Eine folgenreiche Verwechslung

Die Berner Schriftstellerin Gerlinde Michel krempelt in ihrem neuen Roman das Leben von vier Menschen um.

Nicht alle Bilder sind für alle Augen bestimmt. (Symbolbild/Archiv)

Nicht alle Bilder sind für alle Augen bestimmt. (Symbolbild/Archiv) Bild: Keystone

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Den Mantel in der Garderobe verwechselt, den falschen Koffer bei der Gepäckausgabe erwischt: Das kann ärgerlich, muss aber noch nicht bedrohlich sein.Weitaus brisanter wirkt sich eine Unachtsamkeit für ein älteres und ein junges Paar aus – Konstantin und Louisa, Cyrill und Sophie – , als sie sich zufällig auf einer Aussichtsplattform am See treffen und gegenseitig um ein Foto bitten, bevor sie wieder wegfahren.

Dumm nur, dass beide Männer dasselbe Kameramodell benutzen und die Apparate kurz auf einer Mauer hinlegen. Zu spät bemerken sie die Verwechslung. Aber wie den Besitzer finden, wenn keine Namen und Adressen vorliegen?

Für ihren neuen Roman hat die 1947 in Bern geborene und in Spiez lebende Autorin Gerlinde Michel einen Ausgangspunkt gewählt, der einen krimiähnlichen Verlauf suggerieren könnte. Denn sowohl Cyrill wie Konstantin haben keineswegs nur unverfängliche Szenen aufgenommen, sondern intime Momente festgehalten, die nicht für den Blick Fremder vorgesehen sind – so erklärt sich der Romantitel «Fremdsehen».

Scham und Faszination

Cyrill hat seine Freundin Sophie gegen deren Willen in Schlafzimmerposen abgelichtet; Konstantin fotografierte in einem Etablissement die junge rumänische Tänzerin Ileana, von deren Existenz die Ehefrau Louisa nichts erfahren soll. Sie und Konstantin können sich jedoch den Blick auf die Bilder in der fremden Kamera nicht verkneifen.

Während Konstantin mit kaum verhohlenem Behagen den Film abspult, fühlt die wachsame Louisa eine verwirrende Mischung von Faszination und Scham in sich aufsteigen. Ein Riss öffnet sich in der Beziehung zwischen Cyrill und Sophie, als diese von der Verwechslung der Kamera erfährt und vermuten muss, dass fremde Blicke auf ihren Körper fallen.

Gerlinde Michel setzt bei allen Beteiligten eine Entwicklung in Gang, welche die bisherigen Lebensmuster entscheidend verändert. Aber sie verlässt die Spur eines möglichen Kriminalromans (dieses Genre hat sie in zwei früheren Büchern erkundet) und konzentriert sich auf eine Innenschau. Vorgeschichte und Herkunft, lange verdrängt und verschwiegen, wollen mitgeteilt werden. Erst mit dem Erzählen löst sich der Bann, von der Autorin intensiv nachempfunden, am Beispiel Sophies.

Hartes Leben in Rumänien

Natürlich lässt sich einwenden, dass die erstaunlichen Prozesse nicht in jedem Fall stringent mit der Kameraverwechslung zu tun haben; immerhin kann diese als Auslöser gelten. Innerhalb des Romans kommen die vier Menschen laufend in Kurzkapiteln zu Wort, manchmal in der direkten Ich-Form, manchmal distanzierend in der dritten Person Singular, sodass der Text den Wechsel der Perspektiven erlaubt und die Charaktere erhellt – am eindrücklichsten im Fall Konstantins.

Das Innenleben aller Figuren gerät in Bewegung, gewinnt an Tiefe. So will die Malerin Louisa den Weg in die Abstraktion einschlagen, erreicht aber dank der Beschäftigung mit ihren eigenen Träumen und den Körperbildern der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig eine neue Konkretheit.

Konstantin, im Januar 1945 als Kind eines deutschstämmigen Paars unter unsäglichen Umständen in Bukarest geboren, will sich endlich der leidvollen Familiengeschichte stellen und nach seiner ersten Geliebten Caliopa suchen, an die ihn Ileana erinnert. Mit seinem etwas klischeehaft gezeichneten Machismo wirkt er, der Architekt, zwar vorerst abstossend, doch sein Schicksal rückt ihn zunehmend näher an uns heran.

In diesen Passagen zeichnet Gerlinde Michel, die ihr Buch den Siebenbürger Verwandten gewidmet hat, aufschlussreich die harten Lebensbedingungen der deutschen Sprachgruppen vor und nach 1945 in Rumänien nach.

So hätte allein schon Konstantins Geschichte, die an düstere Ereignisse in Herta Müllers Werk erinnert, den Stoff für ein ganzes Buch abgegeben. Ohne billigen Trost zu spenden, lässt Gerlinde Michel nach den Beziehungskrisen eine positive Wende erahnen. So bietet Louisa am Ende dieses dichten Buchs ihrem Mann an, dass sie ihn gern nach Bukarest begleiten würde, sofern er dies auch «ganz und gar» wolle.

Gerlinde Michel: Fremdsehen. Roman. Verlag edition 8, Zürich 2018, 202 Seiten, 24 Franken. (Der Bund)

Erstellt: 07.12.2018, 06:46 Uhr

Gerlinde Michels. (Bild: zvg)

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