Mein drittes Auge (4)

Watsky sucht den Kommunismus in Kerala und landet als VIP beim Cricket: Folge 22 der Storys von US-Autor George Watsky – vorab bei uns.

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Doch in den Rängen jubelte niemand, und nach einer Stunde ging mir auf, dass ich womöglich gerade jene unerträgliche Langeweile verspürte, die mir Menschen, die nichts von Baseball verstehen, schon öfter beschrieben hatten. Obwohl das Spiel drei Tage dauern sollte, ging der Ehrengast, sobald der Tee alle war, und ich tat es ihm gleich und zog mich wieder in mein leeres Hotel zurück.

Im Rückblick hatte es in Goa verglichen mit Kannur von Touristen nur so gewimmelt. Nach fast einer Woche war mir im Akkara Beach Resort noch immer kein zweiter Gast über den Weg gelaufen.

Es klopfte an meine Zimmertür. Ich kletterte aus dem Bett und öffnete in Unterwäsche. Es war Gadin, ein Hotelangestellter mit roten Haaren und gestärktem Hemd.

«Kein Frühstück heute? Sind Sie sicher, Sir?» «Ich komme zum Abendessen», krächzte ich.

Im Laufe des Tages klopfte er noch dreimal. Einmal wegen des Mittagessens, einmal wegen des Abendessens und einmal wegen des Wäscheservice.

Als ich den Speisesaal betrat, waren ein Dutzend leere Tische sorgfältig gedeckt, auf jedem stand eine Flasche Wasser bereit, und Gadin trat lächelnd auf mich zu, um meine Bestellung aufzunehmen.

Nachdem er mich bedient hatte, nahm er wieder seine Position neben dem Tisch ein und schaute mir, Hände hinter dem Rücken, beim Essen zu, damit ihm auch ja nicht der leiseste Wunsch von mir entging. Bedächtig senkte ich meinen Löffel in die oberste Schicht eines erdig-grünen Pürees.

«Mungbohne.» Gadin hatte sich vorgebeugt und nickte beinahe unmerklich. «Sehr gut.» Ich versuchte, überzeugend zu klingen.

Gadin entspannte sich. Die nächsten fünf Minuten schwiegen wir. Nur der Klang des Löffels war zu hören, der sich in den weichen Berg grub. Schmatzende Lippen, dann schlucken. Gadins Füsse, die sich bewegten. Das leise Rauschen des Ozeans, das mit dem Surren der Ventilatoren verschmolz. Gadin fragte, was ich von Beruf sei. «Ich bin Musiker und Autor.»

Seine Augen leuchteten auf. «Kennen Sie die Bee Gees?» «Klar», sagte ich. «Stayin’ Alive. Guter Song.» Er zog sein Klapphandy aus der Tasche, und How Deep Is Your Love erklang über den schwachen Lautsprecher.

«Die Bee Gees sind die Besten.»

Ich nickte und kaute. Die Ventilatoren drehten sich. Es gab viele Ventilatoren im Raum. Zu viele Ventilatoren. Vier waren oben an der Wand hinter mir angebracht, weitere vier an der gegenüberliegenden Wand, und alle drehten sich langsam in unterschiedliche Richtungen. Wie viel kühle Luft benötigt man denn für zwei Personen? Konnten die vier Dollar, die ich für mein Abendessen bezahlte, überhaupt die Kosten der laufenden Ventilatoren decken?

Ich stellte willkürliche Berechnungen an und schaufelte mir einen Löffel Mungbohnen nach dem anderen in den Mund. Ein Gast kann die Betriebskosten dieses Hotels unmöglich decken. Es wäre besser für sie, wenn keiner da wäre. Ich kam zu dem Schluss, dass ich dem Hotel mit meinem Aufenthalt keinen Gefallen tat, im Gegenteil: Ich richtete es zugrunde.

Der Song war zu Ende, Gadin liess sein Klapphandy zuschnappen und blieb lächelnd am selben Fleck stehen.

Ich brauchte eine Massage.

Diese Ansicht äusserte Rajan, der Manager in meinem nächsten Hotel in Indien, wiederholt. Er hatte nicht unrecht. Mein erster und letzter Besuch im Spa bei mir um die Ecke in Los Angeles war drei Jahre her, und nach der nächtlichen Zugreise war mein Nacken ganz steif. Den Grossteil der dreihundert Meilen zwischen Kannur am nördlichen Zipfel von Kerala und der vergleichsweise kosmopolitischen Hauptstadt Trivandrum im Süden hatte ich schlafend verbracht.

Rajan erwartete mich am Bahnhof, schüttelte mir die Hand und führte mich ein paar Blocks weiter zu seinem Auto. Sein Bed & Breakfast Malayaman war wesentlich weniger gespenstisch als das Akkara Beach Resort, aber auch hier war ich der einzige Gast. Ohne eine ayurvedische Spa-Behandlung ist ein Aufenthalt in einem ayurvedischen Spa-Hotel völlig sinnlos, beharrte Rajan.

Eine Zeit lang konnte ich mich widersetzen. Die ersten drei Tage blieb ich in der Stadt, dann heuerte ich auf Rajans Empfehlung hin einen Führer an, um die Südspitze Indiens zu erkunden.

Mein Guide Danta zeigte mir erst den Kanyakumari-Tempel, wo Pilger die Sonne auf der einen Seite der Halbinsel auf- und auf der anderen Seite untergehen sehen können, und dann ein hölzernes Fort aus dem siebzehnten Jahrhundert an der Westgrenze von Tamil Nadu, wo ich Spuren des utopischen Kerala entdeckte, das ich mir zu Highschool-Zeiten erträumt hatte.

In einem der grossen Speisesäle des Palastes, der einst das Zentrum des südindischen Travancore-Königreichs gewesen war, hatte der religiös tolerante Dharma Raja jahrzehntelang jeden Tag zweitausend arme Leute gespeist und mit seinem fortschrittlichen, barmher­zigen Regime den Grundstein für das hohe Bildungsniveau im späteren Kerala gelegt.

Doch keine zwei Räume weiter wurden in einem Glasschaukasten antike Folterwerkzeuge aus darauffolgenden Herrscherperioden ausgestellt. Vor allem eine Art Käfiganzug faszinierte mich, in dem Verräter ins Freie gehängt wurden, bis die Vögel sie zu Tode gehackt hatten.

Als mir nur noch zwei Tage blieben, spürte Rajan, wie mein Widerstand gegen sein Verkaufsgeschick langsam erlahmte.

Ich würde eine ayurvedische Spa-­Behandlung vielleicht nicht jedem empfehlen, aber falls Sie die Vorstellung reizt, zwei Stunden lang (bis auf ein winziges Baumwolltuch über den Genitalien) splitterfasernackt auf dem Rücken zu liegen, während irgendein Typ an Ihren Gliedmassen zerrt und Öl in jede Körperfalte reibt, dann kann ich nur sagen: Ab ins nächste Flugzeug nach Trivandrum!

Während der Massage richtete sich meine geistige Energie hauptsächlich darauf, Achtsamkeit zu bewahren und bewusst zu atmen. Ein wenig musste ich auch darauf verwenden, meine Erektion zu unterdrücken.

Fortsetzung folgt.


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Erstellt: 10.08.2017, 17:37 Uhr

Buch

George Watsky: Wie man es vermasselt. Diogenes, Zürich 2017. Aus dem Englischen von Jenny Merling. 336 S., ca. 30 Fr. Erscheint am 23. August 2017.

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