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«Ich schätze subversives Potenzial der Schweiz»

Christian Kracht ist der Glamour-Boy der deutschen Literaturszene. Er hat ein neues Buch herausgegeben und möchte jetzt als Schweizer Schriftsteller verstanden werden. Im Ernst?

Er hat etwas von Hans Castorp, jenem prototypischen deutschen Bürgersohn aus der Feder Thomas Manns: Christian Kracht ist eine kleine Gestalt in feinem Tuch und feinem Blond, gestützt und geschützt durch softe Boots und harte Marlboros. Und, vor allem, durch Antworten, die mit ernstem Blick und energischer Geste gegeben werden – und sich trotzdem nach einem keckernden Kobold, nach Ironie anhören.

Krachts Vater war in den Sechzigern Generalbevollmächtigter und dann stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des Axel-Springer-Konzerns, er selbst, 1966 im bernischen Saanen geboren, besuchte ab dem elften Lebensjahr ein Internat in Kanada, später in Deutschland, studierte in den USA, lebte jahrelang in Asien und hat heute seinen Hausstand in Buenos Aires; just vor unserem Gespräch hat er sich für einen Abstecher nach Moçambique impfen lassen.

Asien, Amerika und Deutschland schienen bis anhin Fixpunkte für Kracht zu sein: In seinem Debütroman «Faserland» (1995) hatte er sein Ohr an die damaligen Diskurse der jungen Erben in Deutschland gelegt, und der zweite Roman, «1979» (2001), führte ins Teheran vor der islamischen Revolution. Und doch trägt Christian Kracht am liebsten ein Etikett, gegen das sich die hiesigen Autoren oft vehement wehren: «Schweizer Schriftsteller».

Herr Kracht, Sie haben einen Schweizer Pass, und Ihre Mutter lebt in Zürich. Was bedeutet die Schweiz für Sie? Es ist gut, die Schweiz im Herzen zu tragen, das Berner Oberland, wo ich herkomme. Ich könnte zwar nicht hier leben: Mit elf Jahren verliess ich die Schweiz, verlor die Mundart und auch das Gefühl, hier ganz daheim zu sein. Ich bin in der Schweiz immer ein wenig fremd, und es ist mir etwas zu klaustrophobisch. Aber die Schweiz ist ein Land, in das man irgendwann zurückkehrt – um zu sterben. Wie herrlich: ein Grab in Kilchberg!

Warum nur zum Sterben? Vielleicht, weil es zum Leben zu eng ist? Und trotzdem ist es so perfekt; so perfekt inszeniert.

Was ist an der Schweiz Inszenierung? Genau das ist es ja: Ich bin noch nicht dahintergekommen. Es ist einfach mein Bauchgefühl. In Nordkorea zum Beispiel führt der Staat die Regie, die Inszenierung ist offensichtlich und dementsprechend langweilig. Die Schweiz dagegen ist wie ein Film von David Lynch oder eine Erzählung von Edgar Allan Poe: Da gibt es Risse, verborgene Hohlräume, dunkle Geheimnisse. Es geht immer weiter hinunter, hinunter – wie in der Erzählung von Friedrich Dürrenmatt «Der Tunnel». Und dieses Gefühl für die Hohlräume in der Schweiz habe ich schon in meiner Kindheit entwickelt: Da habe ich im Wald gespielt und stolperte plötzlich über einen bemalten Draht des Militärs. Oder wir fuhren mit dem Auto über Panzersperren, und ich fragte mich, was darunter liegt.

Sie spielen auf die schwierige Vergangenheit der Schweiz an? Nein, darum geht es gar nicht. Ich denke eher an Gestalten wie den Basler Chemiker Albert Hofmann, der als braver Forscher zufällig LSD entdeckt hat. Vor kurzem ist er, mit hundert Jahren, gestorben. Im Januar war er noch an einem Symposium zu seinen Ehren aufgetreten und hatte dort stets freundlich gelächelt. Das ist die gute, geheimnisvolle Schweiz, mitsamt ihren subversiven Abgründen. Nein, nein, nicht wegen des LSD: Das habe ich zweimal versucht, und ich fand den Kontrollverlust sehr unangenehm. Sondern ich schätze grundsätzlich das subversive Potenzial der Schweiz, das oft verkannt wird. Sie ist viel offener und toleranter als Deutschland. Ich habe es daher auch immer bereut, nicht in der Rekrutenschule gewesen zu sein.

