Er spricht nicht nur, er zeigt auch seine «Wortbilder»

Wenn Sprache selber Gegenstand eines Gedichts wird: Der Berner Schriftsteller Beat Sterchi übt sich in «konkreter Poesie».

Eigenrecht der Worte: Beat Sterchi auf der Münsterterrasse.

Eigenrecht der Worte: Beat Sterchi auf der Münsterterrasse. Bild: Franziska Rothenbühler

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Dieser Dichter nimmt die Sprache beim Wort, beobachtet den Sprachalltag, knüpft sich Redegewohnheiten, Worthülsen und stille Übereinkünfte vor: «Wie chlyn si die Lüt, / wo me vone seit, / si syge die chlyne Lüt?/ U wi gross si die Lüt, wo vo angerne Lüt wüsse, / das syge se itz, die chlyne Lüt?»

Das Gedicht «Die chlyne Lüt» findet sich im neuen Buch «Aber gibt es keins» des 69-jährigen Schriftstellers Beat Sterchi («Blösch»), der seit vielen Jahren auch Mitglied der Spoken-Word-Gruppe «Bern ist überall» ist und vor zwei Jahren in seinem Manifest «Mut zur Mündigkeit» dafür plädierte, die Mundart endlich als unsere Muttersprache und das Schriftdeutsche als erste Fremdsprache anzuerkennen. Das von Sterchi dem Alltag abgelauschte verbale Sammelgut sortiert der Sprachmüll-Aussteller, orchestriert und rhythmisiert es und entlarvt in diesen «Mantras» und «Minidramen» unseren oft automatisierten Umgang mit Sprache. Seine Biografie weiss er dabei auch lakonisch mit Sprachschablonen auf eine allgemein gültige Essenz einzudampfen: «Teu hei Glück / teu hei Päch /teu hei gar nüt.»

Alles anders? Oder alles gleich?

In gedruckter Form entstand mitunter gar konkrete Poesie: Ein Text zum «Gotthelfdenkmal» etwa hatte die Form einer Statue auf einem Sockel. In der jüngsten Publikation versammelt Sterchi nun in der Tradition der «konkreten Poesie» zahlreiche dieser «Wortbilder», die den kurzen Gedichten gegenübergestellt werden. Sterchis Sprechtexte weiten sich zu Schautexten, zu eigenständigen Gebilden, wo das Spiel mit Bedeutungen, mit der räumlichen Dimension der Schrift zentral ist. Hier ist alles von Bedeutung: die typografische Anordnung der Worte, die Schriftgrösse, die bewussten oder gerade fehlenden Leerstellen (etwa bei «Löcher», wo die ganze Seite mit dem Wort übersät ist) oder ein den Rahmen der Seite sprengender Satzspiegel.

Visuelle Poesie experimentiert mit dem Erscheinungsbild von Texten, wodurch der Text über seine äussere Form eine Aussage vermittelt oder tatsächlich zum Bild wird – wie etwa das berühmte «Trichter»-Gedicht von Christian Morgenstern. Auf einem dieser «Wortbilder» steht auf einer Seite von oben bis unten in fetten Grossbuchstaben «ALLES ÄNDERN». Ein kompakter, fest gefügter Textblock ist das, dessen Lektüre den gegenteiligen Eindruck erweckt: Alles bleibt sich hier gleich, scheint geradezu unveränderlich. Ähnlich kommt «ARALSEh» daher; auch dieses Wort nimmt, an einen Sehtest erinnernd, auf sieben Zeilen die ganze Seite ein. Unweigerlich denkt man dabei an den grossen, abflusslosen Salzsee in Zentralasien, dem wegen Überdüngung und Wassermangel die Versteppung droht, das endgültige Verschwinden.

Wie zwei feindliche Heere

Manchmal zünden diese flächenhaft zu neuen Kombinationen angeordneten Sprachelemente nicht, manchmal jedoch ereignet sich Verblüffendes und die Sprache entbirgt ihre Mitgift, wird aus dem «Schattendasein» als (blosses) Medium der Mitteilung herausgeholt: Etwa wenn Sterchi das Wort «Auseinandersetzung» buchstäblich in seine Einzelteile zerlegt. Zwei Wortpyramiden stehen sich da wie feindliche Heere auf dem Schlachtfeld symmetrisch gegenüber, sie sind grafisch auf Konfrontationskurs.

In der oberen Hälfte wird das Wort von hinten in Silben zerlegt, im unteren Teil von vorne. Und zwischen den Fronten steht dann: «DIE AUS EIN AN DER SETZ UNG». Gespannt darf man darauf sein, wie Beat Sterchi heute an der Vernissage und überhaupt an Lesungen seine visuelle Poesie vortragen wird – allein eine verbale Präsentation wird den vielschichtigen Dimensionen dieser Wortbilder nicht gerecht werden.

Beat Sterchi: Aber gibt es keins. Verlag der Gesunde Menschenversand, Luzern 2018. 112 Seiten, ca 28 Fr. Vernissage: Heute, 19.30 Uhr, Lehrerzimmer im Progr, Bern. (Der Bund)

Erstellt: 17.04.2018, 06:53 Uhr

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