Für aufstiegswillige Vierbeiner

Es ist weniger kauzig, als es klingt: Brigitte Schuster plant ein Buch über Katzenleitern. Dafür hat sie Dutzende Modelle fotografiert.

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Plötzlich fallen sie einem auf. Die kurzen, die über ein, zwei Meter auf ein Fensterbrett führen. Oder jene, die aussehen wie kleine Wendeltreppen. Oder die ganz steilen, die in halsbrecherischem Zickzack über die Hausfassaden steigen. Sie sind überall, aber es brauchte eine deutsche Grafikerin, die einen sehen lässt, was man vor Augen hat: Katzenleitern.

Als Brigitte Schuster vor gut vier Jahren nach Bern zog, waren die vielen Katzenleitern etwas vom Ersten, was ihr auffiel. «Das hat meine Neugier geweckt», erzählt sie in einer sonnigen Gartenbeiz im Breitenrain und klickt sich auf dem Laptop durch unzählige Fotos der unterschiedlichen Treppen-Typen. Aus den Bildern, die Schuster in den vergangenen Monaten in Bern gemacht hat, soll nun ein Buch entstehen.

Noch unerforschtes Gebiet

Ein Buch über Katzenleitern? Was einen im ersten Moment schmunzeln lässt, meint Brigitte Schuster durchaus ernst. Sie hat nicht unbedingt eines dieser Coffeetable-Books im Sinn, das Menschen mit beiläufiger Absicht im Wohnzimmer drapieren, um irgendein besonderes Raffinement auszudrücken. Nein, die Grafikerin interessiert sich für ihren Gegenstand, so, wie sie schon früher Objekten Beachtung schenkte, die nur selten in den Fokus von Fotografen gelangen. Im irischen Galway etwa hat Schuster Ladenbeschriftungen dokumentiert oder in Montreal öffentliche Mülleimer. Es gibt von ihr auch eine Serie über Sächelchen, die Menschen an die Rückspiegel ihrer Autos hängen, oder über Gegenstände von Migranten, die sie an ihre Heimat erinnern. «Mich interessiert die Beziehung, die Menschen zu ihren Objekten haben», sagt Schuster, die gerne an der Grenze zwischen Grafik und Kunst arbeitet.

Das passt zu ihrem aktuellen Projekt insofern, als Katzenleitern nichts sind, was die Katze zum Leben braucht. Sie zeigen vielmehr das Bedürfnis des Menschen, der dem Tier so Zugang ins Haus verschafft. Seit wann es Katzenleitern überhaupt gibt, hat Schuster nicht herausgefunden. «Es existiert überhaupt keine Literatur dazu.» Ihre eigene Erfahrung hat gezeigt, dass das Vorkommen von Katzenleitern in der Schweiz besonders ausgeprägt ist. «In Nordamerika existiert das kaum. Als ich vor zwei Jahren länger in Boston war, sah ich weder Leitern noch Katzen auf der Strasse. Vermutlich gibt es dort nur Wohnungskatzen.»

Auch in Deutschland seien Katzenleitern eher selten. Schuster weiss, wovon sie spricht, sie ist in der Nähe von München aufgewachsen, hat in Italien Kunst und in den Niederlanden Schriftgestaltung studiert. Sie hat zudem in Kanada gelebt, an diversen Hochschulen Grafikdesign unterrichtet und wohnt nun mit Mann und Kind in Bern.

WG mit Katze und Mensch

Die hohe Dichte von Aufstiegshilfen in der Schweiz hat wohl damit zu tun, dass es hier auch in den Städten möglich ist, Katzen ins Freie zu lassen. Und damit, dass man die Vierbeiner nicht ausschliesslich in der Wohnung halten möchte – sondern ihnen einen naturnahen Lebensraum bieten will. Insofern ist die Katzenleiter eine Art Verbindung zwischen Natur und Mensch, welche dem Tier die Freiheit lässt, zu kommen und zu gehen, wann es will. Und dem Menschen jene, ein Haustier zu halten, ohne ständig daheim sein zu müssen: die Basis der modernen Wohngemeinschaft zwischen Mensch und Katze also.

