Frau Klougarts Gespür für Poesie

In ihrer dänischen Heimat gilt sie als literarisches Wunderkind. Derzeit ist die 32-jährige Josefine Klougart Friedrich-Dürrenmatt-Gastprofessorin an der Universität Bern.

Vertreterin von Avantgarde und Tradition zugleich: Josefine Klougart lässt sich in keine Ecke drängen.

Vertreterin von Avantgarde und Tradition zugleich: Josefine Klougart lässt sich in keine Ecke drängen. Bild: Franziska Rothenbühler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nein, so geht es nicht, es fehlt an der notwendigen Nähe und Reibung. Die Dozentin schaut in die Runde und ist mit der Komposition unzufrieden, zu verstreut sitzen die rund 20 Studentinnen und Studenten im Hörsaal F122 – wie einzelne, unverbundene Glieder. «Bitte, rücken Sie mehr zusammen und bilden Sie einen inneren Kreis», sagt Josefine Klougart auf Englisch. Tische werden verschoben und Stühle verrückt, sodass schliesslich ein grosses Viereck entsteht, an dem alle dicht gedrängt Platz nehmen. Jetzt kann die Gruppenlesung eines Texts beginnen. Josefine Klougart ist überzeugt, dass man durch die gemeinsame Lektüre, gleichsam mittels Schwarmintelligenz, ein komplexeres Verständnis von Texten erreichen kann.

Von der 2009 verstorbenen dänischen Lyrikerin Inger Christensens wird an diesem Mittwoch Nachmittag der Gedichtzyklus «alfabet» in deutscher Übersetzung gelesen. Mathematische und klangliche Muster halten diese Gedichte im Innersten zusammen, so etwa die Fibonacci-Folge, in der jede Zahl, beginnend mit eins, die Summe der beiden vorangegangenen Zahlen darstellt. In der Natur lässt sich diese Folge etwa in der Art darstellen, wie einige Pflanzen ihre Blätter und Früchte anordnen. Inger Christensens Credo könnte auch dasjenige von Josefine Klougart sein: Wir Menschen sind ein Teil der Natur, auch wenn wir uns vermittels unseres Bewusstseins über sie erheben können.

«Wie eine Betrügerin»

«Vielen Künstlern ist kaum bewusst, dass sie bei ihrer Arbeit auf organischen Strukturen aufbauen», sagt Klougart und verweist auf die Analogien von Mustern in Natur und Kunst. Bein Inger Christensens Gedicht «alfabet» werden einfache, kurze Reime allmählich abgelöst von langen, komplexen Strukturen. Am Schluss wird aus den Anfangsversen «die aprikosenbäume gibt es, die aprikosenbäume gibt es» ein Geflecht von 1300 Versen, und die reichen von Bildern des Wachsens und Blühens bis hin zur Erinnerung an die ultimative vom Menschen gemachte Zerstörung, die Atombombenabwürfe über Japan 1945.

«In Dänemark wird sie als eine Dichterin bezeichnet», bemerkt Josefine Klougart, die eigentlich unübersetzbar sei. Die Studierenden können indes mit der deutschen Übersetzung durchaus etwas anfangen und debattieren darüber, ob bei dieser Lyrikern Rhythmus, Klang, die fast litaneihaften Wiederholungen nicht oft wichtiger seien als der Inhalt.

Die 32-jährige Klougart ist die achte Friedrich-Dürrenmatt-Professorin in Bern und bietet ein wöchentliches Seminar mit dem Titel «Darkness: On literature as a way to accelerate the thought» an. Die strahlende, grossgewachsene junge Frau mit den langen blonden Haaren als eine Art literaturwissenschaftliche Fürstin der Finsternis? Sie lacht. Dunkelheit, sagt sie, verstehe sie eher als ein wiederkehrendes Bild, das sie in verschiedenen Texten zusammen mit den Studierenden als Leitmotiv verfolge. Eine Hypothese des Kurses lautet, dass es beim Lesen nicht hauptsächlich darum gehe, sich selbst in der Lektüre wiederzuerkennen, sondern im Gegenteil darum, durch die Auseinandersetzung mit Literatur neue Denkweisen auszuprobieren.

In ihrer dänischen Heimat ist Josefine Klougart eine Art literarisches Wunderkind. «Ich war als Kind nicht anders als meine beiden Schwestern», entgegnet sie. Sie habe auch Geschichten geschrieben und ein Tagebuch geführt. Der Unterschied war: «Ich hörte mit dem Schreiben nicht auf.» Sie sei eine sehr gute Schülerin und Studentin gewesen, erzählt Klougart. «Die Professoren waren zufrieden mit mir. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass ich im Literaturstudium betrüge.» Betrügen? Ja, sie habe eine selbstzufriedene akademische Art bedient, mit Literatur umzugehen.

