Im Schweinsgalopp durch Brüssel

Robert Menasse erhielt für seinen Roman «Die Hauptstadt» am Montag den Deutschen Buchpreis. Es ist ein satirisches Panorama der europäischen Bürokratie — mit Leidenschaft erzählt.

Zeigt, wie schnell das Private ins Politische kippen kann: Der Wiener Autor Robert Menasse. Foto: Arne Dedert (DPA, Keystone)

Zeigt, wie schnell das Private ins Politische kippen kann: Der Wiener Autor Robert Menasse. Foto: Arne Dedert (DPA, Keystone)

Die Zukunft der Europäischen Union sieht nicht allzu rosig aus. Diesen Eindruck könnte man zumindest gewinnen, ruft man sich zwei zentrale Schauplätze von Robert Menasses Roman ins Gedächtnis. Da wäre einmal ein Brüsseler Friedhof, auf dem sich die Wege ­einiger Hauptfiguren dieses Buchs kreuzen. Es sind der soeben ins benachbarte Altersheim gezogene David de Vrients, der seiner verstorbenen Frau nachtrauernde Professor Erhart, ein Mitglied der «Reflection Group New Pact for Europe», und der Kommissar Émile Brunfaut.

Brunfaut ist da gerade unterwegs zu einem konspirativen Treffen, denn eine Leiche gab es schon, bevor der Friedhof ins Bild rückte. Ein Mann wurde im Brüsseler Hotel Atlas erschossen, dem Kommissar aber entzog die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen, alle Spuren des Verbrechens wurden in Windeseile beseitigt. Und nun sucht Kommissar Brunfaut, der angesichts seiner körperlichen Konstitution ebenfalls das nahe Ende erwartet, eine Erklärung für die seltsamen Vorgänge.

Der zweite eher mit einer traurigen Vergangenheit denn mit einer strahlenden Zukunft verbundene Ort, ja der eigentliche Hauptort von «Die Hauptstadt», heisst – auch wenn fast die gesamte Handlung in Brüssel spielt – Auschwitz. Ein Beamter der Europäischen Kommission, Martin Susman, ­seines Zeichens Leiter der Abteilung EAC-C-2 «Programm und Massnahmen Kultur» der Direktion C «Kommunikation» innerhalb der Generaldirektion «Kultur und Bildung», dieser Martin Susman fährt nach Auschwitz, um an einer Gedenkfeier teilzunehmen.

Intensive Recherchen

Einem Kollegen zeigt Martin Susman kurz darauf, was er aus Auschwitz mitgebracht hat: einen Badge mit der Aufschrift «Guest of Honour in Auschwitz». Darauf steht umseitig zu lesen: «Verlieren Sie diese Card nicht. Im Verlustfall haben Sie keine Aufenthaltsberechtigung im Lager.»

Der Kollege mag nicht glauben, dass dieser Umhänger echt ist und jemand ihn im Ernst mit diesen Worten beschriftet hat. Er glaubt, wie auch der Leser des Romans zuweilen glauben könnte, es mit einer finsterschwarzen Satire zu tun zu haben. Aber das Wesen der Satire ist ja die Überzeichnung, und ob Robert Menasse in «Die Hauptstadt» die Wirklichkeit tatsächlich sonderlich überzeichnet, ist fraglich.

Seine Darstellung der Machtkämpfe innerhalb der Kommission beruht erkennbar auf Recherche und der intensiven Auseinandersetzung mit dem Gegenstand. Nicht zuletzt in seinem Buch «Der Europäische Landbote» hat sich der Wiener Schriftsteller mit den Strukturen der Europäischen Union auseinandergesetzt. Umso erstaunlicher, dass es Menasse hier gelingt, alles Thesenhafte zu vermeiden.

All sein Wissen und alle seine Ansichten überführt er in die allen Fakten und Meinungen gegenüber skeptische Form des Romans. Der engagierte Intellektuelle zeigt sich hier als kompromissloser, ja leidenschaftlicher Erzähler. Als ein Erzähler zudem, der seinen Stoff so souverän handhabt, dass man angesichts der Leichtigkeit die Komplexität der Figurenkonstellation glatt vergisst und nach knapp 500 Seiten bass erstaunt ist, dass dieser Roman schon an sein Ende gelangt sein soll.

Gekonnt und überaus gewitzt zeigt Menasse überdies immer wieder, wie schnell das Private ins Politische kippen kann, ja, wie politisch das Private selbst ist. Als die Leiterin der Direktion C «Kommunikation», Fenia Xenopoulou, die direkte Vorgesetzte des Auschwitz-Ehrengastes also, mit ihrem Kollegen Kai-Uwe Frigge von der Generaldirektion für Handel ins Bett steigt, heisst es: «Er täuschte Begehren vor, sie täuschte einen Orgasmus vor. Die Chemie stimmte.»

Das Leben zum allseitigen Vorteil und Nutzen zu gestalten, diese Idee liegt auch durchaus der Europäischen Union zugrunde. Wie schwierig es allerdings ausserhalb des Bettes ist, Einigkeit darüber herzustellen, worin Nutzen und Vorteil der EU liegen könnten, zeigt Menasse, indem er das Schwein zum Wappentier seines Romans erhebt.

Einerseits treibt im Laufe der Handlung ein Schwein höchstselbst auf den Strassen von Brüssel sein Unwesen, ja es wird sogar mit dem so sauschnell vertuschten Mord im Hotel Atlas in Verbindung gebracht. Andererseits führt die Frage, ob seine weitläufige Verwandtschaft auf dem Weg über die Schlachthäuser Europas ins hungrige China eine europäische Identität erhalten oder ihre jeweils nationale Identität bewahren sollte, zu so manchen Verwerfungen.

Der Autor zieht an den Fäden

Nicht zuletzt der Vorsitzende der «European Pig Producers», Philip Susman, liegt seinem eigentlich nicht mit Schweinen befassten Bruder Martin mit diesem Thema ständig in den Ohren. Der aber hat ganz andere Sorgen. Um das Ansehen der Europäischen Kommission aufzupolieren, soll er nämlich zu ihrem 70. Geburtstag ein «Jubilee Project» entwerfen. Im Fieber war er auf die irgendwie geniale, irgendwie aber auch wahnsinnige Idee gekommen, Auschwitz als Ursprung und gewissermassen zugleich auch Endziel der europäischen Idee ins Zentrum der Feierlichkeiten zu stellen.

Eine solche Idee zu Fall zu bringen, ist freilich ein Fest für jeden Kommissionsprofi, allen voran für Romolo Strozzi, den schillernden Kabinettschef des Kommissionspräsidenten. Der Kommissionspräsident selbst, heisst es einmal, sei nichts weiter als eine Marionette, die nach der Pfeife seiner Beamten tanze. Die Figuren dagegen, die Menasse uns auf die Bühne stellt, sind alle aus Fleisch und Blut. Höchstens hat der Autor selbst etwas von einem Marionettenspieler, der geschickt und mit grossem Spass an der Sache stets alle Fäden in der Hand behält.

Ausser dem Mann im Hotel Atlas, so viel sei verraten, stirbt in «Die Hauptstadt» übrigens kein Schwein. Man könnte froh sein darüber und Hoffnung hegen für Brüssel und die ganze EU. Dass jedoch der falsche Mann erschossen wurde, der Mord deswegen vertuscht werden musste und sich gerade das am Ende unter der Erde rächen wird, macht die Sache allerdings wieder mindestens so vertrackt wie die Brüsseler Bürokratie. Und gerade darum so reizvoll.

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