In Ihrem Roman «Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten», der jetzt erscheint, schildern Sie allerdings eine Schweiz, die nicht von versteckten Hohlräumen geprägt ist, sondern von völlig ausgehöhlten Bergen. Ich setze mich mit einer symbolischen Schweiz auseinander, dem Réduit, über dem irgendwie der Geist Hofmanns schwebt. In dieser Schweiz, die ja eine Sowjetrepublik ist, die SSR, heisst die letzte mögliche Subversion Flucht. Und meine Hauptfigur, der Parteikommissär, der als Ich-Erzähler auftritt, flieht aus dieser Schweiz, die früher einmal, während seiner Kindheit in Afrika, als das gelobte Land gegolten hatte.

Ihr Roman ist rückwärtsgewandte Sci-Fi: Lenin hätte das Land geformt, und es befände sich seit langem im Krieg mit dem faschistischen Deutschland und dessen Verbündeten. Die kapitalistische Schweiz als Keimzelle eines marxistischen Kreuzzuges – eine Satire? Nichts weniger als das. Keine Satire: Ich meine es todernst. Die Figuren liegen mir am Herzen, und ich finde es schön, wenn das politische Szenario im Lauf der Lektüre verblasst und die Leser sich auf den jungen Schwarzen konzentrieren, der nur das Gute will und nach den Regeln handelt, die seine Schweizer Lehrer ihm in Afrika eingebläut haben. Auch der Bezug zur Black-Liberation-Bewegung ist unauffällig. Spannend, unterhaltend, zum Mitfühlen soll mein Buch sein. Das ist für mich keine Beleidigung, im Gegenteil. Was ich nicht leiden kann, sind Zynismus und verquälte Künstlichkeit; Satiren. Darum hab ich auch das Leben in Berlin nicht mehr ausgehalten: Das ist die schrecklichste Stadt für mich, extrem künstlich.

Ist eine Fiktion über ein sozialistisches «Neu-Bern» nicht auch künstlich? Aber ganz anders, hoffe ich. Die Unterhaltung kommt bei mir immer an erster Stelle. Das Buch soll als Strandlektüre durchgehen, auch wenn mehr drinsteckt. Als Struktur habe ich dabei Hitchcocks MacGuffin-Konzept vor Augen: dieses Element in einer Erzählung oder einem Film, das Slavoj Zizek mit Jacques Lacans immer unerreichbarem Objekt des Begehrens identifiziert. Es schiebt den Plot an, ohne selbst eine Rolle zu spielen, wie der Koffer bei «Pulp Fiction». So habe ich meinen Text gebaut: Man hangelt sich von Szene zu Szene, erwartet die grosse Auflösung, aber da kommt nichts. Und doch entsteht daraus ein spannender Plot. Ich bin ein grosser Verehrer von Hitchcock. Überhaupt wollte ich Filmemacher werden und habe in den USA Film studiert.

Ihre Frau, Frauke Finsterwalder, macht Dokumentarfilme; bekannt wurde etwa ihre Recherche zur Entstehung von Gewalt in einem Kinderferienlager. Warum versuchen Sie selbst sich nicht als Regisseur? Ich musste feststellen, das ich nicht im Team arbeiten kann. Ich muss alles allein kontrollieren können. Schade. Aber ich habe versucht, «Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten» wie einen Film zu schneiden. Inspiriert haben mich auch die Comics des Italieners Hugo Pratt: Er verleiht jedem Panel in seinen Graphic Novels eine eigene Abgeschlossenheit. Aber ich gebe zu: Eine Verfilmung von «Ich werde hier sein» wäre schon toll. Meine Bücher haben auch alle Spielfilmlänge. Die Film- und die Comic-Ästhetik bestimmt mein Schreiben.

Auf der Bühne war ja bereits Ihr zweiter Roman, «1979», zu sehen, inszeniert von Matthias Hartmann. Er war so nett, auf meine Inputs einzugehen. Doch offen gestanden: Das Theater an und für sich ist eine obsolete Kunst. Ich geh da nie hin. Komplett überflüssig, nicht zum Anschauen. Einfach furchtbar.

Und Konzertbesuche? Dafür bin ich zu alt. Wie übrigens manche, die noch welche geben: Madonna zum Beispiel – widerwärtig! Und die Rolling Stones oder seinerzeit Picasso: Man sollte wissen, wann es Zeit ist aufzuhören.

