Gott? Der ist hinten im Weltraum

«Eine Lichtsekunde über meinem Kopf»: Gerhard Meisters erster Gedichtband ist Poesie für alle, die keine Poesie lesen – und das ist kein kleines Kunststück.

Seine Poesie ist handfest und gut lesbar, überraschend und amüsant - und gleichzeitig klug verdichtet: Gerhard Meister.

Seine Poesie ist handfest und gut lesbar, überraschend und amüsant - und gleichzeitig klug verdichtet: Gerhard Meister.

(Bild: zvg/Ayse Yavas)

Regula Fuchs

Das Weltall ist gut geerdet bei Gerhard Meister. «Oh Mond / du Sparlampe / gehängt ins Himmelszelt / von irgendwem / auf irgendeinem Campingplatz» heisst es in einem der Gedichte in Meisters ­lyrischem Debüt «Eine Lichtsekunde über meinem Kopf». Der Band versammelt in fünf Kapiteln gut hundert Gedichte des Berners, der bisher vor allem als Theater- und Hörspielautor und ­Urheber von Spoken-Word-Texten in ­Erscheinung getreten ist.

Meister, der für den «Kleinen Bund» regelmässig auch Mundart-Kolumnen schreibt, gelingt in seiner ersten Gedichtsammlung ein nicht ganz kleines Kunststück: Seine Poesie ist handfest und gut lesbar, sie ist überraschend und amüsant – und gleichzeitig klug verdichtet; wenn er etwa ganz unterschiedliche Sprach- und Denkbereiche auf wenigen Zeilen kollidieren und poetisch Funken schlagen lässt. So blendet Meister in der leichtfüssigen Ode an den Mond, diese «Sparlampe», diesen «Käse» und «Zitronenschnitz», am Ende auf das lyrische Ich zurück, das romantisch, aber ­unkitschig feststellt: «Oh Mond / wie gerne sehe ich / durch deine weisse Nacht / meinen Schatten wandern».

Der Himmel als Werbefläche

Im ersten Kapitel überzeugt «Eine Lichtsekunde über meinem Kopf» am meisten; da erkundet Gerhard Meister die Gegenden rund um Sonne, Mond und Sterne sowie überhaupt die Unergründlichkeit des Himmels, die dem zeitgenössischen Ich allerdings nicht mehr ganz so unergründlich scheint. So ist der profan gewordene Himmel im Gedicht «ausser den Irdischen» nur noch eine Werbefläche für Marketingfantasien für Schokoriegel oder Hollywood, und «Gott der ist hinten im Weltraum / ein Riesenohr ohne Kopf dran / eine Eierschale und Schallwerferwand / die alles was aufprallt zurückschickt / natürlich im günstigsten Winkel / und heilend voll Liebe». Es ist eine ironische, schwerelose Melancholie, die auf die Erkenntnis folgt, dass der Himmel für den Menschen auch schon staunenswerter war.

In vielen Gedichten klappen kleine Geschichten auf, Szenerien, die womöglich den Theaterautor verraten, atmosphärische Miniaturen. Wenn Meister etwa über die zusammengeschnurrten Distanzen im Vielfliegerzeitalter ­sinniert, verschwimmt die Welt in «­Mekongo» zum Fiebertraum: «Äquator zwischen den Füssen / der eine im Süden der andre steht / daheim im Packeis wir Bären du weisst / im weissen Fell dort unten».

Wie ein Sprache gewordener Film mutet das Gedicht von Yussuf an, dem Lastwagenfahrer aus Gabun, der «fürs Tropenholzfurnier an Wohn- und Bestattungsmöbeln» sein Leben riskiert: Er sei es, der dieses Gedicht kriege, und nicht der Schnee, der in dichten Flocken falle, oder der Rabe auf dem Flachdach gegenüber. Gerhard Meister denkt – so, wie das viele Lyriker tun – also auch über sein eigenes Tun als ­Lyriker nach. Darüber, wie ein Stoff zum Gedicht wird («osmotisch wohl»), und was überhaupt zum Stoff wird («Wikipedia die Hausbar / aus der die Ungeküssten sich bedienen»). Und ­offensichtlich hat es Meister nicht so mit dem gesalbten Kunstwortschatz vieler Dichter, den «lyrischen Essenzen», «Zungenbelüftern» oder «Fantasiebeflüglern», die die Worte «rilke-like» zum Schwingen bringen. Seine Betriebsanleitung der Poesie lautet vielmehr lapidar: einfach ins Ventil am Wort blasen, «das macht / aus kleinen Wörtern grosse».

«Eine Lichtsekunde über meinem Kopf» ist, und das soll hier als Kompliment verstanden sein, Poesie für alle, die keine Poesie lesen. Nur eines vielleicht gibt es zu bemängeln am Band, den Luca Schenardi schön surreal illustriert hat: die Jahreszeitenlyrik im letzten Teil. Zwar treibt Meister auch ihr das Pathos aus (das Kapitel heisst passend «Frühling überdehnt sein blaues Band / fällt dann für Wochen wieder aus»), dennoch sind fallendes Laub, Nebel, Frost und Hitze nicht einmal mehr mit meisterscher Ironiebeigabe als poetische Sujets geniessbar. Da hilft ein beherztes Zurückblättern an den Anfang, zu «Baby Armstrong» beispielsweise, diesem sanft funkelnden Bijou aus Worten, in dem Meister übergangslos fliessend die Perspektive zwischen All und Nachttisch, Raumkapsel und Erde, Milchstrasse und Kuhweiden wechselt. So, wie es nur der Traum vermag – oder ein gelungenes Gedicht.

Gerhard Meister: Eine Lichtsekunde über meinem Kopf. Gedichte. Verlag ?Der gesunde Menschenversand, Luzern 2016. 112 S., ca. 25 Fr. Vernissage: heute Mittwoch, 20.30 Uhr, Café Kairo.

Der Bund

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