Fliegende Flegel

Literaturkritik

Am Freitag erscheint «Leichter reisen» von Philipp Tingler. Wir drucken Auszüge aus dem neuen Buch des Zürcher Autors.

Vor der nächsten Prüfung durch Mitreisende: Autor Philipp Tingler in der Abflughalle des Flughafens Zürich.

Vor der nächsten Prüfung durch Mitreisende: Autor Philipp Tingler in der Abflughalle des Flughafens Zürich.

(Bild: PD)

Grundsätzlich gilt: Was sich am Boden gehört, ist auch in der Luft richtig. Man sagt «Guten Tag» und «Auf Wiedersehen» und «Bitte» und «Danke» und «Entschuldigung», wenn man zum Platz am Fenster will (schon das schaffen viele Leute nicht). Und wenn man einen Nicht-Gangplatz innehat und während der Reise mal raus muss, dann verlässt man nach einer kurzen Entschuldigung die Reihe mit dem Blick zum Cockpit und dem Rücken zum Nachbarn, nicht umgekehrt.

Im Flugzeug gelten allerdings aufgrund der Platzbeschränkung und Klassenkonfiguration noch ein paar Sonderregeln, an deren Missachtung man regelmässig den fliegenden Flegel erkennt. Die wichtigste Regel lautet: Es gehört sich nicht, bei jenen Armlehnendrückwettspielen und Rückenlehnenklappkriegen mitzumachen, die der weniger zivilisierte Teil der Kabine spätestens nach Erlöschen der Anschnallzeichen anzettelt. Das ist unmanierlich. Es gehört sich übrigens ebenfalls nicht, sich als Passagier der Business Class aufzuführen wie Kaiser Bokassa. Auch wenn manche Business Class von jedem Service-Ideal noch weit entfernt ist, so erwirbt sich niemand (übrigens auch nicht in der First Class oder im Gulfstream) das Recht, das Kabinenpersonal wie seine Leibeigenen zu behandeln. (. . .)

Typen im Flugzeug

(. . .) Ich höre von vielen Menschen, sie hätten das Gefühl, in allen möglichen öffentlichen Verkehrsmitteln immer die merkwürdigsten Nachbarn zu kriegen. Da dies also ganz offenbar gar kein exotisches Problem ist, folgt hier nun für Sie eine Typologie der furchtbarsten Mitreisenden, begleitet von Ratschlägen zu deren Bewältigung. Wir beginnen gleich mit der schlimmsten Sorte:

1. Der expansive Typ: Sucht nicht unbedingt Kontakt, dehnt aber seinen persönlichen Raum rücksichtslos in die Sphäre seiner Mitgeschöpfe aus, entweder physisch, also durch Verteilen von Habseligkeiten und Ausstrecken sämtlicher Extremitäten oder Körperverlängerungen wie Gepäck oder aufgeschlagene Zeitungen, oder akustisch, indem er laute Gespräche mit seiner Begleitung führt oder mal eben das Musikprogramm auf seinem Mobiltelefon durchspielt.

Es sind dies oft dieselben Passagiere, die bereits beim Betreten der Kabine all die vielen kleinen Verstösse gegen die guten Sitten begehen, die ein Reisepublikum so unsympathisch machen können: Sie bahnen sich unter Ausserachtlassung sämtlicher Höflichkeitsregeln ihren Weg an Bord, obschon man hier genauso gut mit gesitteten Methoden zum Ziel käme (wenn auch manchmal einige Minuten später), versperren den Gang, verstopfen die Gepäckfächer und sitzen mit einiger Wahrscheinlichkeit zunächst irrtümlich auf Ihrem Platz, weil sie ihre Bordkarte nicht so genau angeschaut haben. Oder weil sie Ihren Platz für besser halten.

Erkennungssignale: oft konservativ gekleidet, gern übergewichtig, spricht dem Weine zu.
Durchschnittlicher Unannehmlichkeitsfaktor: 9/10
Empfohlenes Reaktionsschema: Hier hilft leider nur die höfliche, aber entschiedene Konfrontation. Ein freundlich-bestimmtes «Verzeihen Sie!» ist allemal besser, als für die Dauer eines Kurzstreckenfluges den Arm von Jabba the Hutt im Gesicht zu haben. Von der Langstrecke ganz zu schweigen.

