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«Indien ist kein Leseland»

Der Inder Kiran Nagarkar ist einer der bedeutendsten Autoren des Subkontinents. Für ein halbes Jahr lebt und schreibt er nun in Zürich.

Gut bringt das Literaturhaus seine Gastautoren unter. Die Wohnungsgenossenschaft PWG hat dafür eine grosszügige, helle Wohnung im fünften Stock an der Hegibachstrasse zur Verfügung gestellt. Der Blick geht weit über die Dächer bis zum Höhenzug des Uetlibergs. Kiran Nagarkar ist begeistert. «Close to paradise» sei es hier, vor allem wegen der vielen Bäume. In Mumbai, seiner Heimatstadt, seien die Bäume in den letzten Jahrzehnten verschwunden, durch den Bauboom, die Immobilienspekulation. Und noch eins: Wenn er mit Freunden in Mumbai skypt, versteht er sie manchmal kaum, so sehr dringt der Lärm der Megacity überall durch. Nagarkar hasst Lärm, also liebt er Zürichs Ruhe. Hier wird er gut zum Schreiben kommen.

Der 68-jährige Inder ist der zweite Writer-in-Residence, wie das Literaturhaus sein Gastschreiberprogramm weltläufig nennt. Anfang Juni hat er den Finnen Olli Jalonen abgelöst. Die Wohnung wirkt fast unbenutzt, trotzdem entschuldigt sich Nagarkar sofort über die «Unordnung». Ein vergleichbar liebenswürdiger, um das Wohl seines bis eben noch unbekannten Besuchers besorgter Mensch begegnet einem nicht alle Tage. Schmales, gütiges Gesicht, schlanke, grosse Gestalt. Schon ist er in der Küche, um Tee zu machen. Er selbst trinkt nur Wasser – aus der Flasche in hohem Bogen direkt in die Kehle, ohne den für uns zwingenden Schluckreflex: «Diese Technik lernt man in Indien früh, damit man den Flaschenrand nicht berühren muss.»Nagarkar gehört zu den bedeutendsten und international anerkanntesten Autoren seines Landes; sein bislang letzter Roman, «Gottes kleiner Krieger», machte 2006, als Indien Gast der Frankfurter Buchmesse war, Furore. Es ist die exemplarische Studie eines fehlgeleiteten Idealisten, der vom radikalen Muslim zum christlichen Fundamentalisten und schliesslich zum extremistischen Hindu konvertiert. Eine Demonstration religiöser Intoleranz, opulent erzählt. Eines der zentralen Probleme Indiens, wie Nagarkar, selbst Agnostiker, weiss. Löste das Buch, das in viele Weltsprachen übersetzt ist, in seinem Land fruchtbare Debatten aus? Nagarkar winkt ab. «Es war ein totaler Flop.» Indien sei kein Leseland. Zwar gebe es eine schnell wachsende Mittelklasse, aber: «Die lesen Dan Brown, wenn überhaupt. Eigentlich gehen sie für ihr Geld lieber fein essen.»

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