Im Berlin des «digitalen Volkszorns»

Krimi der Woche: Johannes Groschupf zeichnet in «Berlin Prepper» ein realistisches und ziemlich beunruhigendes Zeitbild.

1994 überlebte Johannes Groschupf einen Helikopterabsturz. Seither schreibt er Bücher.

1994 überlebte Johannes Groschupf einen Helikopterabsturz. Seither schreibt er Bücher.

(Bild: Mike Auerbach/Suhrkamp-Verlag)

Der erste Satz
Vor dem Job im Newsroom ging ich nachts laufen.

Das Buch
Walter Noack arbeitet im Newsroom einer grossen Zeitung in Berlin. Er ist Online-Content-Moderator. Was bedeutet: Er setzt sich tagtäglich mit dem «digitalen Volkszorn» auseinander. Er löscht jeden Tag Tausende von Kommentaren, die über das hinausgehen, was man in einem Medium öffentlich sagen darf. Sachen wie: «Kanzlerin Merkel gehört an die Wand. Palaver unnötig.» Oder: «Man sollte den sprechenden Hosenanzug an den Haaren über den Marktplatz zur Hinrichtung schleifen.» Um nur zwei der harmloseren Beispiele zu zitieren.

Noack ist eine sehr ungewöhnliche Thriller-Hauptfigur. Nicht nur wegen seines Jobs, sondern vor allem, weil er ein sogenannter Prepper ist, einer, der sich vorbereitet auf den Ernstfall also, auf den Tag, an dem alles zusammenbricht. Der Lebensmittelvorräte anlegt und sich fit hält. «Wenn die Stunde kam, war ich vorbereitet. Ein Prepper. Man lachte über Leute wie mich, aber ich wusste: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.»

In seinem Roman «Berlin Prepper» nimmt uns der in Berlin lebende Autor Johannes Groschupf mit auf einen rasanten Höllentrip durch ein düsteres Berlin, in die Welt von Wut- und Reichsbürgern, von Sicherheitsdiensten. Bei seinen Beschreibungen der Szene der anonymen Onlinekommentatoren weiss man nie so recht, ob man noch lachen kann oder eher Angst bekommen sollte. «Die Kommentarschreiber lasen die Artikel nur selten, sondern begnügten sich mit den Überschriften, um sich zu empören, viele begaben sich sofort in den Kommentarbereich, wo sie unter sich waren. In diesen Foren, davon waren sie zutiefst überzeugt, wurde die eigentliche Wahrheit verbreitet.» In einem gibt der Icherzähler Noack seinen Online-«Kunden» recht: «Das Land steuert auf eine Krise, auf eine Katastrophe zu, auf den Untergang zu.» Deshalb ist er ein Prepper.

Eines Nachts wird Noack nach der Schicht vor dem Zeitungshochhaus brutal niedergeknüppelt, kurz darauf wird eine junge Kollegin spitalreif geprügelt. Der Sicherheitsdienst des Hauses will die Taten Flüchtlingen in einem nahen Aufnahmezentrum in die Schuhe schieben. Als Noacks Sohn, der dem Fall nachging, auf der Strasse getötet wird, bewaffnet sich Noack und will die Täter finden.

Groschupf erzählt die beklemmende Geschichte hart und direkt, gleichzeitig aber auch mit trockenem Witz und einem sicheren Gespür für Situationskomik. Er tappt dabei nie in die in diesem Stoff überall lauernden Klischeefallen. So zeichnet der höchst originelle Thriller ein recht realistisches Zeitbild. Und deshalb ein ziemlich beunruhigendes.

Die Wertung

Der Autor
Johannes Groschupf, geboren 1963 in Braunschweiz, wuchs in Lüneburg auf. Er studierte Germanistik, Amerikanistik und Publizistik an der Freien Universität Berlin. Er war viele Jahre als Reisejournalist unter anderem für «Die Zeit», «Frankfurter Allgemeine» und «Frankfurter Rundschau» in der ganzen Welt unterwegs. 1994 überlebte er einen Helikopterabsturz in der Sahara, bei dem er schwere Verbrennungen erlitt. Vier Jahre später erhielt er für das Radio-Feature «Der Absturz», in dem er sich mit diesem Unfall und den Folgen auseinandersetzte, den Robert-Geisendörfer-Preis. Seither schreibt er Bücher, insbesondere Romane für Jugendliche wie zuletzt «Lost Places» (2013), «Der Zorn des Lammes» (2014), «Das Lächeln des Panthers» (2015), «Lost Girl» (2017) und «Lost Boy» (2017). Zudem schreibt er für die Zeitungen «Der Tagesspiegel» und «Die Welt». Er hat zwei mittlerweile erwachsene Kinder und lebt in Berlin.

Johannes Groschupf: «Berlin Prepper». Suhrkamp, Berlin 2019. 237 S. ca. 23 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

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