«Facebook-Autor oder Literatur-Autor?»

Interview

Dieses Wochenende findet in Klagenfurt der Wettbewerb um den Bachmann-Preis statt. Die Jurorin Corina Caduff gibt Auskunft über ihre Erwartungen und Kriterien.

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Sie sind dieses Jahr zum ersten Mal in der Jury des Bachmann-Preises. Sind Sie nervös? Ja, es ist schon eine Drucksituation. Trotz manch schöner Gelassenheit, die das Altern glücklicherweise mit sich bringt, kann ich mich davon nicht befreien. Es gehört halt einfach mit dazu.

Wie bereiten Sie sich vor? Jeder Juror hat zwei Autoren für die Teilnahme nominiert, entweder durch direkte Anfrage oder aus dem Pool der Autoren, die sich mit einem Text beworben haben. Die Jurorinnen und Juroren haben die 14 Wettbewerbstexte vor zehn Tagen erhalten. Die lese ich jetzt.

Was erwarten Sie von den Teilnehmern? Ich habe keine festgelegten Erwartungen, ich bin einfach gespannt zu sehen, was für leibhaftige Autorpersonen hinter diesen Texten auftauchen. Eine richtige Performance, wie sie Rainald Goetz 1983 mit seinem blutigen Schnitt in die Stirn bot, ein Eklat, Skandal oder dergleichen ist in den heutigen Zeiten nicht zu erwarten.

Warum nicht? Es gibt momentan wenig politische Agitation in der Literatur, es gibt keine Grabenkämpfe. Die Aktion von Goetz war ein gelungener Angriff auf den ganzen Literaturbetrieb. Die aktuelle junge Generation dagegen zeichnet sich tendenziell nicht durch Widerständigkeit aus. Aber ich lasse mich gerne überraschen.

Haben Sie spezielle Erwartungen an die Teilnehmer aus der Schweiz? Es ist ein internationaler Wettbewerb ohne Länderkontingentierung bei den Teilnehmern. Ich richte keine spezifischen Wünsche oder Erwartungen an die Schweizer, aber dennoch spielen Kategorien wie Nation, Geschlecht oder Alter natürlich eine Rolle. Es ist alles eine Frage der Konstellation.

Nach welchen Kriterien bewerten Sie die Teilnehmer respektive ihre Texte? Thematik, Konzept, sprachliche Gestaltung. Gerade bei der heutigen Facebook-Generation stellt sich die Frage: Sind die Autoren in der Lage zu erkennen, ob ihr Innenleben wirklich interessant und literaturfähig ist? Facebook-Autor oder Literatur-Autor? Überdies – das erst macht den Prozess der Kritik richtig spannend – liefert ein Text die Kriterien, nach denen er beurteilt wird, immer auch selbst.

Inwiefern beeinflusst Facebook die Literatur? Meiner Ansicht nach ändern sich durch die Praktiken der Social Media die Produktionsweisen von Literatur und allgemein von Geschriebenem. Das Schreiben wird punktueller und zerfahrener, konzeptionelle Arbeit verschwindet zunehmend. Das sieht man am Fall Helene Hegemann, aber auch in Seminararbeiten von Studierenden. Bald werden die «Digital Natives» an die Verlagstüren klopfen. Ich gehe davon aus, dass die Literatur vor einem Umbruch steht. Umso wichtiger sind heute institutionelle Ausbildungsstätten wie der Studiengang «Literarisches Schreiben» in Biel.

Wie subjektiv ist die Bewertung eines Teilnehmers? Das ist eine verbreitete und berechtigte Frage im Zusammenhang mit Kritik. Für mich ist wichtig, dass die Wertung im Kommunikationsprozess intersubjektiv wirksam werden kann, dass heisst, dass die Argumente für verschiedene Personen nachvollziehbar sind. Gute Kritik macht ihre Kriterien transparent. Wenn das gelingt, erübrigt sich die Frage nach Subjektivität.

Also versuchen Sie persönliche Vorlieben möglichst auszublenden? Auf keinen Fall soll ein Text meinen Vorlieben entsprechen, sondern umgekehrt: Ein Text soll es schaffen, zu meiner persönlichen Vorliebe zu werden. Das ist für mich als Leserin das schönste Geschenk.

Wie wichtig ist der Auftritt des Autors? Körperhaltung, Stimmführung, auch Ausstrahlung und Kleidung – diese Faktoren spielen eine Rolle. Die Juroren kennen den Text ja schon und können sich auf den Vortrag konzentrieren. Aber es ist eher selten, dass die Performance des Textes diskursiv als Kriterium geltend gemacht wird.

Sind Wettbewerbe wie der Bachmann-Preis in der Literatur überhaupt sinnvoll? Klagenfurt ist und bedient alles in einem: Event, Markt, Eitelkeiten, ernsthafte literarische Anliegen. Bei allen Wettbewerben geht es letztlich immer um Anerkennung. Und diese reicht nie für alle, es ist das Prinzip des Wettbewerbs, dass die Mehrheit leer ausgeht. Kränkung ist da vorprogrammiert. Psychologisch ist das also Blödsinn. Aus Sicht unserer kompetitiven Leistungsgesellschaft jedoch, die solche Wettbewerbe lanciert und zu der der Literaturbetrieb zweifellos dazugehört, macht es Sinn.

Macht es auch Sinn, das Ganze am Fernsehen zu übertragen? Was die Bachmann-Preis-Vergabe in meinen Augen einzigartig macht, ist die Tatsache, dass hier der ganze 4-tägige Prozess der Entscheidungsfindung öffentlich überprüfbar ist, bis hin zur Abstimmung am Schluss: Man kann zuschauen, wer für wen stimmt. Bisweilen ist solche Transparenz auch langweilig und kommt als alter Zopf daher. Die verantwortlichen Sender ORF und 3sat haben hier aber meines Erachtens mit der jahrelangen Übertragung dieses Wettbewerbs sehr viel geleistet und tun es noch.

DerBund.ch/Newsnet

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