Jetzt geht es um alles oder nichts

Autor Yuval Noah Harari erkennt zwei grosse Gefahren für unsere Zivilisation. In seinen 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert kommen allerdings die Chancen, die im Wandel liegen, zu kurz. 

Die ökologische Katastrophe auf dem Planeten Erde kann – wenn überhaupt – nur global abgewendet werden. Foto: Nasa

Die ökologische Katastrophe auf dem Planeten Erde kann – wenn überhaupt – nur global abgewendet werden. Foto: Nasa

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Ist dies das Buch der Stunde? Der israelische Historiker Yuval Noah Harari, stets das grosse Ganze im Blick, holt in den «21 Lektionen für das 21. Jahrhundert» weit aus, um die Probleme und Konflikte darzustellen, die unser Leben prägen. Er bringt Ordnung in die Unübersichtlichkeit der Gegenwart: Arbeit, Freiheit und Gleichheit; Nationalismus, Religion und Migration; Terrorismus, Säkularisierung und Bildung – nichts von Belang lässt Harari aus.

Wer sich aufdatieren will in Sachen gesellschaftlicher und technologischer Entwicklung, ist mit diesem Sachbuch, das wie ein Ratgeber daherkommt (und auch einer ist), gut bedient. Der 42-jährige Yuval Noah Harari ist zudem ein Autor, der, angelsächsisch geschult, eine Sprache pflegt, die zugänglich und leicht verständlich ist. Er macht nichts komplizierter, als es ist. Alle Themen, die drückend auf unserer Gegenwart lasten, kommen zur Sprache. Die Frage ist nur wie!

Populärer Kulturverfall greift um sich 

Die Idee zum Buch stammt nicht vom Autor selbst, sondern von seiner Verlegerin. Wer Millionenseller wie «Eine kurze Geschichte der Menschheit» und «Homo Deus» verfassen kann, wird mit einem langen Essay zur Lage unserer Zivilisation auch Kasse machen, so das Kalkül des Verlages. Was ökonomisch sinnvoll ist, kann publizistisch fragwürdig sein: Harari recycelt vieles, was er bereits veröffentlicht hat – in seinen Büchern, Essays und Aufsätzen. Dass die schnell produzierten «21 Lektionen für das 21. Jahrhundert» in sich selbst noch zahlreiche Redundanzen aufweisen, ist ärgerlich und spricht nicht dafür, dass der erfolgsverwöhnte Autor seinen Leserinnen und Lesern allzu viel zutraut.

Oder aber der Historiker geht davon aus, dass wir vom drohenden Kulturverfall, den er wortreich beschwört, bereits betroffen sind. Im Unterschied zu anderen Intellektuellen, die auf die Kraft der Vernunft setzen, bedient Harari allzu wohlfeil kulturpessimistisches Denken: Wohin man auch schaut, überall droht das Ende unserer Zivilisation. Ob Informations- oder Biotechnologie, ob Arbeit oder Freiheit – Harari sieht die Gefahren, nicht aber die Chancen, die im Wandel liegen. 

«Biotechnologie und künstliche Intelligenz wollen etwas ganz Grundlegendes verändern, nämlich was es heisst, Mensch zu sein», mahnt er. «Die Demokratie in ihrer gegenwärtigen Form kann die Verschmelzung von Biotechnologie und Informationstechnologie nicht überleben.»

«Wenn es ums Klima geht, sind Staaten schlicht nicht souverän.»

Yuval Noah Harari warnt vor «digitalen Diktaturen», in denen die Ungleichheiten massiv zunehmen und Millionen von Menschen nicht nur arbeits-, sondern bedeutungslos werden. Diesen pessimistischen Ton, der für ein wohliges Schaudern beim Lesen sorgt, zieht der Autor konsequent durch. Es handelt sich um die genauso beliebte wie bekannte Zivilisationskritik, die im Mainstream angekommen ist. 

Bei einer Thematik allerdings ist Hararis Argumentation stringent und nicht raunend: Gegen die ökologische Katastrophe, die sich im rasanten Klimawandel unverkennbar ankündigt, muss sofort etwas unternommen werden. Das geht aber nur, so der Autor, wenn global gehandelt wird. Es sei kein Zufall, dass Nationalisten wie US-Präsident Donald Trump diese Bedrohung leugneten. Würden sie dies nicht tun, liesse sich ihre Politik mit rückwärtsgewandter Ideologie nicht länger vertreten. «Wenn es ums Klima geht, sind Staaten schlicht nicht souverän.»

Überraschende Hinweise, enttäuschende Schlüsse

Yuval Noah Harari betont an­gesichts der kommenden Herausforderungen, dass der viel zitierte «Clash of Civilisations» weniger Sorgen bereite als die Tatsache, dass wir, geblendet vom Gerede über Fake News, nach wie vor nicht wahrhaben wollen, dass wir letztlich in einer einzigen Zivilisation lebten. Der Klimawandel bedrohe mit verheerenden Konsequenzen nicht nur ein Land oder einen Kontinent. Vielmehr geht es, und da hat Harari recht, um alles oder nichts.

Immer wieder überrascht und verblüfft Harari mit originellen Vergleichen. So stellt er etwa nüchtern fest, dass Zucker die grössere Gefahr für die Menschheit darstelle als Terror. Und die ewig gleiche Frage nach dem Sinn des Lebens solle doch der sinnvolleren Frage weichen, wie man Leid beende. Schliesslich vermutet der Autor, dass die Menschen im virtuellen Zeitalter den Bezug zum eigenen Körper zunehmend verlören – und damit auch die innere Verbindung zur Natur. 

Doch dann enttäuscht Yuval Noah Harari zu wiederholten Malen mit unbelegbaren Thesen («Für sich genommen ist das Universum nur ein sinnloses Sammelsurium von Atomen») oder platten Kalendersprüchen («Veränderung ist die einzige Konstante»).

Seine am Schluss formulierte Hymne aufs tägliche Meditieren in Ehren – aber wieso hat sich der Autor in den langen Stunden meditativen Hier- und Daseins nie die Frage gestellt, ob die von ihm überaus kritisch beurteilten Entwicklungen in der Bio- und Infotechnologie nicht auch zur Lösung der ökologischen Probleme beitragen könnten? Diese 22. Lektion hätten wir nur allzu gerne gelernt. So hätte sich eine mögliche Synthese von analoger und digitaler Welt im Sinne Friedrich Hölderlins ergeben, der einmal geschrieben hat: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. 

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