Ein «Schlüsselbrett» bloggt sich frei

Was soll das alles? Der 27-jährige Berner Flurin Jecker legt mit «Lanz» einen beachtlichen Debütroman über die Nöte eines 14-Jährigen vor.

«Meine Figuren sind aus der Sprache entstanden»: Flurin Jecker.

«Meine Figuren sind aus der Sprache entstanden»: Flurin Jecker. Bild: Adrian Moser

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Manchmal kann es schnell gehen. Im Juni des vergangenen Jahres erzählte Flurin Jecker im Gespräch mit dem «Bund» über seine Abschlussarbeit am Schweizerischen Literaturinstitut. Drei Jahre hatte der 26-Jährige in Biel «Literarisches Schreiben» studiert.

Zum Zeitpunkt des Gesprächs bot eine Literaturagentin den Text Jeckers, der auch journalistisch für den «Bund» arbeitet, gezielt diversen Verlagen an. Bei Nagel & Kimche stiess das Manuskript auf Anklang und jetzt liegt Jeckers Abschlussarbeit gedruckt zwischen zwei Buchdeckeln vor und ist gleichzeitig auch sein literarisches Debüt.

Im Zentrum der Coming-of-Age-Geschichte steht ein 14-jähriger Junge, der gleichzeitig Ich-Erzähler ist. Er pendelt als «Schlüsselbrett» – so werden offenbar die «Schlüsselkinder» heute genannt – zwischen den Wohnungen seiner geschiedenen Eltern und befindet sich in der Phase zwischen Noch-Kind-Sein und ersten tastenden Schritten auf dem Terrain der Erwachsenen, zwischen Abnabelung und der Anbahnung neuer Freundschaften.

Diese Ausgangslage teilt «Lanz», der eigentlich Lancelot heisst, mit Hunderttausenden Jugendlichen in diesem Land. Er fragt sich, was das alles soll, dieses Leben, und wozu es ihn den überhaupt brauche. Der Name Lancelot evoziert Abenteuer in der weiten Welt und erinnert an den jungen Ritter, der als Mitglied der Artusrunde auf der Suche nach dem Heiligen Gral war, einer verbotenen Liebe zur Königin wegen aber in Ungnade fiel.

Lanz ist auch ein wenig verliebt. Im Unterschied zu den meisten seines Alters sei er jedoch noch «Jungfrau», bekennt er einmal: «Nicht einmal Jungfrau. Weil ich noch nicht einmal ein Mädchen geküsst habe».

Kein kleines Fischchen

In der letzten Woche vor den Ferien beginnt er nämlich im Rahmen eines Projekts einen Blog – ein Tagebuch, das sich an imaginäre Freunde richtet. Eigentlich besucht er das Projekt nur wegen eines Mädchens, Lynn, und muss dann feststellen, dass von ihr vorerst jede Spur fehlt und das Projekt erst noch vom verhassten Lehrer Gilgen alias Gilgonator geleitet wird. «Ich wollte Lynn und keinen scheiss Blog», stellt er am Ende des ersten Tages frustriert fest.

Sein Freund Andi hatte ihm das mit Lynn gesteckt und selber das Projekt «Fischers Fritz» gewählt. Der Fischerkurs entspreche eigentlich mehr dem «Naturell» von Lanz, findet Andi, «am Bach zu stehen und zu warten, bis der Fisch anbeisst, den ich eh wieder reinschmeissen muss, weil er zu klein ist». Lanz aber findet allmählich Gefallen an seinem Blog – und er hat einen Plan: Er reisst aus und fährt zu Verwandten nach Graubünden.

Aus der Sprache seien die Figuren entstanden, sagt Jecker, eigentlich die ganze Geschichte: «Ich habe zuerst ein Jahr lang geschrieben ohne Handlungsgerüst oder Bauplan.» Jeckers Protagonist spricht eine bewusst schmucklose, mitunter salopp-grobe Jugendsprache (die Wörter «dumm», «Mongo» oder «behindert» wendet der Protagonist durchaus auch auf sich an), deren Kunstcharakter jedoch immer durchschimmert und den Tonfall dadurch authentisch wirken lässt.

Lanz denkt nicht mehr viel an Lynn in Graubünden, dafür stellt er seinen Mut auf die Probe: Seine «Steinschlange» auf der Bahnschiene wird immer länger, er versteckt sich nicht mehr im Gras, grüsst vielmehr den Lokomotivführer des vorbeifahrenden Zuges wie einen «Kolleg».

Flurin Jeckers Romandebüt spielt zwar nicht in der Liga von Salingers «Fänger im Roggen» oder Wolfgang Herrndorfs «Tschick», es überzeugt als über weite Strecken präzise, von grosser Einfühlungsgabe zeugende Innenansicht eines sensiblen Heranwachsenden. (Der Bund)

Erstellt: 22.02.2017, 06:47 Uhr

Flurin Jecker

Lanz. Roman, Nagel & Kimche, München 2017. 125 S., 25.90 Fr.
Buchvernissage: Donnerstag, 23. 2., 19.30 Uhr, Naturhistorisches Museum Bern. Lesung im Rahmen der Literaare Thun am 25. Februar.

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