Eine Fata Morgana aus Worten

Irgendwo zwischen Delirium und Martyrium: Patrick Savolainens Roman «Farantheiner».

Was ist nämlich Literatur anderes als eine wundersame Fata Morgana aus Worten, die implodiert, sobald das Erzählen aufhört?

Was ist nämlich Literatur anderes als eine wundersame Fata Morgana aus Worten, die implodiert, sobald das Erzählen aufhört?

(Bild: Susanne Keller)

Regula Fuchs

So beginnen Western: Am Horizont eine Staubwolke, allmählich zeichnen sich zwei Pferde ab, auf einem von ihnen sitzen zwei Männer, wobei der eine sich kaum im Sattel halten kann, weil er so stark blutet. Es ist der alte Farantheiner, ein «Teufelskerl und Siebenhund», wie es später heisst, der da seinem Tod entgegentaumelt. Der andere ist Kat, ein hübscher, aber nicht sonderlich gescheiter Cowboy. Man meint zu ahnen, was sich aus einer solchen Exposition entwickeln könnte. Und liegt im Fall von Patrick Savolainens Roman «Farantheiner» komplett falsch.

Denn die Szenerie unter der glühenden Sonne klappt schon nach wenigen Zeilen in sich zusammen, entpuppt sich als erzählerische Fassade. Savolainen denkt nicht daran, seine Sprache in den Dienst einer Geschichte zu stellen. In seinem Roman steckt höchstens ein Story-Gerippe, das sich um Farantheiners Testament, seine Tochter Isabelle, den schweigsamen Kat und einen ominösen Pferdediebstahl auf Isabelles Weingut dreht – aber höchst bruchstückhaft. Den dürren Plot hat Savolainen übrigens einem Groschenroman entnommen, «Für eine Nacht ohne Tabus» von einer gewissen Sandy Steen, wie er in einer Fussnote anmerkt.

Der Rest ist ein manchmal schier endloses Zirkeln um Details. Über mehrere Seiten hinweg wird etwa beschrieben, wie jemand einen Wagen kommen hört, die Szene ist in Einzelbilder aufgelöst, und ähnliche Wendungen werden in immer neuen Variationen durchexerziert, als wärs eine Schreibübung. So löst sich die Sprache von ihrer Bedeutung und droht einem ständig zu entwischen. Es ist eine streckenweise ermüdende Lektüre.

Überzeugender Schlusspunkt

Patrick Savolainen ist 1988 geboren, ausgebildeter Grafiker, hat am Literaturinstitut Biel und an der Berner Hochschule der Künste studiert und lebt gemäss Klappentext «in den nordischen Ländern und in der Schweiz». Es ist nicht einfach, sich einen Reim auf sein Schreiben zu machen: Ist «Farantheiner» eine Parodie auf Motive der Trivialliteratur, eine esoterische Sprachmeditation oder eine ziemlich durchgeknallte Etüde? Oder alles zusammen? Jedenfalls bietet Savolainen eine Leseerfahrung irgendwo zwischen Delirium und Martyrium, die auf einen überzeugenden Schluss zusteuert. Da fliesst alles Erzählte, ganz surreal, in einen einzigen Punkt hinein, ein schwarzes Loch des Erzählens sozusagen. Was ist nämlich Literatur anderes als eine wundersame Fata Morgana aus Worten, die implodiert, sobald das Erzählen aufhört?

Patrick Savolainen: Farantheiner. Verlag die Brotsuppe, Biel 2018. 194 S., ca. 26 Fr.

Der Bund

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