2. Der redselige Typ: Wird in geschlossenen Räumen (und gelegentlich auch unter freiem Himmel) regelmässig von dem unüberwindlichen Drange überwältigt, wildfremden Menschen sein ganzes Leben hinzuschütten. Dieser Typ ist – wie die Varianten 1 und 3 – in seinem Auftreten selbstverständlich nicht aufs Flugzeug beschränkt (doch wie bei den anderen Varianten steigt auch hier die Unannehmlichkeit überproportional zum Schwinden der Ausweichmöglichkeiten).

Nein, sie sind überall berüchtigt, die notorischen Ansprecher; sie steigen in einen Fahrstuhl oder in ein Eisenbahnabteil oder eben in ein Flugzeug, und schon haben sie ihr Vis-à-Vis oder ihren Nebenmann beim Wickel mit mehr oder weniger geistreichen Bemerkungen und Ausführungen – aber nicht auf leichte, charmante Art, die man sich im deutschsprachigen Raum oft wünschen würde, nicht mit Takt, Witz und feinem Fingerspitzengefühl dafür, ob der andere eine Unterhaltung wünscht oder nicht, sodass aus solch einem spontanen Austausch Kurzweil, Anregung und Gewinn erwachsen könnten. Oh no – es geht dem Schwatzsüchtigen stattdessen nur um Entleerung, Erleichterung, Selbstdarstellung.

Sie sitzen in der U-Bahn und zur Cocktailstunde im Baur au Lac neben uns, sie stehen hinter uns am Postschalter oder in der Schlange für die Immigration am Flughafen von Miami, und immer öffnen sie die Schleusen ihrer Beredsamkeit und strapazieren uns mit ihren unmassgeblichen Ansichten und Privatmeinungen über Gott und die Welt. (Ein derartiges Verhalten ist, wiewohl unschön, gar nicht selten und auf eine Vielzahl von Gründen zurückzuführen: Einsamkeitsüberreizung, mangelnder Abstand, Reisenervosität zum Beispiel infolge von Flugangst, naive Vorliebe für die eigene Person, zu viel Sechsämtertropfen.) Und mit jeder kleinen Antwort blüht ihre Mitteilsamkeit auf wie Unkraut an der Sonne. So erfuhr ich neulich auf einem Kurzstreckenflug von Zürich nach Amsterdam ungefragt von einer mir bis dato unbekannten Dame, welch’ Mühsale und Katastrophen dieselbe bis zur Stunde mit Mut und Zuversicht bestanden, wie sie in den 80er-Jahren in Bad Ischl mit gebrochenem Bein ein ganzes Ping-Pong-Turnier bestritten und dass sie sich im folgenden Jahrzehnt im Sauerländischen als Parkplatzwächterin und Aufseherin in einem Automatenrestaurant verdungen hatte. Jetzt war sie als Vergnügungsreisende auf eigene Faust unterwegs – und sass zufällig in derselben Reihe wie ich; allerdings befand sich zwischen uns der Gang, was ihr mit Blick auf die Kontaktanbahnung hinwiederum nicht das Mindeste auszumachen schien.