Frech gefragt: Wie sehen Sie das für sich selbst? Sie gehörten in den Neunzigern zu den neu erfundenen jungen Popliteraten. Das war doch nur ein marketingtauglicher Begriff damals für Autoren zwischen 25 und 35: eine verkaufstaktische Generationenklammer. Aber ja: Ich werde nicht schreiben, bis ich umfalle. Für den Journalismus – ich schrieb früher für den «Spiegel», die FAZ, machte selbst ein Magazin – scheint die Zeit bereits abgelaufen zu sein, so fühlt sich das für mich zumindest im Moment an. Ich lese auch kaum noch Zeitungen: alles oberflächlicher Mist. Aber im Augenblick möchte ich schon zu den Schweizer Schriftstellern dazugehören. Ich würde gern in einer Reihe genannt werden mit Gion Cavelty, Tim Krohn oder, ganz besonders, mit dem verstorbenen grossen Reiseschriftsteller Nicolas Bouvier.

Gibt es für Sie ein fruchtbares Netzwerk unter Schweizer Autoren? Für mich persönlich nicht. Ich kenne sie zu wenig. Aber Dieter Meier gehe ich sicher bald besuchen, wenn er auf seiner Steak-Estancia in Argentinien ist.

Im Buch haben Sie für den Schweizer Sound eine Art helvetische Kunstsprache entwickelt samt Schweizer Rechtschreibung statt der deutschen. Sprache an und für sich ist ein Thema des Romans: Sprache als Waffe, Sprache als Virus und als Symptom einer Welt voller Drogen, voller Halluzinationen. Nichts ist, wie es scheint. Ich arbeite an jedem Satz sehr genau; dreieinhalb Jahre habe ich für diesen Roman gebraucht. In dem Roman kommen verschiedene Sprachen und verschiedene Kulturen in einer vom Krieg versehrten Welt zusammen, man verbündet sich oder kämpft gegeneinander, man redet buchstäblich aneinander vorbei.

Reflektiert dieses Nichtverstehen die postmoderne Verschiebung des Sinns? Ich weiss, dass ich zu den Postmodernen gezählt werde. Na ja. Ich werde nie wie Jürg Laederach schreiben. Doch was mich anspricht, ist die postmoderne Vorstellung vom Pastiche, vom Zusammenklauen und Zusammenkleben. Denn wenn man Schriftsteller sehr liebt, klaut man eben bei ihnen. Ich habe geklaut.

Bei Bret Easton Ellis? Ellis finde ich super, vor allem «Lunar Park». Aber nein. Auch nicht so sehr bei Joseph Conrad, obwohl das oft gesagt wird.

Die Suche nach schwarzer Identität wird gegen Ende des Romans ein starkes Motiv. Der Schwarze definiert sich in Abgrenzung zum «weissen Mann» – selbst wenn dieser Schweizer ist. Man denkt an Marcus Garvey und die Back-to-Africa-Bewegung. Einflüsse der schwarzen Befreiungsbewegung gibt es hier tatsächlich. Aber auch ein Kriegstagebuch wie das unglaubliche, fantastische «Strahlungen» von Ernst Jünger war wichtig.

Schlägt hier das konservative Erbe aus dem Axel-Springer-Haus durch? Keineswegs! Das ist ein Missverständnis. Ohnehin ist mein Vater neunzig, und seine Zeit bei Springer ist lang her. Ich selbst sehe mich als moralischen und sozialistischen Schriftsteller. Dazu stehe ich. Konservativ wird man später, im Alter. Jetzt kann ich noch Bilderstürmer sein: Es hat richtig Spass gemacht, das Pendant zu Corbusier, Jeanneret, den rücksichtslosen Architekten der Moderne, am Schluss des Romans zu ermorden. Das ist meine kleine Rache an der Architektur der Moderne.

Architektur der Moderne ist Ihnen ein Gräuel? Entsetzlich. Ansonsten ist die Moderne ja ein akzeptables Kapitel der Kulturgeschichte. Aber ihre Architektur ist ein Verbrechen.

Zum Roman-Finale scheppert das alte, traurige Liebeslied «Danny Boy» durch den Hafen, und der Held kehrt heim nach Afrika. Der Romantitel ist ein Vers aus «Danny Boy». Doch der Boy ist unterwegs zur Liebe und zur «notwendigen Grausamkeit» der Revolution. Ironie zum Fürchten? Ein Abgesang aufs Abendland? Zuallererst ein Abenteuerroman. Sowieso bin ich total unironisch.

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