Kuriose Ecken, verzaubernde Orte

Regula Tanner lebt seit mehr als 20 Jahren im Oberland. Bei Recherchen für ihr Reiselesebuch entdeckte sie jedoch viel Überraschendes – etwa einen Wurmstall für Biodünger.

Das Innenleben des Katzenhubel-Hügels: Lawinenbunker in Obermad, Gadmen.

Das Innenleben des Katzenhubel-Hügels: Lawinenbunker in Obermad, Gadmen. Bild: zvg

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Gadmen ist ein kleines Dorf am Fuss des Sustenpasses. In der östlichsten Gemeinde des Kantons Bern erhält man im Gasthaus Alpenrose den Schlüssel, um eine unterirdische Attraktion ganz in der Nähe zu besichtigen: den Lawinenbunker. Im Winter sind die noch rund 80 Bewohner immer wieder der Gefahr einer «Louwi» ausgesetzt – wie man im hiesigen Dialekt die ins Tal hinunterdonnernden Schneemassen nennt.

Letztmals verbrachten die Gadmer im Winter 1999 längere Zeit in diesem tunnelartigen Bunker, der sich in einem Hügel namens Katzenhubel befindet. Das Mobiliar: Zwei lange Tische mit rot-weiss karierten Plastikdecken, Bänken, einer Kochnische, Ofen, Toiletten und zwei Räumen mit insgesamt 32 Betten.

«Eine Leiter führt zu einem Ausguck», schreibt Regula Tanner in ihrem Reiselesebuch, «von wo aus die Bewohner nach dem Niedergang der Lawine beurteilen können, was sie angerichtet hat.» Ist ein Lawinenbunker tatsächlich eine Sehenswürdigkeit vom Kaliber der im Buch auch gewürdigten Perlen wie dem Blausee, den Beatushöhlen, der Blüemlisalp oder der Gelmerbahn, der steilsten Standseilbahn Europas?

Entspannter, neugieriger Blick

Die Thuner Journalistin, die in Steffisburg das Buchantiquariat «Das Leseglück» führt und als Autorin unter anderem über das «Sammlerglück» schrieb, sieht das mit den Hotspots nicht so eng und pflegt einen erweiterten Begriff von Sehenswürdigkeit; diese entspannte und gleichzeitig neugierige Haltung spiegelt sich auch in ihrem reich bebilderten Reiselesebuch über das Berner Oberland mit 111 Orten, «die man gesehen haben muss».

In diesem Reiseführer wird die Landschaftsvielfalt durchaus auch in höchsten Tönen gepriesen, aber neben dem Lauenensee oder dem Stockhorn hat es eben auch Platz für einen Wurmstall für Biodünger in Aeschi und einen Alpkiosk auf dem Morgetenpass – oder für den Kräuterautomaten im Gewerbepark von Därstetten. Im Fach dieses von der Firma Swiss Alpine Herbs betriebenen Automaten landen keine Süssigkeiten, sondern Kräuter und Tees. Die Kräuter werden von Bauern aus der Region angeliefert, möglichst frisch, also innerhalb von 24 Stunden nach dem Pflücken.

Steffisburger «Neverland»

Ein touristisches Magnet erster Güte wie das Jungfraujoch findet bei Regula Tanner sinnigerweise unter dem Aspekt des Alkohols Erwähnung. Es geht dabei aber nicht um die Spirituosenkarte des Gletscherrestaurants. Tanner erzählt vielmehr von Hochprozentigem mit dem Namen «Swiss Mountain Single Malt Whisky Label», das in Fässern eines Interlakner Bierproduzenten in einer Eisgrotte während Jahren reift. Und wieso denn das? Regula Tanner liefert die Erklärung dazu: «Man stellte fest, dass sich der Reifungsprozess im veränderten Luftdruck und bei konstant minus vier Grad verlangsamt.» Die Folge: Der Whisky wird so umso kräftiger.

Regula Tanners liebevoll präsentierte Miniaturen lassen auch Geschichten von grösseren und kleineren Persönlichkeiten aufleben: etwa von der schönen Brienzersee-Schifferin aus dem 19. Jahrhundert, vom Sherlock-Holmes-Museum in Meiringen oder von Künstlern wie dem Maler Ferdinand Hodler oder dem Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy, die sich im Oberland zu Werken inspirieren liessen.

Apropos Musik: In der Unterwelt von Steffisburg wird dem «King of Pop» Michael Jackson gehuldigt. Eine leuchtend rote Treppe führt hinab in Richtung «Neverland». Dort unten sind in einem kleinen Museum Goldene Schallplatten ausgestellt, Jackos Teddybär, Hüte, Sticker oder Puppen. Alle Ausstellungsobjekte konnten von einem leidenschaftlichen Jackson-Sammler übernommen werden. In der Tat: Zwischen Steffisburg und Gadmen gibt es einiges zu entdecken.

Regula Tanner: 111 Orte im Berner Oberland, die man gesehen haben muss. Emons-Verlag, 2017. 230 S. 23.90 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 22.04.2017, 08:54 Uhr

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