Jedes Mal, wenn ich Anstalten machte, mich wieder meinem «National Enquirer» zuzuwenden, hatte die Dame keinerlei Schwierigkeiten, mich mit «Hallo» anzurufen oder durch andere Burschikositäten auf sich aufmerksam zu machen. An der Schlammkrankheit hatte sie auch schon gelitten. Ich genoss ausserdem eine durch ihre künstlerische Kraft erschütternde Schilderung von erotischen Stunden in irgendeinem Araberzelt während der Gadonga-Krise – und dabei weiss ich noch nicht mal so genau, wo überhaupt das Sauerland ist. Ihre Vita war ohne weiteres qualifiziert, in die Unesco-Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit aufgenommen zu werden.
Erkennungssignale: Offenbart auf den zweiten Blick oft entweder einen kleinen motorischen Tick oder ein leicht bizarres Detail der äusseren Erscheinung, zum Beispiel eine tätowierte Kopfhaut (was ich bei der Dame sehen konnte, als sie sich drehte, denn sie trug ihr Haar rechts bis zum Scheitel abrasiert); zudem handelt es sich häufig um sogenannte Selbstlacher, also Zeitgenossen, die ihre eigenen Humorversuche am lautesten goutieren
Durchschnittlicher Unannehmlichkeitsfaktor: 7/10
Empfohlenes Reaktionsschema: Stecken Sie sich Kopfhörer in die Ohren (auch wenn Sie Ihren iPod gar nicht anmachen) oder täuschen Sie Fremdsprachigkeit vor. Oder Schlaf. Nur im Notfall verbal reagieren. Wie gesagt: Es gibt im gesellschaftlichen Leben viele Augenblicke, in denen Schweigen oder Ablenken die einzige manierliche Form darstellt – hier ist ein solcher Augenblick. Denn, Sie erinnern sich: Mit jeder kleinen Erwiderung, egal, wie abwimmelnd sie gemeint sei, blüht auf der Gegenseite die Mitteilsamkeit auf wie Unkraut an der Sonne. Nur bei ganz hartnäckigen Fällen müssen Sie dem Beispiel meiner Tante Kitty folgen, die neulich zu einem redseligen Sitznachbarn sagte: «Hören Sie bitte auf, zu sprechen. Oder haben Sie wenigstens den Anstand, mich zu töten.»

3. Der betreuungsintensive Typ:
Verliert, kaum hat er neben Ihnen Platz genommen, sofort seine Kontaktlinse auf dem Boden. Später die Brille. Noch später leiht er sich Ihre Magazine aus, bittet Sie um ein Aspirin und muss in 180 Minuten ungefähr 18 Mal den Waschraum aufsuchen. Ich sass mal hinter so einer Person auf dem Flug Los Angeles–Zürich. Schon in der Lounge hatte sie angefangen, ihre Bordkarte zu suchen. Oder, wie Frau Oheim es ausdrückt: «Nichts ist der Schönheit einer Luftreise abträglicher, als wenn einer, und dazu sicherlich grundlos – die Nerven verliert.»
Erkennungssignale: meist weiblich, unstrukturiertes Handgepäck, unstrukturiertes Haar, Kunstgewerbeschmuck; sitzt ebenfalls mit einiger Wahrscheinlichkeit zunächst auf Ihrem Platz, allerdings vollkommen irrtümlich.
Unannehmlichkeitsfaktor: 5/10
Empfohlenes Reaktionsschema: zunächst wie unter 2. Wenn der betreuungsintensive Typ in seiner Ansprüchlichkeit dennoch hartnäckig bleibt, kehren Sie den Spiess um: Sie erklären, furchtbare Kopfschmerzen zu haben, und fragen ihn, ob Sie seine Foie gras haben dürfen. Anschliessend lesen Sie demonstrativ seinen «New Yorker» mit (betreuungsintensive Typen entstammen meist der akademischen Mittelklasse). Das reicht meistens, um weitere Bedürftigkeiten zu ersticken. Falls nicht, trösten Sie sich bitte mit einer absoluten Wahrheit, mit der wir uns immer trösten: Selbst die schrecklichste Reise findet irgendwann ihr Ende (in der Generalisierung auch bekannt als: This-Too-Shall-Pass-Maxime, kurz: TTSP). Oder, ein etwas schwächerer Trost: Soundso viele Paare haben sich im Flugzeug kennen gelernt, nachdem der eine die Kontaktlinse des anderen gefunden hatte. Und jede zweite Ehe wird geschieden. Und so weiter. Ansonsten können Sie sich auch splitternackt ausziehen und versuchen, einen der Notausgänge zu öffnen, müssen aber danach einige Zeit in der Psychiatrie einkalkulieren.

Tages-Anzeiger

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