale Menschen zu fragen, warum Sie nicht Schriftsteller geworden sind und wie es sich so lebt mit dieser radikalen Entscheidung. Wir haben Irene Gerbeldinger und Hans-Jürgen Parzmann, zwei ebenso passionierte wie unbekannte Nichtschreiber, zu Freud und Leid des literarischen Schweigens befragt. Parzmann, 56, war lange Jahre Bürokaufmann und arbeitet heute bei einem grossen Logistikunternehmen, Gerbeldinger, 40, ist Gesundheitsreferentin in einer niedersächsischen Kleinstadt.

Frau Gerbeldinger, Herr Parzmann, Sie sind beide keine Schriftsteller. Warum? Wann war Ihnen klar, Sie wollen nicht schreiben?

Parzmann: Das war mir sehr früh klar. Eigentlich schon im Grundschulalter.

Gerbeldinger: Bei mir hat es länger gedauert, ungefähr bis ich 30 war, aber da hab ich dann ganz entschlossen gesagt, Nein, keine Lyrik.

Ah, Sie sind also in erster Linie keine Lyrikerin.

Gerbeldinger: Ja, eindeutig. Vor allem keine Lyrikerin. Auch keine Erzählerin und keine Romanautorin. Aber das mit der Lyrikverweigerung, das geht mir am leichtesten von der Hand. Da hab ich auch am ehesten meinen ganz eigenen Stil gefunden.

Parzmann: Ich würde mich da nicht festlegen wollen, bei mir ist das Nichtschreiben eine viel generellere Entscheidung gewesen, die auch den dokumentarischen Roman, politische Essays und Theaterstücke einschliesst.

Wie ist es denn nun so für Sie beide, nicht zu schreiben?

Parzmann: Gut.

Gerbeldinger: Ja, doch, das fühlt sich immer noch sehr gut an.

Müssen Sie sich jeden Tag erneut sagen, heute schreibe ich nicht, oder lebt man das Nichtschreiben irgendwann, ohne noch gross darüber nachzudenken?

Parzmann: Eher Letzteres. Sie können sich das so vorstellen wie bei einem überzeugten Vegetarier, der muss auch nicht bei jedem Essen darüber grübeln, ob er jetzt doch Fleisch essen soll.

Gerbeldinger: So einfach ist es nicht, finde ich. Man muss sich schon immer wieder neu zum eigenen Schweigen positionieren.

Das klingt so, als gäbe es Phasen, in denen das Nichtschreiben intensiver oder anstrengender ist als in anderen?

Gerbeldinger: Oh, ganz eindeutig, ich habe gerade eine sehr anstrengende, fast drei Jahre andauernde Phase des Nichtschreibens hinter mir, von der ich jetzt erst einmal ausspanne.

Parzmann: Meine beste Zeit, um nicht zu schreiben, ist jeden Morgen von neun bis zwölf. Länger als diese drei Stunden halt ich aber selten durch, ich muss dann doch unbedingt andere Dinge machen.

Da Sie sich beide so konsequent dem Nichtschreiben widmen – was machen Sie, wenn Sie doch mal eine Idee für einen Roman oder eine Erzählung haben?

Gerbeldinger: Ja, das sind manchmal sehr schwere Momente. Kürzlich hatte ich eine Idee für einen russischen Roman im Stil des Realismus. Den musste ich dann einfach verwerfen.

Worum sollte es da denn gehen?

Gerbeldinger: Über ungeschriebene Texte möchte ich nicht so gerne reden.

Parzmann: Ich hatte mal eine Idee für einen Brief. Den hab ich dann tatsächlich auch geschrieben.

Wahrscheinlich haben Sie ja noch nie eine Schreibblockade gehabt.

Gerbeldinger: Was soll das sein?

Parzmann: Dass man keine Ideen hat, nicht weiss, wie man weitermachen soll.

Gerbeldinger: Ach das, nein, das kenn ich nicht. Das ist einer der ganz wunderbaren Aspekte meiner frühen Entscheidung.

Parzmann: Schweigeblockaden sind aber auch ganz schön schlimm.

Können Sie das näher erläutern?

