«Krimis sind wie antike Tragödien»

Chronist, Menschenkenner und Visionär: Der Schwede Arne Dahl spielt in seinen Kriminalromanen die Bedrohungen der Zukunft durch. Er erreicht damit ein Millionenpublikum.

Arne Dahl heisst eigentlich Jan Arnald und baut die Welten seiner Krimis mithilfe eines Computerprogramms. Foto: Sabina Bobst

Arne Dahl heisst eigentlich Jan Arnald und baut die Welten seiner Krimis mithilfe eines Computerprogramms. Foto: Sabina Bobst

Ihre neue Krimireihe trägt lakonische Titel, der jüngste lautet «Hass». Das zielt auf die Magengrube des Lesers. Ist das die Absicht?
Beim Schreiben von Krimis geht es mir darum, die verworrene Welt, in der wir leben, und die Menschen ein wenig besser zu verstehen. Das gelingt nur, wenn man ein unbedingtes Gefühl in den Fokus rückt. Deshalb tragen die Bücher meiner neuen Reihe Titel wie «Gier», «Zorn», «Neid» und «Hass». Krimis sind also letztlich nichts anderes als eine moderne Form der antiken Tragödie, in der man mittels starker Affekte etwas über das Menschensein erfahren kann.

Braucht es dafür den ganzen Globus als Schauplatz, wie Sie ihn in Ihren Krimis bespielen?
Man kann die grossen Fragen des Menschseins selbstverständlich auch in einem psychologischen Kammerspiel ergründen. Für mich war aber der Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2007 ein einschneidendes Ereignis, das meinen Blick fürs globale Ganze öffnete. ­Damals wurde mir mit Nachdruck klar, wie stark die weltweiten Verstrickungen sind.

Dann gab es also einen Einbruch der Zeit in die Krimiwelt?
Genau. Zeit war aber schon immer eine unsichtbare Hauptdarstellerin in meinen Krimis. Also auch damals, als ich mich noch ganz auf Schweden als Schauplatz des internationalen Verbrechens konzentrierte. Damals war es mein Versuch, mit meinen beiden Ermittlern Kerstin Holm und Paul Hjelm ein ganzes Jahrzehnt in zehn Bänden zu erfassen.

Ein ganzes Jahrzehnt?
Zu Beginn war das für mich auch ein ­unvorstellbar grosser Zeitraum. Aber beim Schreiben war es dann unglaublich spannend, zu beobachten, wie Schwedens vermeintlich ewiger Wohlfahrtsstaat sich so rasch unter dem Druck der neoliberalen Weltordnung wandelte. In meiner neuen Reihe gehören Holm und Hjelm zu einem 15-köpfigen Team von internationalen Ermittlern. Ausserdem gibt es jetzt erstmals Elemente von Science-Fiction. Meine neuen Krimis sind also auch ein Spiel mit der Vorstellung, was in Zukunft geschehen könnte.

Als Krimi-Autor muss man ein ­Visionär sein?
Ich versuche zu spüren, wie die politische Grosswetterlage sich entwickeln wird. Wenn meine Prognose sich dann als richtig erweist, erlebe ich jeweils ein Wechselbad der Gefühle, zuletzt bei den Enthüllungen von Edward Snowden: ­Alles, was man in Sachen Überwachung vermutete, war Realität. Das ist schlecht für die Demokratien, in denen die Menschen inzwischen besser überwacht werden, als es die Stasi in der DDR je konnte. Aber es ist gut für mich als ­Krimiautor, bei dem man das alles schon früher lesen konnte.

Dann müssen Sie sich beim ­Schreiben zurückhalten, damit nicht alles Realität wird, was Sie als Krimi-Kassandra vorhersagen!
(lacht) Nein, das nicht. Es gab auch Ereignisse, die ich nicht vorhersah. Etwa die zweite Welle des islamistischen Terrorismus nach der al-Qaida, wie er sich jetzt im IS zeigt. Das ist das Risiko, wenn man einen globalen Krimi schreibt: Man läuft Gefahr, von Entwicklungen überrascht zu werden. Vermeiden kann man das nur, wenn man seine Krimis in einer idyllischen Agatha-Christie-Welt verortet. Die literarische Qualität meiner Bücher wird aber nicht davon beeinflusst, ob meine Prognosen richtig liegen.

