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Gescheiterter Ausbruch aus dem goldenen Käfig

Intensiv schildert Lukas Hartmann das Ringen von Lydia Welti-Escher um Selbstständigkeit – lässt aber seiner Protagonistin das Rätselhafte.

Seine Entscheidung, das Leben von Lydia Welti-Escher aus dem Blickwinkel ihrer Kammerzofe Luise zu erzählen, erweist sich als überzeugender Kunstgriff.
Seine Entscheidung, das Leben von Lydia Welti-Escher aus dem Blickwinkel ihrer Kammerzofe Luise zu erzählen, erweist sich als überzeugender Kunstgriff.
Adrian Moser

Die Porträtsitzungen finden im Gewächshaus der Zürcher Villa Belvoir statt. Im weissen Kleid sitzt die Dame des Hauses dem aufstrebenden Maler Modell, streng wirkt sie und auch etwas spröde. Sie ist die reichste Frau der Schweiz, Tochter des Politikers, Wirtschaftsführers und Eisenbahnpioniers Alfred Escher. Den Auftrag für das Porträt hat ihr Ehemann gegeben, Bundesratssohn Emil Welti.

Das Gesicht sei stets am schwierigsten zu malen, sagt Karl Stauffer einmal zur Kammerzofe Luise, die im Hintergrund die Szenerie beobachtet: «Es soll die Natur abbilden, erkennbar sein, aber darüber hinaus weit mehr ausdrücken als eine Fotografie.» Der Maler ist nicht zufrieden, er wischt das Gesicht mit Terpentin aus und setzt erneut an. Am Ende wird er gelobt und erhält ein stolzes Honorar in der Höhe von zehntausend Franken. Das gemalte Objekt jedoch will am Tag der Präsentation nicht das weisse Kleid tragen.

Der Maler weiss diese Geste zu deuten: «Sie wollte ein Zeichen setzen. Unabhängig will sie sein, die grande dame.» Im Zuge ihres Ringens um Selbstständigkeit, um eine eigene Lebensaufgabe als Muse und Mäzenin, wird sie zusammen mit Stauffer nach Florenz gehen und dort «Ehebruch» begehen. Das erhoffte neue Leben endet für sie, auf Betreiben ihres Mannes und des Schwiegervaters, temporär in einem Römer Irrenhaus; Stauffer wiederum wird eine Zeitlang im Gefängnis inhaftiert und ist anschliessend als Künstler erledigt.

Innere und äussere Fesseln

Bereits der Titel von Lukas Hartmanns neuem Roman «Ein Bild von Lydia» ist doppeldeutig: Es ist das gemalte Bildnis einer Frau und gleichzeitig das vom Autor geschaffene Porträt von Lydia Welti-Escher, die sich im Dezember 1891 im Alter von 33 Jahren in Genf als geschiedene, zutiefst erschöpfte und verzweifelte Frau das Leben nahm, rund zehn Monate nach dem Freitod von Karl Stauffer.

Die skandalöse Liebe zwischen der Millionenerbin und dem Maler, diesem «Kraftkerl mit sanften Seiten», wurde bereits in zahlreichen Biografien und Sachbüchern minutiös ausgeleuchtet und wahlweise als gescheiterter Emanzipationsversuch, als tragische Mesalliance oder gar als Versuch der Familie ihres Ehemanns gewertet, eine Frau zum Fehltritt zu verleiten, um an ihr riesiges Vermögen zu kommen.

Lukas Hartmann nutzt in seiner Annäherung den Vorsprung der Literatur mit souveräner Könnerschaft aus, indem er historische Fakten aufleben lässt und sie gekonnt mit Gefühlen und Ambivalenzen verbindet, so dass diese Frau, über die scheinbar alles gesagt worden ist, in einem neuen Licht erscheint. Hartmanns Entscheidung, diese letzten vier Jahre im Leben von Lydia Welti-Escher aus dem Blickwinkel ihrer Kammerzofe Luise zu erzählen, erweist sich als überzeugender Kunstgriff.

Die junge Frau aus einfachsten Verhältnissen wird zu einer Vertrauten, zuweilen glaubt sie gar, eine «Mutterstelle» auszufüllen, sie erlebt sowohl eine eigene, zukunftsträchtige Liebesgeschichte als auch die vielen widersprüchlichen Gesichter ihrer Dienstherrin zwischen aufflackernder Euphorie und depressiven Phasen, zwischen Aufbruchstimmung und Gefangensein im zugewiesenen Korsett. Am Ende erweisen sich innere und äussere Fesseln als übermächtig. Diese Befreiungsversuche schildert Hartmann intensiv und, ja, fesselnd.

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