Irrfahrt eines Rebellen

Mit dem berndeutschen Roman «Flüemiswil» sorgt Martin Rindlisbacher für Unterhaltung und Tiefgang.

Christentum der Tat statt verkrustete Religiosität: So sieht Romanheld Düss die Welt.

Christentum der Tat statt verkrustete Religiosität: So sieht Romanheld Düss die Welt. Bild: Valérie Chételat

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Eigentlich läuft vor unseren Augen eine Odyssee in Kleinformat ab, denn Nestor Albert Bälliz stolpert auf vielen Umwegen dahin – selbst im Kloster landet «Bruder Vagabundus» –, und er lässt sich wie der griechische Mythenheld von Sirenen bezirzen. Der Theologiestudent Bälliz, der lieber Archäologie oder Musik studiert hätte, ist ein intelligenter Kerl, ein tolles Mannsbild überdies, aber er lässt sich nichts vorschreiben: weder vom strengen Grossvater noch vom «Dozäntli» an der theologischen Fakultät.

So nennt er Dr. Hürni, dessen liebesdurstige Gattin Louisa nur allzu bereitwillig in seinen ­Armen landet, aber daneben noch mit weiteren Studenten «beschäftigt» ist. «Düss» wird der Protagonist genannt, und «Düss» lautet auch der Titel jener Novelle von Rudolf von Tavel (1866–1934), welche die Vorlage für Martin Rindlisbachers Roman abgegeben hat. So spielt dieser in den Dreissigerjahren, jedoch näher bei Gotthelf als der modernen Zeit.

Pralle Dorfgeschichte

Einerseits verlegt der 1952 im Schangnau geborene Autor und Pfarrerssohn, der seit bald dreissig Jahren als Atelierleiter im Jugendheim der Viktoria-Stiftung ­Richigen arbeitet, seine Handlung in die Stadt Bern. Andrerseits wickelt sich die Geschichte im fiktiven Emmentaler Dorf Flüemiswil ab.

Das Pfarrhaus, der Gasthof Bären und das Schloss derer von Morriveaux sind die Schauplätze für eine pralle Dorfgeschichte mit Herzschmerz und finalen Hochzeitsfreuden. Diese Örtlichkeiten lassen jedoch gesellschaftliche Gegensätze ahnen, die teils spürbar, teils aber auch überwunden werden. Das Verhalten der lebensnah gezeichneten Figuren wirft Licht auf die Mentalität und die intakten Traditionen der Dreissigerjahre.

Gegen die verkrustete Religiosität

Zugegeben: Einen Mundartroman liest man nicht im gleichen Tempo wie einen hochdeutschen Text. Aber dennoch kommt man von «Flüemiswil», diesem Typus eines Entwicklungsromans, nicht los und folgt den verschlungenen Wegen des Düss, der über die Liebe Bescheid weiss wie über die religiösen Bedürfnisse der Menschen und wie diesen eine mitmenschliche Theologie begegnen sollte.

Denn Düss lehnt sich auf gegen eine verkrustete Religiosität und plädiert vehement für ein Christentum der Tat. Hier zeigt sich eine Parallele zum Dichter der Vorlage, hat doch von Tavel in etlichen ­Erzählungen seine Sympathie für religiöse Erweckungsbewegungen geäussert.

Unverblümte Bärenwirtin

Martin Rindlisbacher packt die Lesenden mit seiner kraftvollen und gleichwohl fein empfundenen Mundart, die nur selten die hochdeutsche Syntax streift. Welch saftige Dialektbegriffe purzeln daher, wie unverblümt spricht Bärenwirtin Lisette, die nach der Schwefelbergbad-Kur ihr «Dorfklatschgänterli» füllen muss. «Flüemiswil» dürfte auch ein erstklassiger Hörgenuss sein.

Martin Rindlisbacher: Flüemiswil – e bärndütschi Gschicht. Verlag Fluh­design, 2015. 240 Seiten, ca. 28 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 13.07.2015, 13:57 Uhr

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