«In der Schule war Israel ein Tabu»

Die deutsche Schauspielerin Iris Berben hat ein Buch über Jerusalem geschrieben. Es ist der Ausdruck einer langen, beständigen Liebe.

Gastronomen-Tochter Iris Berben. Foto: Hannelore Foerster (Getty Images)

Gastronomen-Tochter Iris Berben. Foto: Hannelore Foerster (Getty Images)

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Sie waren achtzehn, als Sie 1968 das erste Mal nach Israel kamen. Was trugen Sie mit sich als Wissen und Vorurteil über das Land?
Gar nichts. Gerade deshalb bin ich hingefahren. Weil alles, was einerseits mit dem Dritten Reich und andererseits mit der Entstehung von Israel zusammenhing, in meiner Schule ein Tabuthema war. Natürlich wusste man damals, das ist das Land, das den Sechstagekrieg hinter sich hat. Auch dass viele Überlebende des Holocaust dorthin emigriert waren. Aber sonst war da nichts Konkretes, und dieses Nichtwissen machte mich neugierig.

Viele junge Leute zogs damals nach Israel mit der ungemein romantischen Vorstellung von der Gemeinschaft und der Solidarität im Kibbuz. Haben Sie diese Romantik gefunden?
Ich hab sie kennen gelernt im Land, nicht einmal das brachte ich als Vorstellung mit mir. Ich kam aus dem Internat, ohne Information über diesen Hype und die Schwärmerei. Dann erlebte ich dieses gewaltige Schwärmen tatsächlich, diesen Wunsch, eine neue Welt zu bauen. Eine bessere und gerechtere. Davon waren wir alle angesteckt und überzeugt.

Dann erlebte ich dieses gewaltige Schwärmen tatsächlich, diesen Wunsch, eine neue Welt zu bauen. Eine bessere und gerechtere.

Und die Schwärmerei hat sich in der Wirklichkeit halten können.
Na ja, wie es halt ist mit dem Schwärmen. Es weicht der Realität und dem Bewusstsein, dass man diese neue Welt nicht hat schaffen können. Wir haben geglaubt, wir schaffen es, das ist das Vorrecht junger Menschen. Dass sich nicht immer alles verbessern lässt und dass man das begreift, heisst aber nicht, dass man die Idee davon aufgibt. Und es ist ja auch so: Wenn Schwärmerei zur Liebe wird, wird es oft schwierig und macht Arbeit, und manchmal muss man kämpfen. Bei mir ist eine Liebe zu Israel entstanden, und sie ist geblieben bis heute. Ich fahre jedes Jahr ein paar Mal hin, hatte eine langjährige Beziehung dort, und heute habe ich meinen Israel-Fonds an der Hebräischen Universität und viele Freunde. Es ist eine beständige Liebe. Auch mein Buch ist ein Ausdruck davon. Wegen dieser Liebe ist es mir wichtig, ein anderes Israel zu zeigen, nicht nur jenes mediale Bild voller ­Aggression und Krieg.

Nach dem Sechstagekrieg gab es ja auch dieses Bild eines soldatischen Israel. Eines der Kriegerinnen und Krieger. Wie haben Sie das erlebt?
Ich erinnere mich, dass der Krieg ein starkes Thema war. Aber ich könnte nicht sagen, dass ich ein wehrhaftes Bild vor Augen habe. Mein Erinnerungsbild hat ganz viel zu tun mit Freiheit und einer Art Hippiekultur, wenig mit Soldaten. Ganz anders als heute.

In Ihrem Buch beschreiben Sie Jerusalem als einen Ort, durch den die Spiritualität von drei Religionen weht. Und Sie schreiben auch von Fröhlichkeit und Frieden...
Ich schreibe von Fröhlichkeit und der Hoffnung auf Frieden, aber eben auch von einer Stadt voller Spannung und Widersprüche und Energie, natürlich auch über diese spirituelle Energie, die jeden ergreift, der dorthin kommt. Ich schreibe auch über die Angst, mit der die Menschen täglich umgehen. Sie haben es lernen müssen. Wenn man lang genug dort gelebt hat, wird ein Alltag daraus, und das ist schlimm genug. Ich entwerfe da kein Gegenbild von Fröhlichkeit, nein, ich schreibe darüber, wie anstrengend und mühsam das Leben dort manchmal ist und wie die Menschen sich damit arrangieren. Und wie sie alle doch den Frieden wollen. Da hat für mich Jerusalem, wo drei grosse Weltreligionen so nah nebeneinander existieren, eine ungeheure Symbolkraft.

Ich schreibe darüber, wie anstrengend und mühsam das Leben dort manchmal ist und wie die Menschen sich damit arrangieren. Und wie sie alle doch den Frieden wollen.

Die Sache der Aussöhnung macht wieder eine schlechte Zeit durch, jetzt, nach dem Terror von Paris, nach Sharm al-Sheikh. Wenn Sie mit Ihren Freunden in Israel reden, spüren Sie eine erhöhte Anspannung?
Mehr ist es nicht, nein. Wir sind in ­Europa überrascht und erschrocken, dass der Terror auch bei uns ange­kommen ist und wir damit werden ­umgehen müssen. In Israel tut man das schon so lang, und die Gewohnheit hilft, leider Gottes.

Iris Berben/Tom Krausz: Jerusalem: Menschen und Geschichten einer wundersamen Stadt. Corso-Verlag, Wiesbaden 2015. 128 S., 39.90 Fr. Lesung: Theater Neumarkt, 29. 11., 17 Uhr. Moderation: Roger Schawinski. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2015, 18:23 Uhr

Iris Berben

Schauspieler

Iris Berben, Jahrgang 1950, wuchs in Hamburg als Tochter eines Gastronomen-Ehepaars auf. Sie war 18 Jahre alt, als sie mit «Detektive» ihren ersten Kinofilm drehte.

In die gleiche Zeit fällt ihr erster Besuch in Israel; seither pflegt sie eine intensive Beziehung zu diesem Land, die unter anderem zur Gründung eines Fonds für Gehirn­forschung an der Hebräischen Universität Jerusalem führte.

Für ihr Engagement wurde sie 2002 vom Zentralrat der Juden in Deutschland mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet. 2010 wurde Berben gemeinsam mit Bruno Ganz zur Präsidentin der Deutschen Filmakademie gewählt. Ihre Zürcher Lesung findet im Rahmen des Jerusalem-Festivals von Omanut (Verein für jüdische Kunst und Kultur) statt. (TA)

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