Machtwechsel in Koreas Auftragsmord-Industrie

Krimi der Woche: Im grossartigen Noir-Thriller «Die Plotter» erzählt Un-su Kim von einer Killerindustrie in Südkorea – bizarr, witzig, beklemmend, berührend.

Un-su Kim veröffentlichte Kurzgeschichten, für die er verschiedene Preise gewann, bevor er 2006 seinen ersten Roman «Kaebinit» publizierte.

Un-su Kim veröffentlichte Kurzgeschichten, für die er verschiedene Preise gewann, bevor er 2006 seinen ersten Roman «Kaebinit» publizierte. Bild: Dahuim Paik

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Der erste Satz

Der alte Mann kam heraus in den Garten.

Das Buch
Raeseng ist ein junger Profikiller. Er ist als Findelkind aufgewachsen in der Bibliothek eines Mannes, der Old Racoon genannt wird und Auftragsmorde vermittelt. Da hat sich Raeseng selbst das Lesen beigebracht; Schulen hat er nicht besucht. Als Killer führt er ein einsames Leben zusammen mit seinen Katzen, die Bücherbord und Leselampe heissen, liest viel und denkt über sein Leben und sein Gewerbe nach.

Die Plotter, die dem zweiten Roman des preisgekrönten südkoreanischen Schriftstellers Un-su Kim den Titel geben, haben eine wichtige Funktion in der Killerindustrie: Sie planen die Morde, legen also die Plots fest, und bleiben dabei im Hintergrund. Tracker spüren die Opfer auf, kundschaften sie aus und liefern den Plottern das Material für ihre Pläne. Die Auftragsmordindustrie ist eine Folge des Outsourcings nach dem Ende der Militärregierungen in Südkorea. Die Morde dienen meist dem Machterhalt oder einer Machtübernahme.

Hanja, ein früherer Zögling von Old Racoon, hat ein Securityunternehmen an bester Adresse aufgebaut und will auch das Geschäft seines einstigen Förderers übernehmen. Raeseng sieht sich plötzlich zwischen den Fronten. Da trifft er auf drei Frauen, die offenbar auch an einem Machtwechsel in Koreas Unterwelt arbeiten.

Es ist eine bizarre Geschichte, die Kim auf fesselnde Art erzählt. Sie ist zwar düster und ziemlich melancholisch, hat immer wieder geradezu poetische Momente, ist aber gleichzeitig auch unglaublich witzig.

«Für die Plotter waren Söldner und Auftragskiller des Gleiche wie Altbatterien. (…) Wozu sollte man eine verbrauchte Batterie behalten?» Raeseng landet selbst auf der Abschussliste, nachdem er sich nicht exakt an die Pläne der Plotter gehalten hat. Einen alten General liess er in einem Haustierkrematorium einäschern, obwohl Hanja mit der Leiche Aufsehen erregen wollte. Und eine junge Prostituierte liess er Gift nehmen, statt ihr das Genick zu brechen. Nachdem er in seiner Toilette eine Minibombe gefunden hat, vertreibt auch viel Bier die schweren Gedanken nicht mehr. Doch ein langes Leben erwartet der Kettenraucher nicht: «Ich bezweifle, dass ich in diesem Geschäft lange genug überlebe, um Lungenkrebs zu kriegen», sagt er einmal.

Raeseng beginnt sich immer mehr Fragen zu stellen. Dabei geht es um Werte wie Ehre und Loyalität. Aber auch um Liebe und Schicksal. Um Mitgefühl und Fatalismus. Kim mischt in dem Noir-Thriller virtuos beklemmende Szenen und brutale Gewalt mit berührenden Momenten und schwarzem Humor. Damit macht er «Die Plotter» zu einer faszinierenden Lektüre nicht nur für eingefleischte Krimileser.

Die Wertung

Der Autor
Un-su Kim, geboren 1972 in der südkoreanischen Hafenstadt Busan, studierte koreanische Literatur an der Kyung-Hee-Universität. Er veröffentlichte Kurzgeschichten, für die er verschiedene Preise gewann, bevor er 2006 seinen ersten Roman «Kaebinit» publizierte, der mit dem renommierten Munhakdongne-Romanpreis ausgezeichnet wurde und der auf Englisch als «The Cabinet» erschien. Sein zweiter Roman «Seolgyejadeul» («Die Plotter») erschien 2010; der koreanische Regisseur Hur Jin-ho plant die Verfilmung. Kim hat inzwischen zwei weitere Romane veröffentlicht. Er lebt in Jinhae-gu; der Ort ist bekannt als Basis der südkoreanischen Marine und Stützpunkt der US-Navy sowie für das jährliche zehntägige Kirschblütenfestival.

Un-su Kim: «Die Plotter» (Original: «Seolgyejadeul», Munhakdongne Publishing, Paju-si, Südkorea 2010). Aus dem Englischen von Rainer Schmidt nach der Übersetzung von Sora Kim-Russell. Europa-Verlag, München 2018. 360 S., ca. 33 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2018, 10:24 Uhr

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