Lukas Bärfuss hat mal wieder einen Wutanfall

Der Autor will den Schweizer Buchpreis abschaffen. Ein früherer Juror wehrt sich.

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Lukas Bärfuss hat mal wieder einen Wutanfall gehabt und in der FAZ vom Dienstag gefordert, den Schweizer Buchpreis in seiner jetzigen Form abzuschaffen. In seiner Tirade vermengt er zwei Dinge, die wenig miteinander zu tun haben und jedenfalls nicht ursächlich zusammenhängen: die offenbar vollends missglückte Festveranstaltung am Abend des 11. November in Basel und die Frage nach der Unabhängigkeit einer Jury, der über zehn Jahre etwa 20 Jurorinnen und Juroren angehört haben. Auf sie fällt nun in corpore der Verdacht, sie hätten nicht eigenständig geurteilt, sondern sich zu willigen Vollstreckern der Buchbranche machen lassen. Ich konnte am Abend des 11. November nicht in Basel sein und vermag daher nicht zu beurteilen, was genau schiefgelaufen ist.

Alle, die dort waren, sind sich einig, dass die Feierlichkeiten mehr als unglücklich waren und zu einer Verletzung des Autors Urs Faes geführt haben, die von allen Seiten bedauert wird und für die auch bereits öffentliche Entschuldigungen ausgesprochen wurden. Ob man jedoch die Vorfälle zum Anlass nehmen muss, sämtlichen Mitgliedern der Buchpreisjury zu unterstellen, Teil eines korrupten Systems zu sein, steht auf einem anderen Blatt. Die Faktenlage, auf die Bärfuss seine Vorwürfe und Forderungen gründet, ist dürftig: Niemand aus dem Kreis der Jury wird mit Namen zitiert, vielmehr scheinen die Anschuldigungen auf Gerüchten und eilig eingeholten Auskünften zu beruhen.

Ich sass von 2011 bis 2013 in der Jury des Schweizer Buchpreises zusammen mit erfahrenen und ausgewiesenen Kritikerinnen und Kritikern wie Andreas Isenschmid, Christine Lötscher, Alexandra Kedves und Hans Ulrich Probst (am Rande: Es stimmt auch nicht, dass die Jury «jährlich neu besetzt» wird). Der Einsitz in einer solchen Jury bedeutet viel Arbeit, die man aus Interesse an der Sache macht und nicht für Geld (wir erhielten ein symbolisches Honorar von 2000 Franken pro Jahr). Man verbringt einen ganzen Frühling und einen ganzen Sommer damit, sich durch einen Berg von Schweizer Literatur zu lesen. Meist sind es rund 80 Bücher, die eingereicht werden. Glaubt wirklich jemand, dass man sich diesen Aufwand macht, nur um sich dann bei den Entscheidungssitzungen im Herbst von Verbandsleuten und Branchenvertretern ein Urteil aufs Auge drücken zu lassen?

Keinerlei «Druckversuche»

Bärfuss behauptet überdies, die Jurymitglieder stünden in beruflichen Abhängigkeiten, die ihr unabhängiges Urteil bedrohen könnten. Ich bin Angestellter der Kunsthochschule Bern und der Universität Zürich. Welche Interessenkonflikte könnten da bestehen, mal nur rein hypothetisch? Der Hochschulbetrieb und das Buchpreiswesen sind zwei ökonomisch und weitgehend auch personell geschiedene Sphären, zwischen denen es keine Abhängigkeitsverhältnisse gibt. Wenn ich in einer Literaturpreisjury sitze, verschafft mir dies keinerlei akademische Vorteile, und die Hochschulen interessieren sich herzlich wenig dafür, wer den Schweizer Buchpreis kriegt. Ich hatte nie den Eindruck, dass sich die Situation für meine Mitjurorinnen und Mitjuroren grundlegend anders ausgenommen hat.

Fakt ist: Es waren bei den Sitzungen jeweils zwei Vertreter der Organisatoren anwesend (SBVV und Buch Basel). Das ist ganz hilfreich, weil es immer wieder Verfahrensfragen zu klären gibt, über die diese Leute am besten Bescheid wissen. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals von den Beisitzern in Jurydiskus­sionen interveniert worden wäre oder sie gar «ihre Meinung vertreten und ihre Präferenzen und Bedenken geäussert» hätten, von «Druckversuchen» ganz zu schweigen. Und wenn jetzt die Frage im Raum steht, wie offene Diskussionen geführt werden sollen, wenn Vertreter von Verband und Veranstalter jede Bemerkung und Äusserung mithören, frage ich mich: Wo ist das Problem? Hält man Jurorinnen und Juroren für so unsichere Wesen, dass sie sich davon beeindrucken lassen? Sie sind es gewohnt, unter den Augen einer wie auch immer gearteten Öffentlichkeit ihr Urteil abzugeben.

Fakt ist auch: Der Schweizer Buchpreis hat in den vergangenen zehn Jahren die Schweizer Literaturszene belebt und viel zu ihrer Sichtbarkeit beigetragen. Er hat Büchern und Autorinnen und Autoren zu Bekanntheit verholfen und viele neue Stimmen hörbar gemacht. Dabei waren die Umstände nicht immer einfach: Der Preis ist privatwirtschaftlich finanziert und hatte auch schon Probleme mit der Geldbeschaffung. Der Bund wollte sich aus unerfindlichen Gründen nicht am Preis beteiligen und hat stattdessen die Eidgenössischen Literaturpreise – heute: Schweizer Literaturpreise – ins Leben gerufen, die trotz eines unvergleichlich höheren Budgets an Ausstrahlung und Wirkung nicht annähernd mit dem Schweizer Buchpreis mithalten können.

Ob die Vorfälle in Basel tatsächlich als Symptom für eine «Verrohung der Sitten» und den «Niedergang des Literaturbetriebs einer zivilisierten Nation» zu werten sind, sei dahingestellt. Aber den Schweizer Buchpreis im Nachgang einer missglückten Festveranstaltung abzuschiessen und eine ganze Kritikerkohorte unter diffusen Korruptionsverdacht zu stellen, ist ebenso unsachlich wie verantwortungslos.

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