Justitias unerschrockener Kämpfer

Schmutz im Sauberland Schweiz: Der Berner Krimiautor Peter Beutler greift in seinem neuen Buch den Fall des Polizisten «Meier 19» auf und legt ein Stück Zeitgeschichte aus dem Kalten Krieg vor.

Ungebrochen: Lange kämpfte Kurt Meier für seine Rehabilitation, die ihm erst 1998 zugestanden wurde.

Ungebrochen: Lange kämpfte Kurt Meier für seine Rehabilitation, die ihm erst 1998 zugestanden wurde. Bild: Dominique Meienberg

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Wieder lässt Peter Beutler öde Novembertage flugs vergessen. Denn erneut greift der Berner Krimiautor in «Hauptwache Urania» einen brisanten Stoff aus der jüngeren Schweizer Kriminalgeschichte auf und gestaltet ihn zu einem höchst spannenden, wenn auch viel verzweigten Roman, der Aufmerksamkeit erfordert. Er will indessen aufklären, nicht unterhalten. Wie schon in seinen früheren Romanen, etwa in «Kristallhöhle» oder «Kehrsatz», nimmt er die Justiz ins Visier, die oftmals die Kleinen hängt, die Grossen aber laufen lässt.

Gemäss alter Tradition wägt Justitia mit verbundenen Augen, damit sie ihre Unbestechlichkeit wahren kann. Doch die Beamten, die in ihrem Dienst stehen, schielen nicht selten nach rechts und links, nehmen Rücksicht auf Parteifreunde, einflussreiche und finanzstarke Zeitgenossen.

Ein Held der 68er-Bewegung

So war es im Fall «Meier 19», jener Zürcher Justiz- und Polizeiaffäre, die von 1967 bis in die Neunzigerjahre die Öffentlichkeit beschäftigte. Basierend auf den Sachbuch-Recherchen von Paul Bösch (1997), sorgte der erfolgreiche Dokumentarfilm «Meier 19» von Erich Schmid 2001 nochmals für Schlagzeilen.

Hinter «Meier 19» steht der Detektivwachtmeister Kurt Meier (1925–2006) der Stadtpolizei Zürich, der 1967 wegen Amtsgeheimnisverletzung entlassen wurde, da er interne Dokumente veröffentlicht hatte, welche die Nachsicht der Behörden gegenüber prominenten Verkehrssündern bezeugten.

Das Verfahren gegen Meier wurde von politisch aktiven Studenten der Universität Zürich aufgegriffen: Der Angeklagte erschien in ihren Augen als «Kronzeuge des Klassenkampfs»; sein Fall zeigte die Korruption des Establishments auf. Hauptgrund für das anhaltende Interesse der Öffentlichkeit aber war Meiers weitere Enthüllung zum Diebstahl der Lohntüten aus dem Tresor der Polizeiwache 1963: Der Chef der Zürcher Kriminalpolizei habe diese Tat entweder selbst begangen oder sei darin verwickelt gewesen – und habe erst noch die Untersuchung geleitet.

Der Whistleblower Kurt Meier wurde verurteilt, fiel in finanzielle und persönliche Bedrängnis, kämpfte jedoch jahrelang für seine Rehabilitation, die ihm erst 1998 zugestanden wurde. Dieser Ritter der Gerechtigkeit muss einen Mann wie Peter Beutler beschäftigen. Der promovierte Chemiker, 1942 in Zwieselberg geboren und heute auf dem Beatenberg lebend, legt ein Stück Zeitgeschichte aus der Phase der 68er-Studentenbewegung und des Kalten Krieges vor.

Mathias Sonderegger heisst der Protagonist seines neuen Romans. Der Name deutet die isolierte Stellung an, die er als subalterner Beamter im Kampf gegen Ungerechtigkeiten einnimmt. Auch die Namen der anderen Beteiligten weichen von den realen ab, sind aber zweifellos für Kenner der damaligen Ereignisse aufzuschlüsseln.

Böcke werden zu Gärtnern

Sondereggers Engagement weckt schnell Empathie, zumal sich sein Charakterbild nicht mit jenem eines Michael Kohlhaas gleichsetzen lässt. Dafür denken wir an David und seinen Kontrahenten Goliath, nur dass dieser hier gleich in mehrfacher Verkörperung auftritt: als Kriminalkommissar und Offizier der Stadtpolizei Zürich, als Stadtrat, als Staatsanwalt. Wie soll ein kleiner Mann merken, wer mit wem unter einer Decke steckt? Allerdings rückt der tapfere, ohne Heiligenschein auskommende Sonderegger oft aus dem Blickfeld. Denn Peter Beutler weitet seinen Roman, der zwischen Vergangenheit und Erzählgegenwart hin und her wechselt, stark aus. Da sind nicht weniger als drei Mordfälle aufzuklären. Zudem reichen die Nebenschauplätze bis zu den paramilitärischen Kampftruppen in Kolumbien und der dortigen Drogenmafia, da ein Offizier der Stadtpolizei heimlich als Kokain-Lieferant der Zürcher Drogenszene zuarbeitet. Ausgerechnet er wird Leiter der Gruppe, die den illegalen Rauschgifthandel auf Zürichs Plätzen bekämpfen soll. Dies ist nicht die einzige Absurdität in einer Enthüllungsgeschichte, welche die Lesenden manchmal glauben lässt, sie befänden sich eher in Medellín oder Neapel als in der Zwinglistadt. Es geht dem versierten Erzähler Peter Beutler jedoch um die Wahrheit – nicht um die Wirklichkeit im Massstab eins zu eins.

Peter Beutler, Hauptwache Urania, Kriminalroman. Emons-Verlag: Köln 2017, 336 Seiten. 17.90 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 03.11.2017, 17:28 Uhr

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