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«Finderglück hat zugenommen»

1490 Dokumente: Das Schweizerische Literaturarchiv hat alle Handschriften des Lyrikers Rainer Maria Rilke digitalisiert und online zugänglich gemacht.

Besuch beim Bauerndichter im Jahr 1900: Rainer Maria Rilke, Lou Andreas-Salomé und Spiridon Droshshin.
Besuch beim Bauerndichter im Jahr 1900: Rainer Maria Rilke, Lou Andreas-Salomé und Spiridon Droshshin.
DLA Marbach

Die junge Basler Buchhändlerin hatte stets an das Wunder geglaubt, sie trug sogar einen Talisman zu diesem Zweck. Am 22. Dezember 1920 konnte Rainer Maria Rilke (1875–1926) seiner Basler Buchhändlerin Lisbeth Link die frohe Kunde eröffnen. «Die Zuflucht war da, die wirklich ganz entlegene, ganz geschützte, unzugänglich feste, gleichmässige, an deren Existenz ich schon fast verzweifeln wollte (...).» Er bezog dank des Mäzens Werner Reinhart den Turm von Schloss Muzot ob Sierre; dort verbrachte er die letzten fünf Jahre seines Lebens und vollendete die «Duineser Elegien».

Der in fliessender, gleichmässiger Schrift verfasste Brief von Rilke an die junge Baslerin lässt sich nun als Faksimile von überall auf der Welt lesen, in digitaler Form auf der Plattform E-manuscripta.ch, zusammen mit 1490 anderen Handschriften Rilkes aus dem Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv (SLA). Total: 8500 digitalisierte Seiten. Genau genommen sind es 1350 Briefe, Postkarten und Telegramme, dazu Skizzen, Widmungen, Werkmanuskripte (darunter der zweite Teil des Manuskripts «Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge) und das Adressbuch des Dichters.

Rilke betrachtete seine Korrespondenz als integralen Teil seines Werks.

«Es ist der erste Nachlass, den wir online stellen, dabei beschränken wir uns vorerst auf den innersten Bestand», sagt Franziska Kolp, im SLA als Kuratorin für den Rilke-Nachlass zuständig, «das heisst, es sind noch keine Briefe an Rilke aufgeschaltet.» Urheberrechtsfragen erübrigten sich so, die Werke sind seit Ende 1996, 70 Jahre nach Rilkes Tod, frei (demnächst werden die im SLA liegenden Nachlässe von Friedrich Glauser und Hugo Ball online gestellt).

Die Farbe des Couverts

Seine Korrespondenz betrachtete Rilke nicht als blosses Mittel zum Informationsaustausch, im Gegenteil: Es war für ihn integraler Teil des Werks. «Bei Rilke sind in den Briefen die Grenzen fliessend zwischen persönlich-biografischen Mitteilungen und künstlerischem Ausdruck», sagt Irmard Wirtz, die Leiterin des Schweizerischen Literaturarchivs. Franziska Kolp ergänzt: «Rilke brauchte eine bestimmte Atmosphäre zum Schreiben und bekannte einmal, seine Feder sei dieselbe, ob er nun Briefe schreibe oder Gedichte.»

Es gebe sogar Forscher, wirft Irmgard Wirtz schmunzelnd ein, die darüber mutmassten, ob die von Rilke gewählte Farbe des Couverts und die Entscheidung für liniertes oder nicht liniertes Papier Aufschluss über den literarischen Anspruch des Geschriebenen gäben: «Das finde ich dann doch etwas überzogen, ich bezweifele, dass Rilke immer das richtige Briefpapier zur Hand hatte.»

Tatsache ist: Testamentarisch gab Rilke die Anweisung, alle seine Briefe zu veröffentlichen. Und der Dichter war ein ausserordentlich fleissiger Briefeschreiber, die Schätzungen gehen gegen 10'000 Epistel. Genau lässt sich die Zahl nicht festlegen, da die Briefe über die ganze Welt verstreut sind. Festhalten kann man hingegen, dass immerhin rund ein Siebtel aller Briefe Rilkes im SLA sind.

Das Schweizerische Rilke-Archiv gehört neben dem Archiv der Familie, dem Rilke-Bestand im Deutschen Literaturarchiv in Marbach und der Rilke-Sammlung in Harvard zu den bedeutendsten Rilke-Sammelstätten weltweit. Durch eine grosszügige Schenkung (allein über 450 Briefe des Dichters) von Nanny Wunderly-Volkart, die Rilke seit 1919 als Vertraute und Mäzenin eng verbunden war, wurde 1951 die Voraussetzung für die Gründung des Rilke-Archivs geschaffen.

Die Digitalisierung der Rilke-Handschriften ist eine Pioniertat. Neue Briefe sind zwar nicht darunter, aber Rilke-Forscher können die Online-Plattform nun als Nachschlagewerk benutzen, während sie zuvor meist unter Zeitdruck die klassische Archivarbeit vor Ort betrieben. «Das Finderglück hat zugenommen», sagt Irmgard Wirtz.

Werden andere Rilke-Archive nachziehen? «Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, das selber rund 2000 Rilke-Briefe hat, wollte eine Gemeinschaftslösung», sagt Irmgard Wirtz. «Bern hat jetzt den ersten Schritt gemacht, die Bestände kann man später einmal online verbinden und auch weitere integrieren.» Blosse Hoffnung sei indes, dass sich auch private Archive und Sammler anschliessen. Durch die Ausstellung Rilke und Russland (vgl. Box) habe sich jedoch eine gute Zusammenarbeit mit diversen Privatarchiven ergeben, die Grundlage für eine Zusammenarbeit werden könne.

«Das grosse Gespräch»

Die unterschiedlichen Haltungen des Privatarchivs und des Schweizer Literaturarchivs springen ins Auge: eine «Black Box» auf der einen Seite, eine «Open Access»-Strategie auf der anderen Seite. Für die Forschung ergeben sich mit der Digitalisierung der Handschriften neue Möglichkeiten. Der Gewinn besteht vor allem darin, dass sie die Briefe nun für Kommentare nutzen können.

Etliche Briefwechsel Rilkes liegen zwar in Papierform vor, aber in den digitalen «Massendokumenten» lassen sich neue Zusammenhänge und Bezüge erkennen sowie Details überprüfen. Früher habe man als hoch spezialisierter Forscher in Archive steigen oder gedruckte Gesamtausgaben konsultieren müssen.

«Die nächste Generation von Rilke-Forschern wird von Anfang an mit der digitalen Textbasis und mit anderen Instrumenten arbeiten», ist Irmgard Wirtz überzeugt. Auch die Präsentation werde anders: Ist eine Volltextsuche in den Dokumenten möglich, kann man einzelne Schlagwörter eingeben und braucht kein Glossar mehr bei Editionen. Irmgard Wirtz erwähnt ein Projekt der Universität Basel im Bereich «Netzwerkforschung», das an der Rilke-Tagung Ende September vorgestellt wird.

Auch beim von Rilke verehrten Dichter Hugo von Hofmannsthal sei das grosse Briefwerk Teil des Œuvres. Der gedruckte Briefwechsel 1899–1925 erschien 1978 im Suhrkamp-Verlag. Eine digitale Edition von Hofmannsthals Briefen würde, so Wirtz, indes diese Kollegen noch enger zusammenführen und ein «grosses Gespräch» sichtbar machen. «Das ergibt neue Suchmöglichkeiten», sagt Irmgard Wirtz, «auf die ich selber gespannt bin.»

www.e-manuscripta.ch

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