Kollektiver Wahnsinn

Nick Drnaso zeichnet in «Sabrina» die USA als psychotisches Land. Seine Graphic Novel ist jetzt für den Man-Booker-Preis nominiert. Literaturpreise für Comics? Unbedingt.

Die Folgen eines mörderischen Verbrechens: Szene aus «Sabrina» von Nick Drnaso. Foto: PD

Die Folgen eines mörderischen Verbrechens: Szene aus «Sabrina» von Nick Drnaso. Foto: PD

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Eine junge Frau passt auf das Haus ihrer Eltern auf. Sie versorgt die Katze, macht Tee, räumt auf und strahlt bei diesen Alltagsverrichtungen eine freundliche Ruhe aus. Ihre Schwester kommt kurz vorbei, die beiden wirken sehr vertraut und planen eine gemeinsame Reise. Am Ende dieses Auftaktkapitels sieht man die junge Frau das Haus verlassen und ahnt im Grunde schon, dass sie nie wieder auftauchen wird. Aber warum? Liegt es daran, dass die Bilder teilweise aussehen, als hätte ein unbekannter Dritter die Szene von draussen, aus dem Dunkel der Anonymität beobachtet? Oder weil die beiden Schwestern im Gespräch immer wieder Gewalt andeuten, ohne dass diese explizit zum Thema wird? Jedenfalls sickert von Anfang an etwas Unheimliches in diese Bilder ein, ähnlich einem Geruch, der unter der Tür durchweht, wodurch der Comic-Künstler Nick Drnaso atmosphärisch sehr geschickt den Boden für sein eigentliches Thema bereitet.

Das dunkle Gravitationszentrum seiner Graphic Novel «Sabrina» ist der ausserordentlich brutale Mord an seiner Titelfigur Sabrina. Das Verbrechen selbst wird nie gezeigt. Der Autor und Zeichner Nick Drnaso konzentriert sich stattdessen ganz auf dessen Folgen. Darauf, wie dieser mörderische Folterexzess das Leben von Sabrinas Angehörigen zerstört. Und auf den kollektiven Wahnsinn, der Amerika ergriffen hat, die Gerüchte, die sofort nach Sabrinas Tod im Netz auftauchen, die hochgradig toxischen Verschwörungstheorien, die noch in das einsamste Zimmer irgendwo in Colorado dringen. Dort versteckt sich Teddy, Sabrinas Freund, der seit ihrem Verschwinden vollkommen verstummt ist. Calvin Wrobel, ein ehemaliger Schulkamerad, der heute bei der Armee arbeitet, hat ihn in sein leeres Haus aufgenommen.

Alle Amokläufe von der Regierung inszeniert?

Anfangs versucht Calvin mit Stichwortanekdoten an frühere gemeinsame Erlebnisse anzudocken, aber seine Sätze verschwinden in Teddys ausdruckslosem Gesicht wie ein Stein in einem Moorsee. Schon bald leben die beiden Männer schweigend nebeneinander her, Wrobel scrollt nachts in seinem Zimmer durch die sozialen Medien; Teddys einziger Kontakt zur Aus­senwelt ist das Radio, auf dem er den Tiraden eines verschwörungstheoretischen Infowarriors lauscht, der behauptet, alle Amokläufe und Terroranschläge seien von der Regierung und dem Militär inszeniert, die Opfer und trauernden Überlebenden seien bezahlte Schauspieler.

Es ist natürlich nur eine Frage der Zeit, bis sich dieser paranoide Wahn auch auf Calvin als Militärmitarbeiter und Angehörigen richtet, schliesslich rast das Video, das den grauenhaften Mord an Sabrina dokumentiert, schon bald durchs Netz.

Der 29-jährige Chicagoer Autor Nick Drnaso hat mit seiner kargen, 200-seitigen Graphic Novel einen Nerv getroffen. In diesem Buch kondensiert sich so viel über Amerika und die Gegenwart (Einsamkeit in digitalen Zeiten, die bedingungslose Sucht nach Intensität, und wenn sie nur darin besteht, ein Foltervideo im Netz aufzuspüren, um sich an den Qualen einer Sterbenden zu ergötzen), dass Zadie Smith schrieb, «Sabrina» sei «das beste Buch – in any medium –, das ich über unsere momentane Welt gelesen habe». Interessant an diesem Zitat ist nicht der superlativische Bombast, sondern der Einschub «in any medium», der betont, dass das Buch auch gegen Romane oder Sachbücher bestehen kann, was ja impliziert: obwohl es nur ein Comic ist.

Wäre «Sabrina» ein Film, bestünde der Soundtrack aus dem Sirren von Neonröhren.

Dazu passend wurde enormes Aufheben um die Tatsache gemacht, dass «Sabrina» für den Man Booker Prize nominiert ist, den wohl renommiertesten Preis der englischsprachigen Literaturwelt, der jeden Oktober das beste Buch in englischer Sprache kürt. Graphic Novels haben zwar schon den National Book Award gewonnen, der das US-Pendant zum Booker Prize darstellt. Aber weder in den USA noch in Grossbritannien wurde bisher jemals ein Comicbuch für die Haupt­kategorie Fiktion nominiert. Die «New York Times» jubelte: «Würde Drnaso tatsächlich gewinnen, wäre das der grösste Moment für die Gattung der Graphic Novel, seit Art Spiegelman mit ‹Maus› 1992 einen Pulitzer-Preis gewann.»