Es ist also die literarische Qualität, an der man Ihre Krimis messen muss?
Ja, ich wehre mich ganz entschieden dagegen, dass man Krimis als Unterhaltungsliteratur belächelt. Gerade im Krimigenre gibt es eine hohe literarische Qualität, etwa bei Friedrich Dürrenmatt. Oder beim schwedischen Autorenduo Maj Sjöwall und Per Wahlöö, das Mitte der 1960er-Jahre das Krimigenre erneuerte, indem es es politisierte und zur Literatur erhob.

Ohne Sjöwall und Wahlöö wäre der Welterfolg von Henning Mankell, Stieg Larsson und Ihnen also ­undenkbar.
Ja, und dabei haben Sjöwall und Wahlöö die Messlatte so hoch gelegt, dass es ­danach praktisch unmöglich war, einen schlechten schwedischen Krimi vorzulegen. Für mich gibt es deshalb auch keine Unterscheidung zwischen Krimis und ernsthafter Literatur. Es gibt nur gute und schlechte Texte.

Begonnen haben Sie aber als Autor sogenannt ernsthafter Literatur?
Genau. Bis 2005 wusste niemand, dass ich Krimis schreibe. Man kannte nur Jan Arnald, wie ich ja eigentlich heisse, der ernsthafte Literatur schreibt und seinen Lebensunterhalt als Zeitschriften-Redaktor bei der Schwedischen Akademie verdient. Dann wurde ich von ­einem Journalisten enttarnt.

Was hat Sie bewogen, sich von der ernsthaften Literatur abzuwenden?
Ich hatte die Geduld mit der Langsamkeit ohne Bedeutung verloren, der man in der zeitgenössischen Literatur so oft begegnet. Vor einigen Jahren ist der Stil der amerikanischen Short Stories nach Europa geschwappt, die alle einen ganz kleinen Ausschnitt des Alltags zeigen. Das ist fantastisch, wenn man die ­Qualität von Raymond Carver erreicht. Aber das ist nicht das, was ich in der ­Literatur suche. Mich interessieren Geschichten mit einem Ende oder einer ­Lösung, die es in den Krimis braucht – und die manchmal sehr schmerzhaft sein können.

War der kommerzielle Erfolg nicht auch ein Grund, warum Sie sich auf das Schreiben von Krimis verlegt haben?
Keine Frage, es ist grossartig, mit Büchern Geld zu verdienen. Aber das ist nicht der Grund, warum ich schreibe. Ich wäre eigentlich gern Musiker geworden, aber auch dafür fehlte mir die Geduld, die man beim täglichen Üben braucht, das viel mit Wiederholen und Verfeinern zu tun hat. Jetzt schreibe ich jedes Jahr einen Krimi von mehreren hundert Seiten, was ja auch eine Geduldsarbeit ist, wenn auch eine andere. Das Schreiben hat für mich dennoch ­etwas mit Musik zu tun. Denn wie in ­einer Symphonie muss auch in einem Krimi alles zusammenkommen und stimmen.

Wie komponieren Sie Ihre Krimis?
Als ich meine ersten Krimis schrieb, habe ich noch mit Post-it-Zetteln gearbeitet, die ich auf den Fussboden meines Arbeitszimmers klebte. Das war ­etwas schwierig, da meine Kinder damals noch im Krabbelalter waren und wiederholt der Versuchung erlagen, durch Umkleben eine neue Ordnung in meine Romane zu bringen. Inzwischen gibt es Computerprogramme, mit denen ich das Universum meiner Krimis bauen kann.

Wie ein Architekt?
Ja, ich entwerfe mir eine Welt, die ich mit Energie und Spannung aufladen kann – und in der alle Fäden zusammenlaufen. Das ist eines der besten Gefühle, die es gibt: wenn alles stimmt. Ich bin auch zutiefst davon überzeugt, dass ­hinter jedem kleinen Verbrechen ein grösseres steckt.

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