Erfolgloser Autor und tatkräftiger Verbandsaktivist

Hans Mühlethaler, der Berner Schriftsteller und langjährige Sekretär der Gruppe Olten, ist im Alter von 86 Jahren gestorben.

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Für viele war er der engagierte Sekretär der Gruppe Olten, das organisatorische Hirn dieses 1970 gegründeten Schriftstellerverbandes. Hans Mühlethaler verteidigte bis zu seinem Ausscheiden 1987 als weitherum vernehmbares kulturpolitisches Sprachrohr gegen aussen die Interessen der Autorinnen und Autoren in dieser neuen Organisation, die sich abgespaltet hatte vom trägen Schweizerischen Schriftstellerverein (SSV). 1978 war er auch einer der Initianten der Solothurner Literaturtage.

In den Hintergrund geriet dabei Mühletalers eigene schriftstellerische Tätigkeit: Er schrieb neben Theaterstücken auch Romane (etwa 1978 im Zytglogge-Verlag «Die Fowlersche Lösung» über einen spektakulären Giftmordprozess in Burgdorf 1926), Gedichte und Aphorismen, er veröffentlichte Sachbücher und philosophische Essays. Der Literatur-Gewerkschafter arbeitete unentwegt am eigenen Werk. Über sein Leben als Schriftsteller sagte er vor einigen Jahren in einem Gespräch mit der «Wochenzeitung»: «Wer scheitert, lernt mehr, als wer Erfolg hat.»

Vor dem Durchbruch

Im Jahr 1963 schien der Durchbruch zum Greifen nah. Das Theaterstück «An der Grenze» über die Liebe und den Tod und eine Grenze, deren Überschreitung tödliche Folgen hat, war vom Schauspielhaus Zürich zur Uraufführung angenommen worden. Noch vor der Premiere meldete sich die «Schweizer Illustrierte» beim 33-jährigen Primarlehrer für eine Homestory. Der Inszenierung war allerdings kein Erfolg beschieden. Der fünffache Familienvater indes wollte es jetzt wirklich wissen, gab seine Stelle im Emmental auf und liess sich in Bümpliz zum Lehrer wählen.

Mit seiner Familie zog er – ein weiteres Zeichen des Aufbruchs – in die neue Halen-Siedlung, in der Stadt trifft er auf andere aufstrebende Autoren wie Ernst Eggimann, Kurt Marti oder Walter Vogt. 1967 publizierte er im Kandelaber-Verlag von Egon Ammann einen Gedichtband unter dem Titel «zutreffendes ankreuzen». Dafür erhielt er einen Literaturpreis des Kantons Bern – es sollte seine einzige Auszeichnung bleiben. Er hielt sich in der turbulenten 1968er-Zeit längere Zeit im geteilten Berlin auf, demonstrierte für die Kommune 1 und besuchte den Internationalen Vietnamkongress.

Der Selbstverlag als Pioniertat

Nachdem Mühlethalers zweiter Roman «Abschied vom Burgund» 1991 über einen Aussteiger ebenfalls keine grosse Resonanz gefunden hatte, wollte der Zytglogge-Verlag keine weiteren Bücher des Autors verlegen. In seinen hohen Sechzigern fing er unverdrossen an, seine weiteren Werke selbst als Book on Demand herauszugeben. Mühlethaler war sich bewusst, dass er mit diesem Schritt einerseits endgültig zum Aussenseiter in der Literaturszene geworden war; andererseits sah er sich als «Pionier» und war überzeugt, dass Medien und Buchhandlungen eines Tages diese im Selbstverlag herausgegebenen Bücher zur Kenntnis nehmen müssen. Gegenüber der «Wochenzeitung» gab er zu Protokoll: «Wer scheitert, muss Neues probieren. Deshalb kann Scheitern ein gewaltiger Motor sein, um ein Leben lang schöpferisch zu bleiben. Und am Ende scheitert auch der Erfolgreiche, denn auch er muss sterben.»

Mit Sterben und Tod hat sich Mühle­thaler schreibend intensiv auseinandergesetzt. Im Essay «Das Bewusstsein. Ursache und Überwindung der Todesangst» (2006) und später in «Evolution und Sterblichkeit» (2010) entwickelte er eine evolutionäre Ethik. Wenn der Mensch seine Todesangst überwinde, so der zentrale Gedanke, sterbe er auch früher und könne so mit seinem Beitrag der Überalterung moderner Gesellschaften entgegenwirken. Jetzt ist Hans Mühlethaler im Alter von 86 Jahren gestorben.

Der Bund

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