Ein Kontinent von Flüchtenden

Eine neue Studie wirft einen historischen Blick auf die Flüchtlingsströme in Europa. Meist haben die Aufnahmeländer langfristig von Zuwanderern profitiert.

Verpflegung an der Schweizer Grenze: Ungarische Flüchtlingsfamilie, 1956. Foto: Keystone

Verpflegung an der Schweizer Grenze: Ungarische Flüchtlingsfamilie, 1956. Foto: Keystone

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Flüchtlingskatastrophe? Der Begriff trifft nur für den Betroffenen zu, den einzelnen Flüchtling. Für ihn und seine Familie ist es katastrophal, Heimat, Sicherheit, Existenz aufgeben und sich der Gnade eines Aufnahmelandes ausliefern zu müssen. Für diese Aufnahmeländer bedeutet der Katastrophenbegriff aber eine unzulässige Dramatisierung.

Das zeigt ein Blick zurück. Der Historiker Phi­lipp Ther betrachtet die Geschichte Europas als die eines Kontinents, der in den letzten Jahrhunderten immer wieder von Flüchtlingsströmen durchzogen wurde – oft in einem Ausmass, das die heutige Lage weit übertraf. Der historische Blick relativiert manche Aufregung und sollte auch die Vertreter von «Obergrenzen», die Artikulierer eines vermeintlichen Volkswillens, der oft nichts anderes ist als gezielte Instrumentalisierung von Ängsten, nachdenklich stimmen.

Was Integration erleichtert

In den frühen 1920er-Jahren etwa befanden sich mindestens sieben Millionen Menschen auf der Flucht – drei Millionen vor dem russischen Bürgerkrieg, zwei Millionen infolge des griechisch-türkischen Krieges und anderthalb aus Südosteuropa, wo auch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges noch heftig gekämpft wurde. In den 1940er-Jahren waren es sogar dreissig Millionen Menschen, die Hitlers Krieg und seine Folgen auf die Strasse gebracht hatten. Die EU-Staaten schaffen es derzeit nicht einmal, die vereinbarten 160'000 Flüchtlinge aus Italien und Griechenland zu verteilen. Und in Deutschland wird Panik geschürt angesichts der knapp 900'000, die 2015 kamen: in einem Land, das zwölf Millionen Vertriebene aus den Ostgebieten aufnahm.

Der Vergleich wird manchem unstatthaft erscheinen; schliesslich waren es damals Deutsche, die nach Deutschland vertrieben wurden. Er zeigt aber, was Integration erleichtert bzw. erschwert. Die Vertriebenen aus dem Osten sprachen dieselbe Sprache, dennoch wurden sie oft angefeindet; und sie kamen in ein Land, das sich selbst von Krieg und Zerstörung erholen musste. Für die Ostflüchtlinge sprach, dass sie in das beginnende Wirtschaftswunder gerieten, dass Arbeitskräfte gesucht wurden, auch für einfache Arbeiten, und dass sie selbst meist anspruchslos waren. Deshalb gelang die Integration, spricht man von einer Erfolgsgeschichte.

Die älteste dieser Art ereignete sich im 17. Jahrhundert. Die aus Frankreich vertriebenen Hugenotten wurden in Preussen gern aufgenommen; sie genossen kulturelles Prestige, bekamen Privilegien und einen für sie zuständigen Vertreter mit direktem Zugang zum König. Lange blieben sie dennoch für sich, es war, so Philipp Ther, eher eine «Inkorporation», die Integration selbst dauerte zwei bis drei Generationen. Ziemlich genauso lang wie die der «Ruhrpolen» im 19. Jahrhundert. Schneller ging es nur mit den Algerienfranzosen 1962, für die der französische Staat umgerechnet 17 Milliarden Euro Eingliederungshilfe ausgab; heute wählen viele ehemalige «Pieds Noirs» und ihre Nachkommen den Front National.

Flüchtlinge sind «Motor wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen»

Ther dämpft also, auch mit dem Blick auf eher einfache Fälle, übertriebene Erwartungen. Im Grundsatz lehrt ihn aber die historische Erfahrung: Flüchtlinge sind den Aufnahmegesellschaften letztlich immer zugutegekommen, sie sind «Motor wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen». Das ist das politische Anliegen seiner brillanten Gesamtschau.

Der Autor wählt für seine Darstellung eine Kombination von historischem und typologischem Zugang. Kleine Porträts prominenter oder auch unbekannter Flüchtlinge – von Madeleine Albright bis zum kleinen Aylan Kurdi – belegen ausserdem, dass jeder «Fall» ein Mensch ist. Ther erzählt, beginnend mit der Vertreibung einer halben Million Juden und Muslime aus Spanien Ende des 15. Jahrhunderts (wodurch sich das Land schwer schädigte), in einer fast ermüdenden Abfolge von Fluchtbewegungen aus religiösen, ethnischen, politisch-nationalistischen und ideologischen Gründen. Vieles ist bekannt, manches vergessen, anderes übersehen worden.

Weltpolitische Verwicklungen

Wer etwa hat im Frühsommer 1989 mitbekommen, dass der bulgarische Diktator Todor Schiwkow 300'000 türkischstämmige Menschen, die er jahrelang schikaniert hatte, «ausreisen liess». Dass in der internationalen Politik kein Hahn danach krähte, hat Slobodan Milosevic genau beobachtet und daraufhin seine grossserbische Hasskampagne gestartet, die zu ethnischen Säuberungen, Massakern und einer neuen Flüchtlingswelle führte.

Einen anderen fatalen Zusammenhang stellt Ther zwischen den bei der «Reconquista Südosteuropas» Ende des 19. Jahrhunderts vertriebenen Türken und dem Genozid an den Armeniern 1915 her: 41 Prozent der Führungsschicht des Osmanischen Reiches waren Vertriebene vom Balkan, die das Trauma der Flucht in einen mörderischen Nationalismus umgemünzt hatten.

Von solchen Verwicklungen und Verstrickungen ist Thers Buch voll, ja übervoll, zumal er die einzelnen Fluchterfahrungen in die grossen weltpolitischen Zusammenhänge ebenso einordnet wie in die Fort- und Rückschritte der völkerrechtlichen Vereinbarungen. Es gab bessere und schlechtere Zeiten für Flüchtlinge, stellt er fest. Während des Kalten Krieges etwa waren die westeuropäischen Gesellschaften überaus motiviert, die Opfer der sow­jetkommunistischen Unterdrückung als «Helden» in ihre Arme zu schliessen (und lebenden Beweis der Überlegenheit ihres eigenen Systems).

Dabei tat sich die Schweiz besonders hervor. Mit 12 810 Menschen nahm sie 1956/57 nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes proportional mehr Flüchtlinge auf als jedes andere Land. Ähnlich freundlich erwies sie sich 1968/69 gegenüber 13'000 Tschechen und Slowaken, die mit einer Sonderregelung auch leichter Zugang zum Arbeitsmarkt bekamen. Eine schöne Anekdote erzählt Ther über den italienischen Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini, einen Vordenker des vereinten Europas. Der war in die Schweiz geflohen und sollte, in Abwesenheit zum Tode verurteilt, an die Österreicher ausgeliefert werden. Die Gemeinde Grenchen versteckte ihn zuerst und erreichte dann, dass er nach London ausreisen konnte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2017, 20:54 Uhr

Philipp Ther
Die Aussenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa.

Suhrkamp-Verlag, Berlin 2017. 436 S., ca. 38 Fr.

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