Ein Lebenswerk in 62 Schachteln

Rückschau und Trennungsschmerz: Die Schriftstellerin Ilma Rakusa hat kürzlich einen ersten Teil ihres persönlichen Archivs dem Schweizerischen Literaturarchiv übergeben.

«Die Fremdheit überwinden»: Ilma Rakusa.

«Die Fremdheit überwinden»: Ilma Rakusa. Bild: Adrian Moser

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Vor ungefähr einem Jahr kamen 62 schön geordnete Schachteln beim Schweizerischen Literaturarchiv (SLA) in Bern an. Es handelt sich um den ersten Teil des Archivs von Ilma Rakusa, die mit ihrem Erinnerungsbuch «Mehr Meer» 2009 den Schweizer Buchpreis gewonnen hat. Schon mehrere von Rakusas Schriftstellerkollegen hatten ihre Archive nach Bern gegeben: «So war es nur eine Frage der Zeit, bis ich selber diesen Schritt machen würde», sagt sie.

Es ist ein eher neues Phänomen, dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller schon zu Lebzeiten Archive zur Sicherung ihres literarischen Erbes in Anspruch nehmen. Früher war die Überlieferung von Nachlässen oft von Zu­fällen geprägt. Heute aber ist es Autorinnen und Autoren durch die Auswahl von Material möglich, auf den Umgang mit ihrem Werk aktiv Einfluss zu nehmen.

Zwischen den Sprachen

Als Lyrikerin, Schriftstellerin, Essayistin und Übersetzerin überschreitet Ilma Rakusa mühelos Gattungs- und Sprachgrenzen. Die Sensibilität für Sprache(n) und ihre Verwendung wurde ihr in die Wiege gelegt: 1946 als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen in der Slowakei geboren, verbrachte sie ihre Kindheit in Budapest, Ljubljana und Triest; im Alter von fünf Jahren kam sie nach Zürich. In «Zur Sprache gehen» schreibt sie über ihre nomadische Kindheit und Jugend: «Mein Ohr war auf Sprachen sensibilisiert: Se markierten Reichtum und Differenz. Was ich nicht verstand, flösste mir Unbehagen ein und den Reflex, diese Fremdheit zu überwinden – durch das Erlernen der unbekannten Sprache.» Dieses Interesse an und das feine Gespür für Sprache hat sie in ein äusserst vielgestaltiges und -stimmiges Werk verwandelt.

Ilma Rakusas literarisches Werk, das Gedichte, Erzählungen, Kurzromane, Dramolette und autobiografische Texte umfasst, wurde vielfach ausgezeichnet. Sie hat mehrere Poetikvorlesungen gehalten und sich wissenschaftlich und essayistisch mit den Literaturen der Welt, besonders Ost- und Südosteuropas auseinandergesetzt. Zudem hat sie bedeutende Autorinnen und Autoren wie Marguerite Duras, Imre Kertész, Marina Zwetajewa oder Anton Tschechow ins Deutsche übertragen. Ihre eigenen Werke wurden in zwanzig Sprachen übersetzt, darunter ins Arabische und ins Japanische.

Literatur findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern entsteht in einem gesellschaftlichen und ökonomischen Kontext.

Vom Sinai nach Japan

Am Archiv lässt sich Rakusas breites Tätigkeitsfeld beispielhaft nachvollziehen. Es umfasst Vorstufen der publizierten Werke, Korrespondenzen zu ihrer Entstehung sowie zahlreiche unveröffentlichte Manuskripte von Gedichten und Prosatexten, darunter ein Libretto. Unter die weniger bekannten Werke fällt zum Beispiel das Bild-Text-Buch «Sinai» (1980), dessen Entstehung eindrücklich dokumentiert ist – durch zahlreiche Fotografien tritt Rakusa auch als bildende Künstlerin in Erscheinung. «Wüsten studierte ich auf dem Sinai und in Marokko, dem westlichsten Teil des Orients. Mein innerer Kompass zeigt immer nach Osten», schreibt Rakusa 1988 im Typoskript eines Vortrags. Und es zog sie auch tatsächlich weit in den Osten: Die Begegnung lässt sich im Literaturarchiv anhand eines unveröffentlichten Japan-Journals (2013) verfolgen.

Ergänzt werden solche Materialien durch Leserbriefe, Verträge oder Honorarvereinbarungen. Literatur findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern entsteht in einem gesellschaftlichen und ökonomischen Kontext und ist durch handfeste, auch finanzielle Bedürfnisse geprägt. So lässt sich im SLA denn auch klären, wovon eine Schriftstellerin und Intellektuelle genau lebt und wie viel ein guter Text so kosten kann. Zum Beispiel wird offensichtlich, was viele schon ahnen: Das Leben als freischaffende Intellektuelle wird zunehmend härter; Arbeiten für Zeitungen und Verlage werden immer weniger gut entlohnt.

