Enthüllt, na und?

Elena Ferrantes Identität war das bestgehütete Geheimnis des literarischen Italiens. Nun will ein Journalist sie aufgedeckt haben. Und handelt sich Ärger ein.

Darf eine Künstlerin im Dunkeln bleiben? Cover des Buchs «Meine geniale Freundin».

Darf eine Künstlerin im Dunkeln bleiben? Cover des Buchs «Meine geniale Freundin».

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Unverkennbar flüstert zwischen den Zeilen des Artikels kindlicher Stolz mit: Monatelang habe er nachgeforscht, schreibt der italienische Reporter Claudio Gatti, die Spur des Geldes habe ihn zur wahren Identität der Bestsellerautorin Elena Ferrante geführt: Hinter dem Pseudonym stecke die Übersetzerin Anita Raja, Tochter einer deutschen Jüdin, die vor dem Holocaust nach Italien floh. Raja ist beim italienischen Verlag Edizione e/o angestellt, in dem Ferrantes Werke bislang publiziert wurden. Ihr Erfolg befeuert seit Jahren Spekulationen über die Identität der Autorin, die in ihrem Schaffen auf weibliche Biografien fokussiert. Manche vermuteten einen Mann hinter dem Pseudonym, auch Raja selbst war zuvor wiederholt im Kreis der Verdächtigen aufgetaucht. Doch niemand hat bislang so starke Indizien geliefert wie Gatti: So stiegen Rajas Honorare parallel zum internationalen Erfolg von Ferrantes Büchern. Zudem gibt es in Ferrantes Werk zahlreiche Hinweise und Querverbindungen zu Rajas Biografie.

Enthüllung um der Enthüllung willen

Gattis Enthüllung wurde zeitgleich publiziert in der Wirtschaftszeitung «Il Sole 24 Ore», der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung», der «The New York Review of Books» und dem französischen Rechercheportal «Mediapart.fr», und sie machte weltweit Schlagzeilen. Auch bei der FAZ freute man sich. Unter dem ungelenken Titel «Die wahre Frau hinter Elena Ferrante» schreibt die Zeitung, Gatti habe das «grösste literarische Rätsel unserer Zeit» gelüftet, die Bestsellerautorin sei «enttarnt».

Weniger erfreut reagierten Ferrantes Verleger, Autoren rund um die Welt und die Öffentlichkeit. Der Journalist habe damit bloss sein eigenes Ego befriedigt, und jemanden zu outen, der ausdrücklich anonym bleiben möchte, sei eine Form der Gewalt, so der Tenor. Denn sicher habe die Frau ihre Gründe, anonym bleiben zu wollen.

Lernen von Banksy

Der berühmteste Anonyme der Gegenwart, Graffiti-Künstler Banksy, verkündete Anfang der Nullerjahre in einem seiner Werke: «In der Zukunft wird jeder einmal für 15 Minuten anonym sein.» Es handelt sich dabei um eine Verkehrung des berühmten Diktums von Andy Warhol, irgendwann werde jeder mal für 15 Minuten berühmt sein. Irgendwann ist mit der Erfindung des Smartphones und dem Zeitalter der sozialen Medien eingetroffen. Nun wird auch Banksys hintersinnige Pointe deutlich: Wenn jeder über seine Datenspur immer lückenloser analysiert werden kann, wird die Möglichkeit, sich zu verbergen, immer wichtiger. Das gilt besonders für Künstler, die ihre Kreativität nur in diesem geschützten Raum entfalten können.

Tatsächlich kann man sich fragen, warum eine Künstlerin, die ausdrücklich nicht in der Öffentlichkeit stehen, sondern einfach nur schreiben will, enttarnt werden muss. Gatti rechtfertigt sich so: «Der sensationelle Erfolg ihrer Bücher machte die Suche nach ihrer Identität unvermeidlich. Und er hinterliess finanzielle Spuren, die für sich selber sprechen.» Sie sei es ihrer millionenstarken Leserschaft schuldig, ihre Identität preiszugeben, denn ihre Leserinnen hätten sie zum Superstar gemacht. Zudem habe Ferrante ihr Recht auf Anonymität verloren, als sie vor ein paar Jahren einen autobiografischen Essay veröffentlicht habe, dazu aber in einem Interview verkündet habe, darin nicht die Wahrheit zu schreiben.

Die Moral von der Geschichte

Ein Argument, das sich auf eine verdrehte Moral beruft. Ferrante hat nämlich in anderen Interviews deutlich gemacht, warum sie anonym bleiben möchte: Um «sich von allen Formen sozialen Drucks und sozialer Verpflichtung zu befreien (...) und sich exklusiv und mit grösstmöglicher Freiheit dem Schreiben und seinen Strategien zu widmen». In einem Interview mit dem «Spiegel» kündigte sie auch an, nicht mehr zu schreiben, sollte ihre Identität gelüftet werden. Hält sie sich an die Drohung, dürfte Gatti ihrer Leserschaft mit seinem Enthüllungsfuror keinen Gefallen getan haben. Vielleicht holt sie sich aber auch Rat bei Banksy, der wiederholt «enttarnt» wurde, ohne dass er sich mit Bestätigung oder Dementi eine Blösse gegeben hätte. Das ist das Schöne am postfaktischen Zeitalter: Will die Wahrheit die Fiktion übertrumpfen, muss sie gute Gründe haben. Sonst bleibt sie irrelevant. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2016, 16:49 Uhr

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