Zum Hauptinhalt springen

«Heile Welt, ade!»

«Tod im Emmental» von Gabriel Anwander fährt schweres Geschütz auf.

Seit Gotthelfs «Schwarzer Spinne» ist es im Emmental wohl selten so rundgegangen.
Seit Gotthelfs «Schwarzer Spinne» ist es im Emmental wohl selten so rundgegangen.
zvg/emons.com

Magdalena ist eine zähe und vielversprechende junge Boxerin, die Europameisterin werden möchte. Sie trainiert in Langnau im Boxclub von Hammer-Joe, einem alternden Boxchampion. Doch eines Tages verschwindet Magdalena – und die Polizei bleibt untätig. Da das Mädchen aus schwierigen familiären Verhältnissen kommt, wird der Fall nicht ernst genommen. Wütend und besorgt wendet sich Hammer-Joe an den Privatdetektiv Alexander Bergmann, der sofort zu ermitteln beginnt. Und der Fall ist grösser und gefährlicher, als sich zuerst erahnen lässt: Bergmann und Hammer-Joe geraten zunehmend in einen Strudel aus Lügen, Erpressung und organisiertem Verbrechen.

Langnau, Chicago, Moskau

Seit Gotthelfs «Schwarzer Spinne» ist es im Emmental wohl selten so rundgegangen. Programm scheint zu sein, was eine Figur auch sagen darf: «Nichts unterscheidet uns mehr von Neapel, Chicago oder Moskau.» Ob dieser Vergleich tatsächlich ernst gemeint ist, will der Leserin nicht ganz klar werden – aber gewaltig eskalieren darf die Krimigeschichte allemal.

In seinen besten Momenten ist «Tod im Emmental» spannend und kurzweilig und hält einen mit überraschenden Entwicklungen und gelungenen Dialogen bei der Stange.

Der Boxer und der Detektiv

Der Klappentext verspricht eine Geschichte über Hammer-Joe, der einen letzten Kampf ausstehen müsse. Und auch wenn der Boxer im Krimi eine wichtige Rolle spielt, ist die eigentliche Hauptfigur der Detektiv Bergmann, der auf eigene Faust und ohne Entlöhnung herausfinden will, was mit Magdalena geschehen ist. Das ist eigentlich schade, denn Bergmann ist nicht gerade eine schillernde Figur. Die vielen (vor allem weiblichen) Nebenfiguren sind oft interessanter als dieser Protagonist, der etwas zu sehr an die zahlreichen verbissenen Ermittler erinnert, die Film, Fernsehen und Buchseiten bevölkern.

Bergmann war schon Hauptfigur in «Schützenhilfe», Anwanders erstem Kriminalroman, der 2011 im Limmat-Verlag erschienen ist. Der Autor, der selber in Langnau lebt, trug zudem bereits 2009 eine Geschichte zur Krimi-Anthologie «Neue Mordsgeschichten aus dem Emmental» (Landverlag) bei. Anwanders schriftstellerische Karriere liesse sich somit fast unter den Titel seines neuesten Krimis stellen: Das schöne, scheinbar idyllische Emmental und seine dunklen, seine mörderischen Seiten lassen den Autor nicht los.

Emmentaler Lokalkolorit

«Heile Welt, ade!», ruft eine Figur in «Tod im Emmental» denn auch entsetzt aus. Und der Krimi ist dort am besten, wo er vom Lokalkolorit und der offensichtlichen Ortskenntnis seines Autors lebt. Immer wieder gelingen Anwander atmosphärische Beschreibungen ? das Emmental, seine Städte und Landschaften vermag er lebendig vor dem Auge der Leserin entstehen zu lassen.

Da verzeiht man dem Text auch einige stilistische Ausrutscher, wie wenn Anwander plötzlich unvermittelt in ein viel zu hohes und altmodisches Register wechselt: «Der Regen prasselte, von Windböen gebeutelt, wild und roh hernieder.» Missgriffe dieser Art lassen sich in einem nächsten Abenteuer von Detektiv Bergmann sicher vermeiden – denn ein solches kommt bestimmt. Im Emmental hat es sich noch lange nicht ausgemordet.

Gabriel Anwander: Tod im Emmental. Kriminalroman. Emons-Verlag, Köln 2018, 208 Seiten, 17.90 Fr.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch