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Links gegen rechts: Der Leipziger Sängerkrieg

Denkwürdige Szenen auf der Buchmesse: Erst argumentieren drei Jugendliche einen rechten Verleger ins Aus, dann kommts zum Gesangsduell unter Polizeischutz.

Ständchen vor dem rechten «Compact»-Verlag: Der Singeklub Leipzig. Foto: Tim Wagner (Imago)
Ständchen vor dem rechten «Compact»-Verlag: Der Singeklub Leipzig. Foto: Tim Wagner (Imago)

Viele Rechte waren ja nicht gekommen zur Buchmesse in Leipzig. Götz Kubitscheks Antaios-Verlag beispielsweise hat abgesagt. Vor zwei Jahren auf der Frankfurter Buchmesse hatte Kubitscheks Verlag im Zentrum einer Konfrontation zwischen Rechten und Linken gestanden, im Jahr darauf hatte Kubitschek Antaios mit einer vorgetäuschten Übernahme durch einen anderen Verlag noch einmal einen guten Standort ertrickst. Aber das funktioniert natürlich nur einmal, und so blieb Antaios diesmal gleich ganz fern, was viele erleichtert zur Kenntnis nahmen.

«Compact» aber ist noch da, das Magazin des Aktivisten ­Jürgen Elsässer, in einer etwas abgelegenen Ecke der Halle 3, Stand G602, weit weg von den Elfen, Einhörnern und Zauberern der Manga-Convention in Halle 1. Und hier, sozusagen über der Auslage von «Compact»-Aus­gaben zu Themen wie «Deutsche Frauen», «Deutsche Helden» oder «1000 Jahre Deutsches Reich», traten drei Schüler aus Halberstadt in Sachsen-Anhalt an den «Compact»-Chef Elsässer heran, weil sie da mal was wissen wollten.

Beginn mit «Harry Potter»

Es begann mit der nur auf den ersten Blick abseitigen Frage nach den faschistischen Zügen von Lord Voldemorts Todessern. Dazu habe sie die Meinung der Rechten schon immer interessiert, sagt Jeannine Schach (17) später. Aber es lief natürlich trotzdem zügig auf die grossen Themen zu: Flüchtlinge, Demokratie, Deutschland. Das Erstaunliche dabei war nun nicht Elsässers rechte Folklore – die Globalisierung ist schlecht, Deutschland droht die Umvolkung –, sondern das höfliche Insistieren, mit dem Schach, ihre Freundin Luca Marie Hielscher und Marc Robin Eggert, beide 18, Elsässer erst in Erklärungsnot, dann ins Stentorhafte und schliesslich fast zum Brüllen brachten.

Es stimme keineswegs, dass geflüchtete Syrer nicht in ihre Heimat zurückwollten, nur sei diese gerade kaum bewohnbar, führten sie an. Es sei falsch, dass Syriens Bashar al-Assad Frieden stifte, er errichte dort einen Folterstaat. Und wie stehe er, Elsässer, überhaupt zur DDR und der BRD? Damals seien auch Menschen in die Bundesrepublik geflohen, die aufgenommen wurden. Wo sei da der Unterschied?

«Wir wollten einen Meinungsaustausch, und am Anfang ging das auch, aber dann nicht mehr.»

Luca Marie Hielscher

Nun, versucht Elsässer, das seien ja Deutsche gewesen, das sei ein Unterschied, wir seien in Deutschland, ob sie das nicht verstünden? Aber die Schüler verstehen nicht oder verstehen sehr gut, und als immer mehr kurzhaarige kräftige Männer auftauchen und sie einkreisen, sodass man sie von aussen kaum noch sieht, als einige sie fotografieren oder filmen, obwohl die Mädchen sich das verbitten, als einer schreit, ob sie überhaupt schon mal «gearbeitet» hätten, ziehen sie sich langsam zurück, mit roten Wangen vor Aufregung, aber alles andere als aufgelöst.

«Wir wollten einen Meinungsaustausch, und am Anfang ging das auch, aber dann nicht mehr», kommentiert Luca Marie Hielscher das Zusammentreffen.

Chorische Intervention

Die Polizei, die die Szene beobachtet hatte, ist inzwischen abgezogen, als sich kurz darauf und erkennbar nicht abgesprochen eine weitere Gruppe junger Menschen mit dem Rücken zum Stand aufstellt. Es ist der Singeklub Leipzig, der sich vor einem Jahr formiert hat, um politische Lieder einzustudieren. Und er beginnt mit einer Aktion, die ihr Sprecher Tom Rodig später eine «chorische Intervention» nennt: Die Gruppe singt «No Going Back», ein Lied der britischen Bergarbeiterfrauen während der Streiks Mitte der 1980er. Fast eine feministische Hymne.

Schon während der zweiten Strophe bauen sich hinter ihnen die kräftigen Männer auf und halten Schilder hoch, auf denen Sätze stehen wie «Heimatliebe ist kein Verbrechen» oder «#versagergegenrechts» oder einfach die «Deutsche Frauen»-Ausgabe von «Compact».

Und irgendwann fangen auch die «Compact»-Anhänger an zu singen, man braucht ein wenig, bis man das Lied erkennt, weil sie es ungewohnt zackig intonieren. Sie singen «Die Gedanken sind frei». Aber die anderen singen weiter «No Going Back», und so singen sie beide, lauter und lauter, ein Sängerwettstreit, der die Menschen zusammenströmen lässt. Die Polizei ist wieder aufgetaucht, die Sänger schmettern aus Leibeskräften.

Um die Schüler herum immer mehr kräftige Männer, die sie anpöbeln und fotografieren.

Es ist, man kann das nicht anders sagen, ein heroischer, gänzlich unironischer Moment, ein Kräftemessen darüber, sehr schlicht, wer den Ton angibt. Fast wie in der berühmten Szene aus «Casablanca». Irgendwann setzt sich der Singeklub Leipzig durch, die Rechten werden leiser, verstummen schliesslich. Unter grossem Applaus geben Rodig und seine Gruppe noch zwei Lieder zum Besten, das slowenische Partisanenlied «Drei rote Pfiffe» und «Avanti, Popolo».

Danach ist Singeklub-Sprecher Rodig immer noch aufgeregt, aber zufrieden: «Die Idee bestand darin, auf der Messe hier den Leuten dort etwas entgegenzusetzen», sagt er. Ohne Gewalt: «Wir sind schliesslich auf einer Buchmesse.» Und? «Es hat geklappt. Die Botschaft ist angekommen.» Auch wenn nicht ganz klar ist, bei wem.

Demokratie verteidigen

Es gäbe noch mancherlei aus Leipzig zu berichten, vom vorsichtigen Optimismus der Verleger und der Hoffnung, dass die Krise des Buches doch nicht so schlimm komme. Von der Ratlosigkeit einer irgendwie überrumpelten Buchbranche angesichts der Proteste zur Urheberrechtsreform. Von den Osteuropäern, die in Leipzig immer stark vertreten sind, aber mit Tschechien als Gastland besonders viele Autoren geschickt haben.

Die Demokratie in Europa ist bedroht, hiess es oft und sorgenvoll auf den lichtdurchfluteten, viel besuchten Premium-Plätzen der Messe. Nun, in dieser abgelegenen Ecke von Halle 3 war sie es nicht.

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