Kultureller Brückenschlag in der Metropole am Schwarzen Meer

In Odessa findet im Oktober die erste Ausgabe eines internationalen Literaturfestivals statt. Eine Schlüsselfigur ist der Berner Hans Ruprecht.

Uferpromenade: «Odessa hat eine grosse Geschichte und strahlt als Hafenstadt immer etwas Weltoffenes und Liberales aus», sagt Hans Ruprecht.

Uferpromenade: «Odessa hat eine grosse Geschichte und strahlt als Hafenstadt immer etwas Weltoffenes und Liberales aus», sagt Hans Ruprecht. Bild: zvg

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In der Stadt am Nordufer des Schwarzen Meeres verbrachte der Dichter Alexander Puschkin 1823/24 etwas mehr als ein Jahr; es war kein freiwilliger Aufenthalt, vielmehr eine Verbannung, in die ihn der Zar für seine allzu fortschrittlichen politischen Ideen geschickt hatte. Das Odessaer Exil sollte sich für Puschkin aber als eine der fruchtbarsten Perioden seines Schaffens entpuppen. Hier schrieb er zwei Kapitel des Romans «Jewgeni Onegin», in dem er die Freiheit und die Weltoffenheit Odessas rühmte und der Stadt eine veritable Liebeserklärung machte. In einem ehemaligen Hotel ist heute das Puschkin-Museum untergebracht.

Lage ist ruhig, aber angespannt

Der Berner Literaturveranstalter Hans Ruprecht – er leitet das Literaturfestival Leukerbad und ist Gründer des Berner Literaturfests – erinnert auch an Isaak Babel, der in Odessa geboren wurde und der dem einst reichen jüdischen Leben der Stadt in den autobiografischen Erzählungen «Geschichten aus Odessa» ein Denkmal von weltliterarischem Rang setzte.

Seit 2010 beherbergt die wichtigste Hafenstadt der Ukraine mit gut einer Million Einwohnern ein mittlerweile etabliertes Filmfestival. Jetzt wird vom 1. bis 4.Oktober erstmals auch ein internationales Literaturfestival mit Schriftstellern aus Russland und der Ukraine, aus Indien und der Türkei, aus Mexiko, Norwegen und Kanada durchgeführt, dass die «kulturelle Ausstrahlung und Internationalität der Stadt» unterstreichen soll.

Aus der Schweiz reisen Lukas Bärfuss, Ilma Rakusa und der seit langem in der Schweiz lebende russische Schriftsteller Michael Schischkin an (vgl. Co-Text). «Odessa ist eine der grossen europäischen Städte der Literatur», sagt der international hervorragend vernetzte Ruprecht, der vor einigen Tagen aus Odessa zurückgekehrt ist: «Es war Ferienzeit, die Restaurants und Hotels waren voll.» Nichts erinnerte an den 2. Mai des letzten Jahres, als bei Ausschreitungen zwischen proukrainischen und prorussischen Demonstranten 48 Menschen ums Leben kamen. Die Situation sei heute ruhig, aber auch angespannt, sagt Ruprecht. Es habe in der jüngeren Vergangenheit etliche Übergriffe vom Territorium des Pseudo-staats Transnistrien aus gegeben, das im Westen an Odessa angrenzt und weitgehend unter de Kontrolle Russlands steht.

Finanziert vom Westen

Die Idee zu diesem Festival stammte ursprünglich vom renommierten ukrainischen Schriftsteller Andrei Kurkov, der noch vor Ausbruch der Maidan-Proteste Ende 2013 Hans Ruprecht und Ulrich Schreiber, den Leiter des Berliner Literaturfestivals, für ein solches Vorhaben zu gewinnen suchte.

Ruprechts Interesse für Osteuropa als Kulturraum hat sich unter anderem in Bern im Herbst 2011 in der Veranstaltungsreihe «Absolut zentral» niedergeschlagen. Er hat zudem die Ukraine bereits mehrmals bereist und auf Tourneen in meist ausverkauften Veranstaltungen Berner Literaten wie Pedro Lenz, Urs Mannhart und Raphael Urweider dem ukrainischen Publikum vorgestellt und sie zusammen mit einheimischen Grössen wie Juri Andruchowitsch oder Serhi Zadan auftreten lassen. «So ein engagiertes, debattierfreudiges Publikum, das genau zuhört, wünsche ich mir manchmal auch für die Schweiz», sagt Ruprecht.

Nach den Maidan-Protesten wurde das Festivalprojekt vorübergehend aufs Eis gelegt, jetzt aber sei der Zeitpunkt günstig, glaubt Ruprecht. Mittlerweile haben sich zwei Oligarchen zurückgezogen, die das Literaturfestival zu Beginn grosszügig unterstützen wollten. Organisatorisch unterstützt wird der Anlass zwar durch ein Komitee vor Ort, finanziert aber ausschliesslich mit Geldern des Auswärtigen Amts in Berlin und von Schweizer Stiftungen. «In der Ukraine ist im Moment bei staatlichen Stellen kein Geld vorhanden für kulturelle Veranstaltungen», sagt Ruprecht. «Wir haben kein grosses Budget und zahlen minimale Honorare.»