Ordnung der Fülle

Es ist bemerkenswert, wie gründlich Rakusa ihr eigenes Schaffen über Jahrzehnte hinweg archiviert hat: «Jedes Buch wurde dokumentiert, von den Skizzen, dem Typoskript, den Fahnen bis zu den Rezensionen.» Rakusa fühlt sich auch in ihrem Werk zum Ordentlichen, zum logisch Strukturierten hingezogen. Der Gedichtband «Ein Strich durch alles» (1997) etwa besteht aus neunzig Neunzeilern; im Essayband «Langsamer!» (2005) bilden im Inhaltsverzeichnis die ersten Buchstaben der Kapitelüberschriften das Titelwort.

Rakusas eigene Ordnungsprinzipien wurden bei der Erschliessung im SLA übernommen. Daraus ergibt sich eine bunte Durchmischung von Werk- und Recherchematerialien, Lebensdokumenten, Briefen und Sammlungen. Auch wird sichtbar, wie sehr sich Rakusas verschiedene Tätigkeitsfelder, ihre künstlerischen und intellektuellen Interessen durchdringen. «In meiner eigenen Wahrnehmung ist es das Zusammenspiel der verschiedenen Betätigungs­bereiche, die Fülle von Themen und Genres, die die Spezifik meines Archivs ausmachen. Wobei sich einige Leitmotive finden: zum Beispiel das der Einsamkeit, von der meine Dissertation und mehrere wissenschaftliche Aufsätze, zwei Anthologien und ein Erzählungsband handeln.»

Momentan arbeitet Ilma Rakusa an einem Werk mit dem Titel «Mein Alphabet», das sich nicht leicht in die strikte digitale Ordnung des Archivs fügt – wird dort doch beispielsweise säuberlich Prosa von Lyrik getrennt. «Mein Alphabet» aber enthält Gedichte, Prosa und Gespräche. Die Autorin arbeitet sich durch das Alphabet und sammelt Themen und Fragen, die sie ihr Leben lang umtreiben: «Ein persönliches Buch, zweifellos. Wobei ich mich auch zu Dingen äussere, die jeden angehen, wie ‹Angst›, ‹Haare›, ‹Kleider›, ‹Kindheit›, ‹Schlaf› oder ‹Schönheit›».

Ein Wechselbad der Gefühle

Mit einem lächelnden und einem weinenden Auge überlässt Ilma Rakusa ihr Archiv dem SLA; Trennungsschmerz und Erleichterung gehen Hand in Hand. Schon die Sichtung der Materialien war und ist ein Wechselbad der Gefühle ? «die Wiederbegegnung mit älteren, zum Teil vergessenen Arbeiten hatte etwas Belebendes.

Zugleich machte sie bewusst, wie viel Zeit vergangen war.» So stiess Ilma Rakusa auf unvollendete Projekte, zum Beispiel einen angefangenen Roman über die Kindheitsstadt Triest, den sie im Herbst 2019 als Teil einer zweiten Archivlieferung dem SLA übergeben wird. Mit der Rückschau stellte sich neben Euphorie eine gewisse Melancholie ein: «Das Nachdenken über das Getane (oder Versäumte) hat sich durch die Beschäftigung mit dem Archiv zugespitzt.» Doch es beruhigt Ilma Rakusa, ihr Archiv nun in den Händen einer Institution zu wissen. «Dass mein Archiv für Interessierte zugänglich gemacht wird, erscheint mir nicht nur sinnvoll, sondern auch tröstlich.»


Der erste Teil von Ilma Rakusas Archiv wurde von Joanna Nowotny erschlossen und kann ab sofort konsultiert werden. Unter //ead.nb.admin.ch/html/rakusa.html findet sich das digitale Inventar der Materialien. Einen zweiten Teil wird Ilma Rakusa im Herbst 2019 übergeben. Später werden Tagebücher und Notizbücher sowie eigene Zeichnungen, Collagen und Fotografien folgen. Die Tagebücher allerdings werden erst zehn Jahre nach Ilma Rakusas Tod der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – eine Massnahme zur Wahrung der Privatsphäre, von der viele Autoren im SLA profitieren. «Mein Alphabet» soll im Herbst 2019 beim Literaturverlag Droschl erscheinen.

(Der Bund)

Erstellt: 05.12.2018, 06:43 Uhr

Nationales Archiv

Ilma Rakusas Archiv ist in Bern in bester Gesellschaft. Das Schweizerische Literaturarchiv (SLA) verdankt seine Existenz Friedrich Dürrenmatt, der die Schenkung seines Nachlasses an den Bund an die Gründung eines nationalen Literaturarchivs knüpfte. Kurz nach Dürrenmatts Tod war es so weit; im Januar 1991 konnte das Archiv als Teil der Nationalbibliothek seine Arbeit aufnehmen.

Zu so illustren Autorinnen und Autoren wie Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse, Robert Walser oder Patricia Highsmith finden sich im Literaturarchiv Materialien. Auch die etwas jüngere Generation ist dabei, ins Archiv einzuziehen: Christoph Geiser etwa, der dieses Jahr den Grossen Literaturpreis von Stadt und Kanton Bern erhalten hat, überliess sein Archiv schon bald nach der Gründung dem SLA.

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