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Immer auf der richtigen Seite

Eine zweisprachige Ausgabe der Gedichte von Nâzim Hikmet bietet nur wenig Lesevergnügen.

Als einen «Meilenstein der modernen türkischen, ja der europäischen Literatur» preist der Ammann-Verlag uns das lyrische Werk des Dichters Nâzim Hikmet an, das er mit einem zweisprachigen Auswahlband in Erinnerung rufen möchte. Und richtig, wir erinnern uns: Auf Gedichte von Nâzim Hikmet (1902–1963) waren wir erstmals in Enzensbergers legendärem «Museum der modernen Poesie» gestossen, wo sie Seite an Seite mit Versen poetischer und politischer Zunftgenossen Hikmets ausgestellt waren, Versen von Aragon, García Lorca, Neruda, Eluard, Brecht. Nâzim Hikmet – hatte der nicht im Moskau der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts noch bei Jessenin und Majakowski persönlich das lyrische Handwerk gelernt? Ein Grosser halt, in Tuchfühlung mit Grossen gross geworden?

Wald bleibt Wald

Und so schlagen wir denn den Meilenstein-Band mit den von Gisela Kraft ausgewählten und nachgedichteten Hikmet-Gedichten auf – und sind ganz rasch ganz ratlos. «Auf das Gute, Wahre, Gerechte zugehen», lesen wir, «um das Gute, Wahre, Gerechte kämpfen, / das Gute, Wahre, Gerechte erringen.» So einfach ist das, wenn man Bescheid weiss und auf der richtigen Seite steht. Und Hikmet steht immer auf der richtigen Seite, weiss immer Bescheid. Egal, ob es um die Liebe, um den Kosmos oder um die kommunistische Weltbewegung geht.

Die Bäume, die Sterne, die Genossen, sie alle wollen im Grunde immer nur eines: Brüderlichkeit. Und wessen Herz weiss das und schlägt im Takt mit den Genossen, den Sternen, den Bäumen? Das Herz des Dichters natürlich. «Leben, einzeln und frei wie ein Baum / und brüderlich wie ein Wald, / ist unser Traum ...» Und wenns einmal ans Sterben geht und so ein freier, einzelner Baum mit dem Gefälltwerden rechnen muss? Ist auch nicht gar so tragisch. Denn Wald bleibt Wald und Moskau Moskau und der Kosmos der Kosmos: «Jeden Tag rückt das Ende / ein wenig näher. / Leb wohl, Welt, meine Schöne. / Sei gegrüsst, Universum.»

Gut fünfzehn Jahre seines Lebens hat Nâzim Hikmet als kommunistischer Oppositioneller in türkischen Gefängnissen zugebracht. Vielleicht ist eine solche Existenz ja wirklich nur zu ertragen, wenn man ganz sicher ist, dass das Universum in irgendeiner seiner zahllosen Weltenschubladen zu guter Letzt ein, zwei Lenin-Preise für einen bereit hält zum Lohn.

Im Namen der Brüderlichkeit

Von seiner Freilassung 1951 bis zu seinem Tod 1963 hat Hikmet, von Zweifeln an der universalen Weisheit seiner Gastgeber unangefochten, im Exil in Moskau gelebt. Zur Stunde betrachtet er vermutlich von irgendeinem entlegenen Winkel des Alls aus die finale Finanzkrise des Kapitalismus und freut sich auf dessen in vierzehn Tagen zu feiernden Zusammenbruch. Für ihn, Hikmet, keine Überraschung: Er, der schon früh davon geträumt hat, «der Hafis des Kapitals» zu werden, er hat es immer gewusst. Und wird aber gern zum Fest das Festgedicht liefern «im Namen der Brüderlichkeit / der Häuser / der Orte / der Welten / und des ganzen Kosmos».

Nein, es macht wenig Freude, die Verse eines felsenfest Überzeugten zu lesen. Dass die Nachdichtungen Gisela Krafts offenbar beträchtliche Anstrengungen unternehmen, an den originalen Versfelsen herumzuruckeln, macht das Vergnügen auch nicht grösser, leider. Ich kann kein Türkisch, aber dass im gleichen Gedicht («Wer wegfuhr») ein und derselbe türkische Vers zuerst mit «Drinnen singen sie leise», später mit «Drinnen singen sie Lieder» übersetzt wird, kommt mir spanisch vor. Dafür sind in einer anderen Nachdichtung der deutsche Anfangs- und Schlussvers identisch («Ich bin dran»), obwohl das Gedicht auf türkisch ganz anders aufhört, als es beginnt. Komisch. Aber komisch vielleicht nur für einen, dessen Herz sich unpoetischerweise weigert im Takt zu schlagen a) mit dem Kosmos der Nachdichtung, b) mit Kosmoskau (mit dem Moskosmos) und c), ganz allgemein gesprochen, mit dem Kosmos als solchem.

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