«Wir haben kein grosses Budget und zahlen minimale Honorare.»Hans Ruprecht, Literaturveranstalter

Und dennoch scheint Odessa als Sehnsuchtsort einen Exotenbonus unter Autorinnen und Autoren zu geniessen. Der amerikanische Essayist Eliot Weinberger etwa wollte unbedingt die Stadt seiner Vorfahren kennen lernen. Für nächstes Jahr hätten, erzählt Ruprecht, bereits Schwergewichte wie Daniel Kehlmann oder die Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa und Wole Soyinka ihr Interesse angemeldet, in der Stadt aufzutreten, die über Jahrhunderte eine Nahtstelle zwischen Orient und Okzident bildete.

Die Schweizer Autorin Ilma Rakusa wird in Odessa ihr Buch «Mehr Meer» in einer ukrainischen und einer russischen Übersetzung vorstellen. Auf Odessa freut sie die Autorin mit slowenisch-ungarischen Wurzeln sehr: «Hier hat Sergei Eisenstein Teile seines Films ‹Panzerkreuzer Potemkin› gedreht, die legendäre Treppe begleitet mich oft bis in die Träume.» Ob ihr imaginiertes und das reale Odessa zusammenfinden, werde sich zeigen: «Doch ich zweifle nicht an der Magie des Ortes.»

Hans Ruprecht kommt ebenfalls ins Schwärmen, wenn er davon erzählt, wie er in Odessa «mit offenen Armen» empfangen worden sei. Das im Gagarin-Palast untergebrachte Literaturmuseum wird einer der Hauptorte für Lesungen sein, ein umgebauter Dachstock auf einem ehemaligen Industriegelände, das Terminal 42, ist ein neuer Ort für eine eher jüngere Szene. Das Hotel Londonskaja schliesslich, das mit seinem Entree und dem Hallenbad immer noch den Geist eines Grand-Hotels des Fin-de-siècle verströmt und in dem für 40 Euro gediegen übernachtet werden kann, soll zum Festivalzentrum werden und alle Autorinnen und Autoren beherbergen.

Befürchtet Ruprecht eine Instrumentalisierung des Literaturfestivals für politische Auseinandersetzungen? «Nein», entgegnet er dezidiert», wir sind in der Programmierung völlig frei. Wenn wir einen Staatsauftrag zu erfüllen hätten, wären wir sicher nicht eingestiegen.»

«Wenn wir einen Staatsauftrag zu erfüllen hätten, wären wir sicher nicht eingestiegen.»Hans Ruprecht, Literaturveranstalter

Natürlich sei die Veranstaltung vor dem aktuellen politischen Hintergrund eine Gratwanderung, räumt Ruprecht ein. Eigentlich war auch eine Programmschiene mit dem renommierten Osteuropa-Historiker Karl Schlögel sowie russischen Historikern vorgesehen: «Ich habe aber schlicht keine Gesprächspartner gefunden für Schlögel, die ohne ideologische Scheuklappen argumentieren.»

Wider die Freund-Feind-Bilder

Ursprünglich war das Festival zweisprachig geplant: Originalsprache und russische Übersetzung. An der Pressekonferenz in Odessa am 17 Juli wurde jedoch auf diese Ankündigung mit Unverständnis und Kritik reagiert. In Odessa ist Russisch aus historischen Gründen bis heute die am häufigsten gesprochene Sprache, Ukrainisch ist seit der Unabhängigkeit 1991 Amts- und Schulsprache.

Die Festivalleitung hat reagiert und wird nun die Lesungen ausländischer Autoren sowie Gesprächsrunden sowohl ins Ukrainische als auch ins Russische übersetzen. Auch wenn das Festival nicht von offizieller Seite finanziell unterstützt wird, ist die Präsenz von politischen Repräsentanten bei der Eröffnung doch von Bedeutung. So wird möglicherweise auch Georgiens Ex-Staatschef Michail Saakaschwili dem Festival seine Aufwartung machen. In seiner Heimat wegen Amtsmissbrauchs gesucht, wurde der 47-Jährige vom ukrainischen Präsidenten Poroschenko Ende Mai zum Gebietsgouverneur der Region Odessa ernannt. «Der prowestliche Saakaschwili soll vor allem die grassierende Korruption bekämpfen», sagt Ruprecht.

Von einem Literaturfestival in Krisenzeiten könnten keine Wunder erwartet werden, sagt Ilma Rakusa. «Hier ergeben sich aber Verständigungsmöglichkeiten jenseits politischer Diskurse, Fronten und Vorurteile. Literatur denkt nicht in Schwarz-Weiss-Kategorien oder Freund-Feind-Bildern, zumindest wenn es sich um gute Literatur handelt.»

Mehr zum Festival: www.sprachform.ch (Der Bund)

Erstellt: 16.08.2015, 10:47 Uhr

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