«Kinder – ein rassistischer Begriff»

Von der Verbichselung der Schweiz und einem Auftritt des grossen Peter Bichsel als Hahn im Korb.

Inmitten einer Frauenrunde spricht Peter Bichsel im Kosmos – gewohnt näselnd und zögernd. Schauen Sie selbst rein, am Ende des Beitrags finden Sie den Link. Quelle: yourstage.live/ Kosmos

Inmitten einer Frauenrunde spricht Peter Bichsel im Kosmos – gewohnt näselnd und zögernd. Schauen Sie selbst rein, am Ende des Beitrags finden Sie den Link. Quelle: yourstage.live/ Kosmos

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«Hats schon angefangen? Ich habe gar nicht zugehört», meinte Peter Bichsel auf die erste Frage und hatte damit die Lacher und das ganze Publikum auf seiner Seite. Das blieb so, auch auf der Bühne im Zürcher Kosmos, wo nicht weniger als vier Frauen dem Altmeister huldigten: Moderatorin Sieglinde Geisel, die gerade mit Bichsel ein Gesprächsbuch im Kampa-Verlag herausgebracht hat, sowie die Jungautorinnen Dorothee Elmiger, Nora Gomringer und Julia Weber.

Sie lasen klassische Bichsel-Geschichten vor («Ein Tisch ist ein Tisch») und berichteten vom Zeitpunkt ihrer eigenen «Verbichselung» – bei Nora Gomringer sehr früh, ihre Mutter, im Schaumbad liegend und mit Zigarettenspitze im Mund, las schon der Fünfjährigen Bichsel vor.

Meist aber sprach der Auslöser der Verbichselung (die ja die ganze Schweiz erfasst hat) selbst, wie man ihn kennt, näselnd und zögernd, mit langen Denkpausen. Etwa, dass es rassistisch sei, Menschen unter Gruppenbegriffe zu fassen. Auch «Kinder» sei so ein Begriff. Literatur für Kinder? Für Erwachsene? Das sei Unsinn. «‹Ulysses› von James Joyce ist ein Buch ausschliesslich für Leser von ‹Ulysses› von James Joyce.» Seine Geschichten seien auch keine Kindergeschichten, sondern bildeten kindliche Denkmodelle ab – die Lust an Geheimsprachen, am Wegdenken von Dingen, die Vorstellung, alles könnte anders sein.

Einfach nur Geschichten

Jung geblieben sind seine Geschichten, auch die ganz alten. Bichsel selbst hatte gehofft, «Drei Randständige erklären Candide die Demokratie» oder «Des Schweizers Schweiz» von 1968 wären heute längst unverständliche Texte. Aber sie sind noch immer. Er sei ein «Visionär», bescheinigte man ihm deshalb, worauf er konterte: «Es ist leicht, Visionär in einem Land zu sein, das keine Visionen hat.»

Den vorlesenden Autorinnen hielt er mehr schelmisch als streng vor: «Sie suchen nach dem Inhalt. Die Suche ist vergeblich.» Geschichten hätten keinen Inhalt, sie seien «dazu da, Geschichten zu sein», sonst nichts. Und erzählte vom Entstehen einer der berühmtesten, «Jodok lässt grüssen», in der der Name eines gar nicht existenten Onkels Jodok jandlhaft erst alle Vokale okkupiert («Onkol Jodok word ons bosochon, or ost on goschotor Monn»), dann alle Substantive.

Bei so einer Geschichte sei nach drei Sätzen klar, wie sie weitergehe – deshalb hatte er bei der Niederschrift auch Angst, dass ihm jemand zuvorkomme: «Jeder könnte das schreiben.» Eben nicht, lieber Peter Bichsel. Deshalb sind seine kindlich-philosophischen Texte auch einzigartig in der deutschsprachigen Literatur, und einzigartig seine, inzwischen leider seltenen, Auftritte.

Die komplette Veranstaltung ist auf www.yourstage.live abrufbar.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.01.2019, 15:04 Uhr

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