Bei diesem Thema kommt die Autorin im an den Kurs anschliessenden Gespräch in ihrem Büro in Fahrt: Gerade die Institution der Universität habe die Literatur instrumentalisiert und versage darin, so über Literatur zu sprechen, dass diese lebendig werde. Und die Universität wäre als Vermittlerin von Literatur umso wichtiger, findet Klougart, weil wir immer mehr die Fähigkeit verlieren würden, Literatur zu lesen und als Passage zu begreifen, um jemand anderes zu werden in der Begegnung mit einer ganz neuen Sprache. «Im Kapitalismus muss alles einen Nutzen haben, auch die Lektüre von Büchern», sagt Klougart. «Ein Buch muss mir etwas bringen, meine Karriere, mein Fortkommen befördern, das ist traurig und beunruhigend.»

2010 schloss Klougart die Danish Writer’s School in Kopenhagen ab und veröffentlichte noch im gleichen Jahr ihren Debütroman «Rise and Fall», der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Seither hat Klougart, die auch als Malerin und Musikerin aktiv war und Computer-«Visuals» kreierte, vier weitere Romane publiziert. «On Darkness» (2013) und «New Forrest» (2016), zwei ihrer bislang fünf Romane, wurden ins Englische übersetzt und werden 2019 auch auf Deutsch im Verlag Matthes & Seitz Berlin erscheinen. «Meine Bücher tragen die Gattungsbezeichnung ‹Roman›, weil einem das viel Flexibilität ermöglicht», sagt Kloughart.

Diese Autorin hat keine Scheu vor den grossen Themen wie Liebe, Tod und Verlust. Es ist eine lyrische Prosa, der man die Vorbilder Virginia Woolf oder Anne Carson anmerkt und die oft mit Erzählfragmenten arbeitet, mit Dialogszenen, mit Perspektivenwechseln, in der einzelne Figuren zwischen erster und dritter Person hin und her springen, es gibt Halbsätze in scheinbar zufällig gewählter Form, manchmal stehen auch nur fünf Wörter auf einer Seite. «Wenn der Roman relevant bleiben soll, müssen wir neue Wege entwickeln, Geschichten zu erzählen», ist Klougart überzeugt. Identität als festes Konstrukt mit einem konsistenter Charakter sei unrealistisch: «Wenn ich mich als Kind betrachte, könnte das auch ein totaler Fremder sein.»

Ein «Monster» von einem Text

Josefine Klougart schreibt zuerst ohne «intellektuelle Prüfung», ähnlich einem Bewusstseinsstrom. «Aber es ist nicht einfach ein Drauflosschreiben, die Konzentration ist hoch, und ich lasse mir lange alle Möglichkeiten offen, in eine andere Richtung zu gehen.» So entsteht ein «Monster von einem Textdokument», in dem sie Träume notiert, Tagebuchauszüge verwendet, verschiedene Anfänge ausprobiert. «Wenn ich 200 bis 300 Seiten geschrieben habe, schicke ich sie meinem Lektor. Zusammen suchen wir dann nach erkennbaren Mustern und Motiven im Text.» Einen klassischen Plot mit einer linearen Erzählung und einer oder zwei Hauptfiguren interessiert sie nicht. Sie habe das einmal in einem ihrer Romane gemacht, «es war so langweilig».

Ihren ersten Schweizer Aufenthalt nutzt Klougart auch für Ausflüge und Wanderungen im Berner Oberland. «Diese Landschaft wird sicher Spuren in meinem Schreiben hinterlassen», sagt sie. Sie könne eigentlich überall schreiben. Und doch hat diese junge Frau, die bereits auf eine vergleichsweise lange literarische Laufbahn zurückblicken kann, eine leicht beunruhigende Erfahrung gemacht: «Für mein letztes Buch brauchte ich mehr Ruhe und Stille. Da dachte ich: O Gott, ich werde älter!» (Der Bund)

Erstellt: 11.11.2017, 08:36 Uhr

Artikel zum Thema

Kubanischer Filmemacher wird Friedrich-Dürrenmatt-Gastprofessor

Fernando Pérez soll den Studenten die Sprache des lateinischen Kinos vermitteln. Mehr...

Leben und Schreiben im Exil

Die burmesische Autorin Wendy Law-Yone wird die vierte Friedrich-Dürrenmatt-Gastprofessorin in Bern. Mehr...

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Blogs

Geldblog Rente oder Kapital? Eine komplexe Entscheidung

Zum Runden Leder Treffender Ersthelfer

Die Welt in Bildern

Besuch aus der Heimat: Die Schweizergardisten im Vatikan stehen stramm, denn Bundesrat Alain Berset ist auf Visite. (12. November 2018)
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...