Ein sympathischer Schussel klärt einen Mord auf

In ihrem vierten Krimi «Tödliche Praxis» bringt Esther Pauchard eine neue Protagonistin ins Spiel und schickt diese quer durch die Stadt Bern auf Verbrecherjagd.

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Die Autorin Esther Pauchard leuchtet den seelischen Zustand ihrer Figuren aus. Bild: zvg

Kassandra Berg hat ausgedient. War die impulsive, hartnäckige und manchmal zynische Ärztin die zentrale Hauptfigur in den drei Psychiatrie-Krimis der Thuner Schriftstellerin Esther Pauchard, so musste Berg jetzt einer anderen Dame Platz machen. In ihrem neuen Roman «Tödliche Praxis» räumt Pauchard Kassandra Berg nämlich nur noch einen Kurzauftritt ein, im Rampenlicht steht dafür eine junge Frau ganz anderer Natur: die 30-jährige Praxisassistentin Melissa Braun. Es habe sie gereizt, schwache und verletzliche Grundzüge auszuloten und einen Charakter zu modellieren, der ohne starke Entourage in eine missliche Lage gerate, erklärte Pauchard auf ihrer Homepage die Ablösung.

Die Situation, in der sich Melissa Braun zu Beginn von «Tödliche Praxis» wiederfindet, ist tatsächlich eine missliche: Die junge Frau findet nämlich bei Arbeitsantritt in einer Gemeinschaftspraxis am Berner Eigerplatz ihren diktatorischen Chef Franz Wasem erschossen in seinem Sprechzimmer vor. Weil sie am Vorabend des Mordes mit dem Chef einen lautstarken Streit ausgetragen hat, gerät Melissa ins Visier der Polizei. Unzufrieden mit deren Ermittlungen, beginnt sie, selber Nachforschungen anzustellen und macht dabei Bekanntschaft mit einem Mann namens Paul Kempf. Der rund zwanzig Jahre ältere, wortkarge Karatelehrer wird zu Melissas Schutzengel und unterstützt sie bei deren Unterfangen, ohne anfänglich offenzulegen, warum er dies tut.

Kontrastierende Figuren

Sie eckt weniger an, diese Melissa Braun, als es ihre literarische Vorgängerin tat. War Kassandra Berg mit ihrer egoistischen und zickigen Art manchmal eine veritable Nervensäge, so gehört Melissa Braun eher in die Kategorie der sympathischen Schussel. Sie mag grell-bunte, überkandidelte Kleidung und Kitsch jeglicher Art, behilft sich zur Entspannung ätherischer Öle und Do-it-yourself-­Akupressur und trägt stets eine rosa Dose mit Süssigkeitenvorrat in der Handtasche mit sich herum. Pauchards neue Protagonistin ist unsicher, manchmal kopflos und hoffnungslos romantisch, dabei aber auch eigensinnig und manchmal hinreissend scharfzüngig.

Als Kontrast hat Pauchard die Figur des Paul Kempf angelegt, der im Verlauf der Geschehnisse zu Melissas zentraler Bezugsperson avanciert. Die Lebens­einstellung des ehemaligen Karate­lehrers basiert auf Askese und Rationalität, mit Melissas überbordender Emotionalität und ihren halb garen esoterischen Lebensweisheiten bekundet er Mühe. Die Paarung von ungleichen Charakteren ist ein klassisches Element der Komödie, das auch in «Tödliche Praxis» formidabel funktioniert. So amüsiert man sich bestens dabei, wie sich Melissa und Paul auf Verbrecherjagd quer durch die Stadt Bern und bis ins verschneite Simmental aneinander reiben und für die Eigenheiten des andern anfänglich wenig Verständnis aufbringen.

Die Ausgangslage wird in «Tödliche Praxis» schnell präsentiert: Bereits auf Seite neun findet Melissa nämlich die Leiche ihres Chefs. Es dauert dann allerdings eine Weile, bis der Plot Fahrt aufnimmt, da Pauchard, selber Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, viel Zeit darauf verwendet, den seelischen Zustand und die Befindlichkeit ihrer Protagonistin auszuleuchten. Das wird sie im Verlauf der Geschichte immer wieder tun, was zuweilen etwas langfädig wirkt. Zudem sorgen die Mordanschläge auf die Amateurdetektivin zwar immer wieder für Spannung – und hier zeigt sich Pauchard als wahre Meisterin der Cliffhanger –, im Gegensatz zu früheren Krimis hält die 43-jährige Autorin den Kreis der Verdächtigen aber klein, weswegen beim ­Lesen der typische «Krimi-Mitknobel-Spass» etwas zu kurz kommt.

Esther Pauchard legt mit «Tödliche Praxis» einen Krimi vor, der von lebendig gezeichneten Charakteren – wenn manchmal auch hart an der Grenze zur Stereotypie –, präziser Sprache, sympathischer Ironie und überraschenden Wendungen lebt. Die eigentliche Grundlage für das Verbrechen, die im Bereich Cyberkriminalität zu verorten ist, wird aber erst so spät aufgegriffen, dass sie nicht wirklich in den Plot einfliesst, sondern nur nachgereicht wird. Das ist schade. Und richtig schade ist, dass Pauchard nicht den Mut hat, das letzte Kapitel als Abschluss der Geschichte stehen zu lassen, sondern im Epilog dann doch noch eine kitschige Rosamunde-Pilcher-Variante wählt.

Esther Pauchard: Tödliche Praxis. Lokwort, Bern 2016. 352 Seiten, ca. 25 Fr. Szenische Lesung in Bern: Orell Füssli im Loeb, Mittwoch, 21. September, 20 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 20.09.2016, 08:01 Uhr

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