Statt sich euphorisch zu überschlagen, könnte man umgekehrt fragen: Warum erst jetzt? Alison Bechdels Familiengeschichte «Fun Home» etwa ist ein Meisterwerk der autobiografischen Literatur, das sich spiralförmig immer tiefer hineingräbt in das Lebensgeheimnis ihres Vaters und dabei mit rabenschwarzem Humor und vor den skurrilen Kulissen des väterlichen Begräbnisunternehmens ihre eigene Coming-of-Age-Geschichte entfaltet.

Oder Shaun Tan. In seinem Exil-Epos «Ein neues Land» (Carlsen, 2008) über Verstehen, Fremdsein und die einende Kraft grosser Geschichten arbeitet der Australier so geschickt mit Symbolen, Leitmotiven und allegorischen Figuren, dass er ganz ohne Sprache auskommt. Dennoch oder auch gerade deshalb kann dieses Buch, wenn es darum geht, zu erklären, was es bedeutet, entwurzelt zu werden und anderswo neu anfangen zu müssen, es an Eindringlichkeit und erzählerischem Reichtum mit literarischen Referenzwerken wie «Manhattan Transfer» ohne weiteres aufnehmen.

«Einsam. Dauerzustanddes Menschen»

Vor allem aber muss man Chris Ware erwähnen, der mit «Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt» (2000, deutsch 2013 bei Reprodukt) eines der melancholischsten Epen unserer Zeit geschaffen hat. Formal wiederholt Ware auf Comicebene im Grunde das, was James Joyce im «Ulysses» machte, indem er so viele Stile wie möglich sinnfällig in seiner Geschichte um einen durchwegs durchschnittlichen Amerikaner und dessen traurig-verkorkste Beziehung zum eigenen Vater unterzubringen versucht. Chris Ware selbst fasst den Zustand all seiner Protagonisten im angehängten Glossar zu «Jimmy Corrigan» so zusammen: «Einsam. Dauerzustand des Menschen, ungeachtet aller Bemühungen, das Gegenteil zu erreichen. Kann auf unterschiedliche Weise – durch Ehe, Geschlechtsverkehr, Brettspiele, Literatur, Musik, Fernsehen, Partyhütchen, Gebäck – gemildert oder gedämpft, aber nicht überwunden werden.»

Jimmy Corrigan könnte gut im Nachbarhaus von Nick Drnasos Calvin Wrobel wohnen, die beiden stummen Eigenbrötler würden einander aber aller Voraussicht nach nie kennen lernen. Und Corrigan hat immerhin das Glück, vor dem 11. September 2001 das Licht der Welt erblickt zu haben: In dem Universum, das ihm Chris Ware um die Jahrtausendwende herum gezeichnet hat, ist er zwar mutterseelenallein, die Welt ist aber noch nicht tiefgefroren und so schal und tot, dass kein Tier je zu sehen ist, es gibt noch Farben und Schönheit, zumindest im Verfall alter Häuser, und liebevolle Details im Hintergrund der Bilder.

Man könnte es auch so sagen: Das Amerika des Chris Ware leidet an untröstlicher Melancholie. Bei Drnaso aber wütet draussen die kollektive Psychose, drinnen erstickt die Depression jeden Lebensfunken.

Die Katastrophe begann mit 9/11

Drnaso insinuiert mehrfach, dass die gesellschaftlich-politische Katastrophe unserer Tage mit 9/11 begann; die Verschwörungstheorien, die allen politischen Diskurs zerstören, der Hass auf das andere, das Verstummen, all das hatte hier seinen Anfang. Seine Figuren sind mit ihren schwarzen Stecknadelaugen und sackförmigen Körpern derart entindividualisiert, dass man oft auf den ersten Blick gar nicht sagen kann, ob da ein Mann oder eine Frau sitzt.

Wie sollte so jemand noch Gefühle äussern? Calvin Wrobel füllt nur jeden Abend im Armeedienst, der aus ödem Sitzen am Computer besteht, stumm ein Formblatt über sein Befinden aus. Das erste Mal tut er das am 11. September 2017, also am Jahrestag von 9/11.

Es ist, als hätte Drnaso die Ligne claire, die Hergé seinerzeit für «Tim und Struppi» erfand, einem Automaten einprogrammiert. Eine Landschaft gibt es nicht, die kräftigste Lichtquelle in den Panels sind Computerbildschirme. Wäre «Sabrina» ein Film, bestünde der Soundtrack aus dem Sirren von Neonröhren in menschenleeren Räumen, leisen Schritten auf endlosen Linoleumgängen, summenden Kühlschränken. All das zusammen führt dazu, dass man aus «Sabrina» auftaucht wie aus einem Stummfilm, bei dem Stephen King und der junge Bret Easton Ellis (der von «Unter Null») Regie geführt haben.

Angeblich wurde «Sabrina» jetzt an einen deutschen Verlag verkauft. Dazu kann man nur gratulieren, ganz gleich, wie das Buch beim Man Booker Prize abschneidet. Der wird am 16. Oktober verliehen. «Sabrina» muss es aber vorher, am 20. September, noch auf die Shortlist schaffen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 18.09.2018, 19:22 Uhr

Nick Drnaso: «Sabrina»

Drawn & Quarterly,204 Seiten.

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