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Leben und Träumen im Windschatten der Geschichte

Von der seligen osmanischen Standuhr zur europäischen Normalzeit: Ahmet Hamdi Tanpinars Romansatire «Das Uhrenstellinstitut».

Ahmet Hamdi Tanpinar (1901–1962) sass, anders als die meisten türkischen Autoren seiner Generation, nie im Gefängnis: Er war weder Rebell noch Reaktionär, nur ein sanfter, einsamer Melancholiker, der von der Moderne nichts Gutes erwartete. Auf seinem Grabstein steht die Anfangszeile eines seiner bekanntesten Gedichte: «Nicht bin ich in der Zeit, / nicht bin ich völlig ausserhalb von ihr».

Das gilt auch für den Helden und Erzähler seines (erst postum veröffentlichten) Romans «Das Uhrenstellinstitut». Hayri Irdal, «gebrochener Amateur» aus einer verarmten Familie, ist ein Mann ohne Eigenschaften und Glück, ohne Selbstvertrauen und Arbeit. Das Leben ist für den überforderten Träumer ein «Märchen, das man mit den Händen in der Tasche ständig neu erfindet», und manchmal wachsen ihm seine Lügenmärchen über den Kopf.

Im eigenen Haus ist er schon lange nicht mehr der Pascha: Die Kinder sind ihm fremd geworden; seine Frau träumt von Hollywood, ihre Schwestern von einer Karriere als Miss Universum. Am liebsten hält sich Hayri im Kaffeehaus auf, unter seinesgleichen: Bohémiens, Schwätzer, Scharlatane, Spiritisten, Weltverbesserer. Er selber hält sich aus der Politik heraus, aber der Schwindel der neuen Zeit hat ihn schon längst erfasst: «Als ginge ich in einem Hohlraum unter der Meeresoberfläche dahin, stolperte ich ständig über Gedanken, die ich nicht begriff, über Bruchstücke des Wissens, und bei jeder Bewegung klebten mir grundlose Nervosität, endlose Hoffnung und haltloser Glaube an Armen und Leib wie verfaulte Algen.»

Während Kemal Atatürk die Reste des Osmanischen Reichs in eine säkulare Republik transformiert, lebt und träumt Hayri im Windschatten der Geschichte, gegen Fortschritt und Zeit. Das Symbol dafür ist «die Selige», die alte Familienstanduhr, die mal vor-, mal nachging und oft ganz stehen blieb wie ein störrisches Kamel. Die Selige zeigte nicht eine objektive Zeit, sondern die Subjektivität ihrer Besitzer an: Sie gehorcht nur ihrem eigenen, eigenwilligen Rhythmus und unterscheidet sich schon dadurch von den herrischen Zeitansagen von Radio und Wecker.

Das absolute Institut

Eben der Standardisierung der türkischen Zeit aber verdankt Hayri auch eine sagenhafte Karriere vom Rädchen im Getriebe zum Vizedirektor des Uhrenstellinstituts, einer Behörde mit dreihundert Angestellten, staatspolitischer Bedeutung und allen Insignien der Moderne. Der «Apparat, der seine Funktion aus sich selbst bestimmt», ist völlig nutzlos, verfügt aber über uniformierte Hostessen, Grossraumbüros, eine Corporate Identity und eine kafkaeske uhrenförmige Zentrale mit treppenlosen Obergeschossen.

Gründer und Direktor des «absoluten Instituts» ist der umtriebige Lautsprecher und Lebenskünstler Halit Ayarci. Realismus bedeutet für ihn, die Wirklichkeit nicht «so zu sehen, wie sie ist, sondern vielmehr herauszufinden, wie mit ihr am besten auszukommen ist.» Der Realismus alten Typs war naiv und defätistisch: «Er hält einen lediglich davon ab, etwas zu unternehmen.» Der «Realismus des neuen Menschen» dagegen erschafft sich seine eigene Wahrheit und Wirklichkeit. «Was einen Namen hat, das gibt es auch»; was nützlich ist, wird frei erfunden, notfalls korrigiert und geschönt.

Das gilt auch für Tradition und Geschichte. Um dem Institut eine historische Legitimation zu geben, muss Hayri die Biografie eines osmanischen Uhrmachergenies aus dem 17. Jahrhundert türken. Bedenken wischt der mephistophelische Zeitsparer Halit beiseite: «Wissen allein wirft uns nur zurück. Es kennt ja weder Ende noch Ziel. Um das Tun geht es vielmehr, um das Erschaffen». Was not tut, ist Erregung, Kraft, Aktion, mit einem Wort: Leben, nicht osmanische Nostalgie und faules Dahindösen.

Halit ist ein moderner Hochstapler, aber kein Zyniker. Er hat Charme, Charisma und eine mitreissende Eloquenz. Auch sein Schützling ist wider Willen fasziniert. Manchmal würde Hayri zwar vor Scham und Selbstekel lieber im Erdboden versinken; aber ein fürstliches Gehalt, gesellschaftliche Reputation und die Gunst der Frauen sind für einen ewigen Verlierer zu verlockend. Und wenn ihn Albträume plagen, verschreibt ihm sein Freund, der Psychoanalytiker Doktor Ramiz, «geleitete Träume», die mit seiner Deutung der Uhr als Vatersymbol übereinstimmen.

«Das Uhrenstellinstitut» lässt sich unschwer als Satire auf das kemalistische Modernisierungsprojekt deuten. Es ist aber auch ein zeitloses Symbol für alle korrupten, bürokratischen Monster, die sich aus sich selbst nähren: Mitarbeiter werden nicht nach ihren Fähigkeiten, sondern aus dem Verwandten- und Freundeskreis der Direktoren rekrutiert. Ihre Arbeit beschränkt sich auf Däumchen- und Schräubchendrehen, Stricken und Selbstbeweihräucherung, und selbst nach der plötzlichen Auflösung des Instituts werden Personal und Pfründe in eine «permanente Auflösungskommission» überführt.

Der jetzt erstmals (leider nicht allzu flüssig) ins Deutsche übersetzte Roman ist, wie Orhan Pamuk in seiner Stadtbiografie «Istanbul» schrieb, ein «allegorisches Meisterwerk, das die verspätete Moderne in der Türkei in all ihren menschlichen Verästelungen nachempfindbar macht». Tanpinars «spätosmanische Commedia dell'Arte» (so Mark Kirchner in seinem Nachwort) ist so bunt und gemächlich ausfabuliert wie eine Geschichte aus 1001 Nacht. Und beschreibt dabei hellsichtig jene Epoche der permanenten Beschleunigung, der am Ende Hayris Märchen von den Diamanten des «Scherbetmachers» und auch die gute alte Selige zum Opfer fallen werden.

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