Maigret-Autor kommt zurück nach Zürich

Die Bücher von Georges Simenon sind alle vergriffen. Ab 2018 erscheinen sie in Daniel Kampas neuem Verlag.

Schriftsteller Georges Simenon (1903-1989), aufgenommen in seinem Heim am Genfersee am 27. März 1969.

Schriftsteller Georges Simenon (1903-1989), aufgenommen in seinem Heim am Genfersee am 27. März 1969.

(Bild: Keystone)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Auf dem Bildschirm war er kürzlich wieder zu sehen, der Kommissar mit der Pfeife. Rowan Atkinson, bekannt als «Mr. Bean», hat Maigret in einer englischen TV-Serie gespielt. Lesen konnte man Georges Simenons Kriminalromane aber seit gut einem Jahr nicht mehr, sie waren im Buchhandel vergriffen – die Maigrets und die Non-Maigrets, wie die zahlreichen Romane des produktiven Belgiers mit unblutiger Handlung genannt werden.

Hausverlag im deutschsprachigen Raum war Diogenes. Dort erschienen in 40 Jahren 220 Bände, vielfach in neuer oder revidierter Übersetzung. Noch vor kurzem kamen alle 75 Maigrets und 50 Non-Maigrets in einer neuen Ausgabe heraus. Von 220 auf 0: für Simenon-Fans – und deren gibt es viele, auch unter Schriftstellern! – ein schwer erträglicher Zustand. Der Grund: Die englische Agentur Peters, Fraser & Dunlop, die zusammen mit dem Sohn John Simenon die Weltrechte hält, hat den Vertrag mit Diogenes nicht verlängert. Die Zürcher mussten «abverkaufen» und haben das, Maigrets sind keine Ladenhüter, auch getan. Bis alles weg war. Diogenes verbirgt seinen (verständlichen) Ärger nicht: «Wir sind enttäuscht über die Entscheidung von John Simenon und der Agentur Peters, Fraser & Dunlop, die jahrzehntelange Zusammenarbeit vertraglich nicht zu verlängern, und möchten diese nicht weiter kommentieren», heisst es in einer Mitteilung.

Simenon ist weg – aber er kommt wieder und wird künftig erneut einen Zürcher Verlag haben. Daniel Kampa hat die deutschsprachigen Rechte erworben und wird im kommenden Jahr die ersten Bände herausbringen. Kampa? In Zürich kein Unbekannter. 1971 geboren, hat er 20 Jahre bei Diogenes gearbeitet, als Vertrauter Daniel Keels, als Marketingleiter, in der Geschäftsführung. Einer seiner Schwerpunkte: die Wiederbelebung ­moderner Klassiker.

Vor Maigret: Kommissar G7

2013 wechselte er zu Hoffmann & Campe (HoCa), wo er unter anderem das Imprint Atlantik gründete, in dem zwei Grossklassiker des Krimis erscheinen: Agatha Christie und Eric Ambler (auch der war vorher bei Diogenes). Die Vermutung lag nahe, dass auch Simenon zur HoCa-Tochter wandern würde. Aber Kampa hat im Juni dieses Jahres den Hamburger Traditionsverlag verlassen und macht sein eigenes Unternehmen auf: den Kampa-Verlag mit Sitz in Zürich. Vorerst eine kleine Firma mit drei Mitarbeitern, aber grossen Plänen, zumal was Georges Simenon angeht. Diese Pläne, so Kampa im Gespräch, waren es, die John Simenon überzeugten, nicht die gebotene Summe.

220 Romane, das ist viel, aber längst nicht alles. Kampa möchte auch die «Intimen Memoiren», die seit langem vergriffen sind, neu übersetzt herausgeben. Weiter den «Brief an meine Mutter», den er mit Kafkas berühmtem «Brief an den Vater» vergleicht. Es gibt eine unendliche Menge von «Dictées», auf Kassettenrekorder gesprochene Tagebuchtexte, die auf Französisch erschienen sind: Da wäre eine Auswahl denkbar. Die Romane werden neu übersetzt (falls Kampa die Rechte an den bisherigen Übersetzungen von Diogenes nicht bekommt) und mit Nachworten versehen; Schriftsteller wie Karl-Heinz Ott und Mirko Bonné hat er schon gewonnen.

Weiter: Frühe Krimis, die Simenon unter dem Pseudonym Georges Sim geschrieben hat, gab es noch nie auf Deutsch, mit einem Kommissar namens G7 und «von hoher Qualität», meint Kampa. 2018 soll es losgehen, mit 10 Titeln pro Jahr und, neben Simenon, einem literarischen Programm. Tatsächlich könnte Zürich nach Ammanns Verschwinden eine weitere literarische Adresse gut gebrauchen.

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