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Jeder Mensch ist ein potenzieller Aggressor

Isaac Rosa porträtiert einen Mann, der Opfer seiner Furcht wird. Dabei kommt eine hintergründige Aufzählung moderner Angst-Spielarten zutage.

Der Verfasser von «Im Reich der Angst» gehört zu den Shooting Stars der spanischen Literaturszene.
Der Verfasser von «Im Reich der Angst» gehört zu den Shooting Stars der spanischen Literaturszene.
Reuters

Furcht, Panik, Schreck – Carlos kennt sämtliche Facetten der Angst. Zwar nicht aus eigener Erfahrung, aber er weiss, wie es sich anfühlt - denn nichts tut er ausgiebiger, als sich die tiefen Abgründe der Verängstigung auszumalen.

Schreckensszenarien allenthalben

Carlos und Sara führen mit Sohn Pablo ein beschauliches Leben in einer spanischen Stadt. Von Schicksalsschlägen blieben sie bislang verschont, Carlos wertet genau dies als ungutes Zeichen: Wen bis ins Erwachsenenalter kein Unglück ereilte, meint er, der müsse sich umso sorgfältiger auf eines vorbereiten. Carlos macht dies, indem er sich ständig die schlimmsten Schreckensszenarien vorstellt. Die Schwangerschaft seiner Frau, ein Spielplatzbesuch mit seinem Sohn, ein abendlicher Spaziergang - hinter allem vermutet Carlos eine Bedrohung, jeder Mensch ist ein potenzieller Aggressor, stets rechnet Carlos mit dem Schlimmsten - um durch diese Vorwegnahme der Angst die Macht zu nehmen.

Immer tiefere Verstrickung

Dann bricht das Unglück über ihn herein, all seine irrationalen Ängste kumulieren und manifestieren sich in einer Person – einem Schulkameraden seines zwölfjährigen Sohnes, der Pablo erpresst und misshandelt. Der Schuldirektor und die Lehrer werden eingeschaltet, Pablo zur Schule gebracht und abgeholt, Carlos tut alles, um seinen Sohn zu beschützen. Zu feige ist er aber aufgrund seiner eigenen Ängste, sich gegen den Jungen zu wehren, so wird er wie sein Sohn zum Opfer, aber zu einem noch viel wehrloseren. Immer tiefer verstrickt er sich, er nimmt Schläge und Beschimpfungen in Kauf und zahlt schliesslich immer höhere Geldsummen, um sich den Erpresser vom Leib zu halten. Dabei steigert er sich in seine Hilflosigkeit hinein, die Angst bestimmt sein Leben, das zu einer üblen Farce aus Lügen und Schweigen verkommt.

Rosa führt seine Leser tief in das dunkle Reich der Angst. Indem er Carlos alle möglichen Bedrohungssituationen durchspielen lässt, gewährt er einen faszinierenden Einblick in die Psyche einer angstbesessenen Persönlichkeit. Ein beeindruckender Thriller ist das, dessen Spannung eher auf dem beruht, was sich Carlos an Schrecklichem ausmalt, als auf den tatsächlichen Ereignissen.

dapd/lsch

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