Er wagt die Konfrontation mit sich

Radikalität, sprachliche Kraft und thematische Vielfalt: Der 69-jährige Schriftsteller Christoph Geiser erhält für sein Gesamtwerk den Grossen Literaturpreis.

Er wendet sich den Trümmern zu: Christoph Geisers Werk zeichnet laut der Jury eine «Genauigkeit bis zur Schonungslosigkeit» aus.

Er wendet sich den Trümmern zu: Christoph Geisers Werk zeichnet laut der Jury eine «Genauigkeit bis zur Schonungslosigkeit» aus.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Seit mehr als drei Jahrzehnten pendelt Christoph Geiser zwischen der Schweizer und der deutschen Hauptstadt: «Bern ist mein Lebenszentrum, aber nicht mein literarischer Mittelpunkt. Hier ist eher mein ‹Bau›, während ich mir in Berlin mehr Auslauf gönne.»

Als ein Schriftsteller, der den artistischen Umgang mit Sprache und eine gewisse Rhetorik der Erregbarkeit als wesentlich für sein Schreiben bezeichnet, beschäftigt ihn der «Wegfall der Grossen Erzählung» und die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Den frühen Ruhm des heute 69-jährige Autors, Sohn einer Basler Arztfamilie, begründete indes eine grossbürgerliche Familiengeschichte, erzählt in den frühen Romanen «Grünsee» (1978) und «Brachland» (1980). Für diese beiden Bücher, realistisch im formalen Zugriff und detailgesättigt, erntete der damals knapp 30-Jährige viel Kritikerlob und Zuspruch der Leserschaft. Hier versank ein hochbegabter Autor nicht in private Nabelschau, sondern rang seiner familiären Malaise eine schonungslose Gesellschaftsanalyse ab.

Geisers ästhetische Position als Autor hat sich seither radikal verändert. Die Abkehr von der Sprache des bürgerlichen Romans folgte allerdings keinem Kalkül. In den 1980er-Jahren, erinnert sich Geiser, sei er in Berlin einem «völlig anderen ästhetischen und existenziellen Umfeld begegnet, durch Aids war der Tod allgegenwärtig». Die Begegnung mit dem frühbarocken Maler Caravaggio liess bei ihm etwas aufbrechen, das zwingend nach einer anderen Ästhetik verlangte, einer Ästhetik des Hässlichen auch.

«Junger Herr aus gutem Hause»

Inhaltlich ist Geisers Werk vielfältig und bietet eine facettenreiche Auseinandersetzung mit Themen wie Familie, Herkunft, Homosexualität, Älterwerden, Nicht-mehr-Genügen. Der Autor verknüpft in seinen Texten Autobiografie und Fiktion. Die Fiktionalisierung des eigenen Erlebens erscheint dabei oft als Metaebene im Text. Christoph Geiser wagt die Konfrontation mit sich, mit den Geschichten und der Geschichte, aber auch die Konfrontation der Leserin mit dem, was erzählt wird.

Der «junge Herr aus gutem Hause», wie er sich selber einmal selbstironisch und zugleich durchaus zutreffend genannt hat, begann früh mit dem Schreiben – 1968 erschienen vom Maturanden unter dem Titel «Bessere Zeiten» Prosatexte und Gedichte – und schlug die für ihn gemäss der Familientradition vorgesehene Laufbahn als Jurist oder Mediziner mit ziemlich eindeutiger Geste aus. Sein Gegenentwurf wies unter anderem folgende Stationen auf: abgebrochenes Soziologiestudium, Mitbegründer der Literaturzeitschrift «drehpunkte», Militärdienstverweigerer, marxistisch geschulter Journalist.

Sein literarisches Schreiben hat Geiser immer als «Befreiung» empfunden, «primär aus den Verstrickungen des Bürgertums». Christoph Geiser verschweigt jedoch nicht, dass diese radikale Emanzipation von seiner Herkunft – die sich auch in einer leidenschaftlich-obsessiven Auseinandersetzung mit der eigenen Homosexualität manifestierte – seinen Preis hatte: «Es war auch ein Weg in die Einsamkeit.»

Als Christoph Geiser Mitte der 1980er-Jahre mit dem Caravaggio-Buch «Das geheime Fieber», später mit dem Roman «Das Gefängnis der Wünsche», in dem Marquis de Sade auf Goethe traf, oder mit «Kahn, Knaben, schnelle Fahrt» das Terrain der «diskreten, verhaltenen Uhrmacher-Prosa» definitiv hinter sich liess, versagten ihm zusehends auch Teile seiner Leser die Gefolgschaft. Die erzählerische Behutsamkeit öffnete sich hin zum Grotesken, Komischen, Absurden.

Humor und Mehrschichtigkeit

Nachdem Egon Ammann 2006 seine Verlagstätigkeit ziemlich abrupt beendet hatte, war Christoph Geiser, der einst bei Lenos angefangen und lange Jahre bei Nagel & Kimche veröffentlicht hatte, ohne einen festen Verlag. Nach der abrupten Schliessung des publizistischen Heimathafens und einer längeren Odyssee veröffentlichte Geiser 2013 im Offizin-Verlag den Roman «Schöne Bescherung». Selbstironisch und von wachsender Verzweiflung angetrieben ist dieses Selbstporträt des Dichters als «rüstiger Jung-Senior». Vor zwei Jahren bewies Geiser detektivischen Spürsinn, als er in einem Zürcher Kleinverlag den Erzählband «Da bewegt sich nichts mehr» vorlegte mit drei Kriminalfällen, die er als Randfigur miterlebt hatte.

Mit dem Grossen Literaturpreis 2018, den die Stadt und der Kanton Bern nach 2010 (Lukas Hartmann) und 2014 (Matthias Zschokke) zum dritten Mal gemeinsam vergeben, würdigt die Jury Christoph Geisers literarisches Gesamtwerk, das durch Radikalität, sprachliche Kraft und thematische Vielfalt überzeuge. «Geisers schriftstellerisches Schaffen», schreibt die Jury, «zeichnet eine Genauigkeit bis zur Schonungslosigkeit aus sowie eine Radikalität im Schreiben und in der Auseinandersetzung mit dem, was ihn als Autor interessiert.» Er besteche gleichzeitig durch Humor, (Selbst-)Ironie und Mehrschichtigkeit. Diese zeige sich auch in den Bezügen zu Kunst und Kunstgeschichte, die der Autor auf überzeugende Weise einwebe, «ohne dass das Erkennen dieser Anspielungen Voraussetzung ist, um die Texte zu verstehen».

«Ästhetik des Fragments»

Viele Gewissheiten haben sich aufgelöst, auch ein «emanzipatorischer Zusammenhang» ist für den Autor Christoph Geiser heute nicht mehr gegeben. Die Kehrseite dieses Abschieds vom Glauben an die gesellschaftsverändernde Kraft der Literatur birgt für Geiser aber als künstlerische Herausforderung durchaus auch Chancen: «Als Autor kann ich mich ins offene Gelände begeben und mich den Trümmern zuwenden.» Einer «Ästhetik des Fragments» ist Christoph Geiser denn auch schreibend auf der Spur. «Lesbarer» und marktgängiger wird dieser eigensinnige Autor auch in Zukunft nicht erzählen.

Die öffentliche Preisverleihung findet am 23. August im Rahmen des Berner Literaturfests um 19 Uhr in der Aula im Progr Bern statt.

Der Bund

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