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Jenseits des Westens: Die Leere

Stefan Weidner, renommierter Vermittler der arabischen Kultur, rechnet mit der westlichen Zivilisation ab, fährt offene Scheunentore ein und findet Alternativen, die einen etwas ratlos lassen.

«Freiheit vom Denken und Handeln»: Für Stefan Weidner ist Mahatma Gandhi ein Kronzeuge des neuen Kosmopolitismus. Foto: Keystone
«Freiheit vom Denken und Handeln»: Für Stefan Weidner ist Mahatma Gandhi ein Kronzeuge des neuen Kosmopolitismus. Foto: Keystone

Jenseits des Westens – da ist nichts mehr, sagte Francis Fukuyama nach dem Untergang des Kommunismus. Der Westen, also die liberale Demokratie als politischer Rahmen für den Kapitalismus als Wirtschaftsform, sei «das Ende der Geschichte», so der Titel seines Bestsellers von 1992. An Fukuyama, aber auch an seinem Kollegen Samuel Huntington («Kampf der Kulturen») und nicht zuletzt am deutschen Starhistoriker Heinrich August Winkler («Geschichte des Westens») arbeitet sich ­Stefan Weidner ab.

Weidner ist weder Historiker noch Politologe, sondern ein ausgewiesener Kenner und Vermittler arabischer Kultur. Sein Grossessay «Jenseits des Westens» ist aber grundsätzlicher angelegt, Frucht jahrelanger, umfassender Lektüre und ganz offensichtlich ein tiefes Bedürfnis: Er will dem Westen den Zahn der Überlegenheit ziehen und als Alternative ein «neues kosmopolitisches Denken» entwerfen. Ersteres gelingt ihm weitaus überzeugender als Letzteres, schon weil er der Dekonstruktion ungefähr zehnmal so viel Raum wie für die Alternative widmet.

Der «Systemfehler» des Westens liegt für ihn darin, Werte als universell zu setzen und zu verbreiten, die indes nur für die gelten, die sich zu ihnen erklären. Wer den westlichen Universalismus nicht schlucken will, gilt als Gegner und wird bekämpft. Das sei das «Begründungsnarrativ des westlichen Machtanspruchs in der Welt». Der viel beschworene Rationalismus entpuppe sich als pure Ideologie.

«Thymos» als Antrieb

Diesen nicht falschen, aber auch nicht ganz neuen Gedanken verfolgt Weidner in immer neuen Ansätzen, Schüben und Exkursen. Dabei geht er zurück auf einen Begriff aus Platons «Staat»: «Thymos», das Streben nach Ehre und Anerkennung. Fukuyama hatte den Sieg der kapitalistischen Demokratien des Westens dadurch erklärt, dass diese dem urmenschlichen Drang, sich vor anderen auszuzeichnen, am besten Genüge tun. Für Weidner hat sich dieser Drang verengt auf die Anhäufung von immer mehr Gütern. Die Freiheit, auf die sich der Westen geradezu fetischartig beruft, sei reduziert auf die Freiheit des Kapitals.

Dafür habe der Westen die spirituelle Dimension verloren, den Sinn für Transzendenz. Dies gelte es, wieder zu erlangen, meint Weidner im vollen Wissen, wie schwierig das in säkularen Zeiten zu vermitteln ist. Deshalb geht er immer neue Umwege in Philosophie, Kunst und Geschichte.

Ein Exkurs über die Grenzöffnung in Deutschland 2015 («ein Stück vorweggenommene Zukunft») und das Exil als Metapher für die fundamentale Fremdheit des Menschen in der Welt führt wieder ins Zentrum seines Denkens. Wenn der Mensch, den kein Staat mehr schützt, immer noch «das Recht auf Rechte» hat ­(Hannah Arendt), wenn das Recht seine eigentliche Heimat ist (Bernhard Schlink), wer setzt dann dieses Recht? Es kann keine menschliche Institution, nur eine höhere – also eine göttliche – Instanz sein.

Ein solch göttlich gesetztes Recht sieht Weidner etwa in der Scharia, auf die sich jeder Gläubige berufen könne und die deshalb «eine Brandmauer gegen Willkürherrschaft» sei. «Ein Hitler, ein Ermächtigungsgesetz wären in einem politischen Gemeinwesen, das nach klassischen islamischen Vorstellungen geordnet ist, nicht möglich gewesen», heisst es allen Ernstes.

Idealistisch oder naiv?

Das ist tatsächlich idealistisch, wenn nicht naiv, wie ein Blick auf Horror-Regimes wie den Iran oder Saudiarabien zeigt, die sich auch auf die Scharia berufen. Auch Weidners Aussage, dass der Westen Recht und Moral getrennt habe, während sie im Islam noch vereint seien, leuchtet nicht ein, weil er faule weltliche Äpfel mit Paradiesbirnen vergleicht. In einem idealen christlichen (oder meinetwegen kapitalistischen) System wäre schliesslich auch alles in Butter. Das haben ideale Zustände so an sich.

Dass ein entfesselter Kapitalismus als extreme Ausformung des Westens dabei ist, unsere Erde zu ruinieren, ist kaum zu bestreiten – es ist vielmehr ein offenes Scheunentor, in das Weidner mit seinem philosophischen Dekonstruktionstraktor immer wieder neu hineinfährt. Umso gespannter ist man auf die Alternativen.

Hier hat Weidner allerdings nicht viel mehr als Ansätze und Bruchstücke zu bieten. Ansätze findet er etwa bei Johann Gottfried Herder, bei den Romantikern und den Gegenaufklärern.

Kronzeuge des neuen Kosmopolitismus ist für Weidner aber Mahatma Gandhi. Dieser entdeckte – übrigens über den Umweg englischer Theosophen – die klassisch-indische Baghavad Gita als Theorie der Befreiung. Als Wegleiter zur Freiheit: nicht im westlichen Sinn der Freiheit, Güter anzuhäufen, sondern zu einer inneren Freiheit, der «Freiheit vom Denken und Handeln», zu Entsagung und Askese. «Jenseits des Westens ist also recht eigentlich eine Leere, die gleichwohl nicht nichts ist», liest man gegen Ende des Buchs. Und zweifelt, ob das «Konzept der entsagenden Freiheit» wirklich «neue Möglichkeiten im Kampf gegen den Kapitalismus» eröffnen kann.

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