Bleibt nur das Problem, dass dieser inoffizielle Hauseingang nicht jedem Eigentümer passt. Auch bei Brigitte Schuster: «Ich hätte gern eine Katze, aber der Vermieter lässt Katzenleitern nicht zu.» Wer eine anbringen will, begibt sich in eine juristische Grauzone. Wird etwas an einer Fassade fix installiert, muss der Hausbesitzer seine Einwilligung geben. Aber es gibt originelle Lösungen für das Problem: mobile, faltbare Leitern etwa, oder solche, die von einem Baum auf einen Balkon führen.

Schuster hat auch Leitern fotografiert, die sich optisch dem Haus anpassen, indem sie in der Farbe der Fassade gestrichen sind oder den Farbton der Fensterläden aufnehmen.

Am weitaus häufigsten ist der Typ «Hühnerleiter», wie ihn Schuster nennt, ein schmales Brett mit Sprossen, das im Baumarkt erhältlich ist und manchmal mit Rasenteppich verkleidet, oder – das zeichnet den sicherheitsbewussten Tierhalter aus – mit einem Fangnetz ausgerüstet wird. Die Luxusvariante ist die vom Schreiner individuell angefertigte Katzenwendeltreppe. Dazwischen gibt es ein ganzes Spektrum an Eigenkonstruktionen, wie Schusters Bilder zeigen: manche schon etwas verwittert und durchhängend, andere von einem ambitionierten Heimwerkergeist inspiriert.

Einige sind nicht mehr als drei Stufen hoch, andere schwindelerregend. Die maximale Höhe von Katzenleitern liegt bei etwa zehn Metern: «Der zweite Stock ist höhenmässig die Grenze», sagt Schuster.

Die Möglichkeiten für aufstiegswillige Vierbeiner sind also immens. Manche Leitern führen über Briefkästen und Fahrradschuppen, andere schmiegen sich an Dachrinnen, manche sind treppenförmig an die Fassade angebrachte Bretter. Brigitte Schusters Fotos erzählen aber nicht nur vom Erfindungsreichtum und der Fürsorge von Katzenhaltern, sie bieten auch Einblicke in Berner Vorgärten und Hinterhöfe, wo es wiederkehrende Motive gibt wie Anti-AKW-Flaggen, als Pflanzgefässe umgerüstete Badewannen, Gartenkram oder, immer wieder, die blauen Kehrichtsäcke der Stadt Bern.

Dieses Bern von hinten, sozusagen, hat auch die kantonale Design-Stiftung überzeugt: Die Förderstelle hat Schusters Vorhaben unterstützt – und so ist es nun auch in der aktuellen Ausstellung «Bestform» im Berner Kornhausforum vertreten, wo die geförderten Designprojekte präsentiert werden (bis 29. April). Sorgfalt und Hingabe

Bis zur geplanten Lancierung des Buches Anfang 2019 hat Brigitte Schuster aber noch ein ganzes Stück Weg vor sich. Erstens Schreibarbeit (der Text, den sie auf Deutsch und Englisch verfasst, ist noch nicht fertig), zweitens Gestaltung (das Buch soll hohen grafischen Ansprüchen genügen), und drittens die Finanzierung des Drucks. Für eine Auflage von 250 Stück müssten 125 Bücher vorab verkauft werden; dann könnte Schuster das Buch so herstellen lassen, wie sie sich das vorstellt. Sie blättert im Blindband, den sie als Muster hat anfertigen lassen, und lässt ihre Fingerkuppen sanft übers Papier gleiten. «Ich kann das Buch natürlich auch im Internet publizieren, aber das ist einfach nicht so griffig», sagt sie fast versonnen und macht dazu eine Handbewegung: so, als seien ihre Hände die Buchdeckel, die sie vorsichtig auf- und zuklappt.

Es gibt Katzenhalter, die staffieren die Leitern für ihre Lieblinge mit Fell aus oder bauen auf dem Fensterbrett behagliche kleine Häuschen. Man kann das als Spleen abtun. Oder man kann die Sorgfalt und Hingabe bewundern, mit der Menschen hier am Werk waren. Brigitte Schuster ist ziemlich sicher auch so jemand.

Link zum Projekt und Vorbestellungen: brigitteschuster.com (Der Bund)

Erstellt: 25.04.2018, 07:14 Uhr

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