Luxus spendet keinen Trost

Andreas Schwab mimt in seinem ersten fiktiven Roman «Anderberg» den Psychiater und dekonstruiert den Grössenwahn der Belle Epoque.

Der Roman von Andreas Schwab ist ab sofort erhältlich.

Der Roman von Andreas Schwab ist ab sofort erhältlich. Bild: Adrian Moser (Archiv)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als sich eine seiner Patientinnen kurz vor seiner Pensionierung von einer Felswand gestürzt und so ihr Leben verloren habe, sei dies Anlass für ihn gewesen, die Biografie dieser Patientin zu rekonstruieren – so die Angabe des Erzählers, des Psychiaters Andres Schwab, im Roman «Anderberg».

Dass diese fiktive Figur den gleichen Namen trägt wie der 46-jährige Autor selber, Letzterer aber nicht Psychiater, sondern Historiker und Gemeindepolitiker ist, passt bestens zu diesem Roman, in welchem vieles anders scheint, als es dann tatsächlich ist. Bei seiner Recherche stösst der fiktive Andres Schwab auf die Geschichte des Vaters von Golda Fürst – so der Name der verblichenen Patientin –, welcher zusammen mit seinem Geschäftspartner Albrecht Haering beschlossen hatte, in Anderberg das spektakulärste Hotel zu bauen, welches die Schweizer Alpenlandschaft je gesehen hatte.

Panta Rhei, ein Luxushotel

Sie könnten unterschiedlicher nicht sein, dieser Kasimir Fürst, der sein ganzes Erbe verspielt und an der Börse verzockt hat und den Bau eines Luxushotels als persönliche Rehabilitierung betrachtet, und Albrecht Haering junior, Spross einer traditionsreichen und wohlhabenden Unternehmerfamilie, der sein Leben lang im Schatten des übermächtigen Vaters stand. Nicht irgendein Hotel wollen die beiden mit dem Panta Rhei aus dem Boden stampfen, sondern ein Hotel im Luxussegment sollte es sein, eine Anlage, welche sich über den gesamten Hügelzug erstreckt und mit riesigen Suiten die Reichen und Reichsten nach Anderberg lockt. Weil es mit der Finanzierung des grössenwahnsinnigen Projekts hapert, lässt sich Fürst mit zwielichtigen russischen Geldgebern ein und fälscht kurzerhand Dokumente.

Der Bau des Panta Rhei kommt zustande, und das Luxushotel wird gar mit einem renommierten Architekturpreis ausgezeichnet. Die Auslastung der Edelunterkunft ist nach Eröffnung allerdings nur mittelmässig, und bald einmal kommt es zum Zerwürfnis der beiden Geschäftspartner Fürst und Haering. Freundschaften und Familien zerbrechen, Fürst landet wegen Urkundenfälschung und Hinterziehung im Gefängnis, und Suizide werden verübt.

Gelungene Milieustudie

Sein Roman sei rein fiktiv, erklärt Autor Andreas Schwab im Anhang von «Anderberg». Und doch steht seine Geschichte exemplarisch für bauliche Unterfangen, welche in der Gründerzeit der Belle Epoque unternommen wurden und die dem Bau des Panta Rhei in puncto Fantastik und Grössenwahn in nichts nachstanden. «Anderberg» ist ausserdem eine gelungene Milieustudie der Welt der Reichen und Schönen und überzeugt mit seinen Charakterisierungen.

In den einzelnen Kapiteln steht jeweils eine Figur im Zentrum, deren Zwänge, Sorgen, Prägungen und Nöte durchleuchtet werden, wobei der Bau des Hotels als roter Faden durch die Einzelschicksale führt.

Oft werden Informationen erst aus zweiter Hand, in Reflexionen anderer Figuren, nachgereicht, wodurch den Ereignissen etwas seltsam Entrücktes anhaftet. Wirklich glücklich ist keiner der Protagonisten. Alle versuchen sie, irgendetwas zu kompensieren, alle betreiben sie Sinnsuche, gelingen will diese nicht. Im Gegenteil: Fürsts wohlstandsverwahrloste Ehefrau Sibylle verfällt dem Alkohol, und Künstlerin Zoe Sager wandert, auf dem Gipfel ihrer Schaffenskrise angelangt, nach Amerika aus. Jegliches Erfolgsstreben bleibt unerfüllt, Luxus spendet keinen Trost, und Grössenwahn führt nicht zur erhofften Bestätigung, sondern zu Verrat und zerbrochenen Freundschaften.

Und doch ist «Anderberg» kein schwermütiger, moralinsaurer Roman geworden, sondern vielmehr eine luftiges Konstrukt, welches unaufgeregt und fast schon ironisch menschliche Hybris dekonstruiert.

Andreas Schwab: Anderberg. Offizin-Verlag, 288 S., ca. 26 Franken. (Der Bund)

Erstellt: 05.07.2017, 07:05 Uhr

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Französische Finte

History Reloaded 10 Unbekannte, die Geschichte schrieben

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Die Welt in Bildern

Wellness fürs Schaf: An der «Sichlete» nach dem Alpabzug gestern in Bern hält dieses Tier ganz entspannt seinen Kopf hin. Die Schur nach einem Sommer auf der Alp ist wohl tatsächlich eine Erleichterung (18: September 2017).
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...