Parzmann: Ich rede dann plötzlich und rede und komme an kein Ende.

Gerbeldinger: Oh mein Gott, Sie Armer.

Parzmann: Ich weiss gar nicht, wie ich diese Phasen ohne meine Frau durchstehen könnte. Ohne sie hätte ich aber ohnehin niemals all die Jahre durchgehalten.

Was für Erfahrungen haben Sie über all die Jahre mit Lesungen gemacht?

Gerbeldinger: Keine. Aber die waren eigentlich alle sehr gut.

Können Sie von Ihrem Schweigen leben?

Beide: Nein.

Da Sie so konsequent das Schreiben verweigern, bekommen Sie auch nie Leserbriefe. Wie gehen Sie mit dieser Einsamkeit um?

Parzmann: Das stimmt, das ist fast der schwerste Teil meines Lebens als Nichtautor. Ich kann mich an zwei Situationen vor dem leeren Briefkasten erinnern, in denen ich sagte: Das ist einfach zu hart, jetzt reicht's, ich werde doch Lyriker. Aber das eine Mal kam dann irgendwas dazwischen, das andere mal hab ich keinen Reim auf «Einsamkeit» gefunden.

Gerbeldinger: Kein Mann breit.

Parzmann: Was?

Gerbeldinger: «Kein Mann breit» wäre ein möglicher Reim auf Einsamkeit.

Parzmann: Wahnsinn. Stimmt. Das ist ja wunderschön.

Ist Ihr Schweigen eher dystopisch grundiert oder steckt da auch ein Fünkchen Hoffnung drin?

Parzmann: Ich schweige ja nun schon seit 48 Jahren und denke, wenn man genau hinhört, kann man mein Schweigen in Epochen unterteilen: Desinteresse. Kritische Apathie. Kampfesmut. Momente der Hoffnung.

Gerbeldinger: Wenn ich schweige, denke ich gar nicht so sehr daran, ob das jetzt dystopisch oder utopisch ist, ich schweige einfach. Am Ende müssen das doch die Menschen da draussen entscheiden.

Apropos die Menschen da draussen: Wie gehen Sie in Zeiten der politischen Polarisierung mit Ihrer gesellschaftlichen Verantwortung um?

Parzmann: Das ist für mich die zentrale Frage, um die mein ganzes Nichtschreiben kreist. In guten Momenten tröste ich mich damit, dass meine konsequente Weigerung zu schreiben Statement genug ist. Es wird nur leider nicht von allen gehört.

Gerbeldinger: Manchmal schweige ich deshalb auch im öffentlichen Raum. Im Park oder in der Strassenbahn. Damit habe ich mehrmals sehr gute Erfahrungen gemacht, gerade auf der Frankfurter Buchmesse, wo ich einmal mit meinem gesammelten Schweigen am Eingang stand und viele Besucher ins Grübeln gebracht habe. Vielleicht sollten Sie das auch mal probieren.

Parzmann: Nein, das möchte ich auf keinen Fall.

Würden Sie denn sagen, Ihr Schweigen ist eher engagiert oder handelt es sich um ein feiges Mitläuferschweigen?

Parzmann: Bei mir ist es eindeutig feige, ich mach mir da nichts vor.

Gerbeldinger: Meines ist sehr mutig.

Parzmann: Oh, das finde ich wirklich toll.

Zeigen Sie Ihr Schweigen anderen, bevor Sie damit nicht an die Öffentlichkeit gehen oder machen Sie das immer alles ganz allein mit sich aus?

Parzmann: Ich muss mich da immer wieder mit anderen austauschen, überarbeite es auch permanent und kann ganz, ganz schwer sagen, so jetzt isses fertig, jetzt ist es genau die literarische Verweigerung, die ich mir gewünscht habe.

Gerbeldinger: Ich mache mein Nichtschreiben in erster Linie mit mir selber aus.

Parzmann: Wahnsinn, das könnte ich nie.

Herr Parzmann, Frau Gerbeldinger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Ausser den Fragen hat sich unser Autor die Gesprächspartner und ihre Antworten gleich mit ausgedacht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2018, 14:41 Uhr

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