Leo fährt in die Welt

Ein «thumber Tor» mit aufrichtigem Herzen: Mit leichtem Strich zeichnet Urs Berner das Werden eines Autors nach.

Der Schriftsteller Urs Berner hat einen Roman über das Werden eines Autors geschrieben.

Der Schriftsteller Urs Berner hat einen Roman über das Werden eines Autors geschrieben. Bild: zvg

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Schreibprozesse verlaufen manchmal merkwürdig. Da nimmt sich einer vor, autobiografisch über seine Jugend zu berichten und findet den Lebensstoff zusehends uninteressant. Dafür melden sich nachts Figuren, die in seiner Biografie gar nicht vorkommen, aber hartnäckig ihr Daseinsrecht behaupten, denn «die Faszination am Wahren ist Wahrhaftigkeit des Unwahren».

Jetzt erst fühlt sich der Autor befreit und kann sein alter Ego, den Bauernsohn Leo, am ersten November 1967 aus dem Aargauer Dorf abreisen und via Montpellier, Algeciras, Tanger nach Marrakesch fahren lassen. Noch einmal hat er vor dem Aufbruch den Duft des heimischen Kleefelds aufgesogen. Im Frühling kehrt er zur Familie zurück – «über Stock und Stei chunnt er wieder hei», sagt die Mutter, und Bäcker Edi hat eine luftig leichte «Flaumwölkchen-Torte» gebacken. Im Gepäck bringt der junge Mann eine Geschichte mit, die er der Tafelrunde vorliest.

Menschen mit Ticks und Macken

Denn ausgezogen ist er, um Schriftsteller zu werden: wie einst der Autor Urs Berner, 1944 im aargauischen Schafisheim geboren. Er hat als Lehrer und Journalist gearbeitet, ist viel gereist und lebt seit langem als Autor einer stattlichen Anzahl von Büchern in Bern.

Nun hat er in seinem neuen Text, einem Entwicklungs- und Reiseroman (und überdies einem Plädoyer fürs Lesen!), einen ganz eigenen Ton gefunden – so luftig leicht wie Bäcker Edis Torte. Viel Selbstironie gegenüber seiner Hauptfigur Leo schwingt mit und zeugt von einer kreativen Distanz gegenüber eigenen Erfahrungen.

Es kann gar nicht anders sein, als dass man Leo wie auch die übrigen Figuren zu lieben beginnt. Nicht Lichtgestalten sind es, sondern Menschen mit Ticks und Macken wie die französischen Zimmerwirtinnen, Beschädigte wie der Hafenarbeiter François, dessen Geschichte sich erst allmählich enthüllt.

Zwischen Scheitern und Gelingen

Nicht nur sucht «Léon le suisse» in Montpellier dringend ein Zimmer und landet vorerst bei der Heilsarmee mit ihrer Devise «Suppe, Seife, Seelenheil». Ebenso sucht er nach Geschichten für sein blaues Notizbuch und – nach Frauen. Die Erschütterungen der Liebe treiben ihn um. Eveline hat ihn schon zu Hause im Habsburger Wald gedemütigt; Gisèle, das Blaukehlchen, entzieht sich ihm. Aber das wahre Zentrum des Romans bildet die Suche nach der Identität als künftiger Schriftsteller.

Eine Vorlesungsreihe über Balzac reisst Leo hin und beschert ihm unwiderstehliche Tagträume mit den Figuren der «Comédie humaine», während er durch Montpellier streift – immer auf der Pirsch nach Szenen, die ihn zum Schreiben anstiften. Die überhöhten Ansprüche an sich als Autor aber muss er bald niederlegen, taumelt er doch zwischen Zweifeln, Scheitern und Gelingen hin und her.

Zwar geraten die Reminiszenzen der Lektüre-Erlebnisse zu lang, aber wie gern folgt man Leo auf seinen Spuren, die er bisweilen als «thumber Tor», aber aufrichtigen Herzens zieht. Über der vielschichtigen Geschichte liegt eine Zärtlichkeit gegenüber dem Leben, den Menschen, der Herkunft, der Kindheit mit ihren Ängsten und Geheimnissen, die nur ein reifer Autor vermitteln kann. Urs Berner ist ein bezauberndes Buch gelungen, das uns vogelleicht über die Schwelle kruder Realität hinausführt.

Urs Berner: Die zweite Erschütterung. Roman. Neptun-Verlag, Interlaken 2017, 265 Seiten, 28 Fr. Vernissage: 13. 9. Um 20 Uhr in der Buchhandlung Stauffacher Bern. (Der Bund)

Erstellt: 09.09.2017, 08:46 Uhr

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